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Django (49) und Benjamin Buch (18) arbeiten als Steinmetze beim Tag des Friedhofs auf dem Hauptfriedhof an einer Sitzgruppe für die Besucher. Die Gesellen der Innung wollten damit auch ihr Berufsbild präsentieren.

„Tag des Friedhofs“

Denn der Tod gehört zum Leben

Gestern gab es zum Tag des Friedhofs den ersten Frankfurter Trauer-Slam. Dabei wurden fiktive Trauerreden gehalten – für wen, das galt es zu erraten.

Auf einem der Gräber liegt eine Martini-Flasche, daneben stehen stilecht zwei Gläser, und ein schnieker Smoking ist aufgehängt. Unweit davon ist ein Grab mit einem rosa Stoff-Donut und einer leeren Dose Duff-Bier geschmückt. Nein, James Bond und Homer Simpson sind nicht tot und liegen auch nicht auf dem Frankfurter Hauptfriedhof. Es ist auch keine abgedrehte Gräberidee für Großstadt-Hipster. „Wir wollten nur den ersten Frankfurter Trauer-Slam, bei dem es später fiktive Trauerreden für berühmte Persönlichkeiten zu erraten gilt, illustrieren“, erzählt Michael Ballenberger, Vorstandsvorsitzender der Genossenschaft der Friedhofsgärtner. Der Trauer-Slam ist nur einer der Programmpunkt an diesem Sonntag, dem Tag des Friedhofs.

Der Untertitel des Tages: „Es lebe der Friedhof“. Schwarzer Humor ist erlaubt. Eine Besucherin trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift „Der letzte Wagen ist immer ein Kombi“, unweit davon kann man sich mal einen Sarg im Leichenwagen aus der Nähe anschauen. Keine Sorge, dieser ist natürlich leer. Außerdem gibt es Kinderschminken oder man kann beobachten, wie die Gesellen der Steinmetzinnung Hessen-Mitte eine Sitzgruppe herstellen. „Wir haben uns bewusst diese Stelle ausgesucht, weil hier die Wiese ist, wo viele Familien gerne picknicken, und wir dachten, wir schaffen eine Alternative für Leute, die vielleicht keine Lust haben, auf dem Boden zu sitzen“, sagt Heike Mertens, Steinmetz- und Steinbildmaurergesellin. Eine Besucherin erzählt, dass sie zweimal die Woche sowieso auf dem Hauptfriedhof sei, weil hier ihr Mann begraben sei. „Aber ich komme auch gern zum Tag des Friedhofs. Nur diesmal bin ich enttäuscht, dass es nicht so viele Mustergräber wie vor zwei Jahren zu sehen gibt“, sagt sie. Das Homer-Simpson-Grab findet sie lustig: „Wenn es zur Person passt, warum nicht auch mal was Kreatives? Für mich aber wäre das nichts, da würden meine Familie und Bekannten denken: ,Bei der Alten sind jetzt alle Sicherungen durchgeknallt‘.“ Dabei gibt es nichts, was es nicht gibt. Auch ziemlich verrückte Ideen für die Beerdigung, wie Heike Kahlert, Geschäftsinhaberin der Pietät im Prüfling, erzählt. „Ein bisschen sind wir wie Eventmanager. Wir versuchen alles möglich zu machen, was sich die Leute wünschen.“ Von einer Verstreuung der Asche der Mutter auf Bali über das Abspielen des Heinz-Schenk-Lieds „Es ist alles nur geliehen“, „weil es das Lieblingslied des Verstorbenen“ war, hin zur Staffelei mit Bild bei der Trauerfeier. „Ein Herr wünschte sich ausdrücklich, dass seine Familie und Freunde nicht am Grab weinen, sondern feiern. Sie kamen dann alle, wie er es sich gewünscht hatte, in bunten Kleidern, und wir mussten dann auch Sekt am Grab ausschenken“, sagt Kahlert. Nicht ganz so verrückt, aber dafür ein Trend sei der Wunsch, in Friedwäldern die letze Ruhe zu finden. Aber auch Seebestattungen seien durchaus populär. Wie auch das Selbstdekorieren der Urnen – ob mit Blümchen, Perlen oder bunten Herzen vom Enkelkind bemalt.

Wer mehr Lust hat auf Führungen, kann wählen zwischen „Berühmte Persönlichkeiten auf dem Hauptfriedhof“ und „Kinderaugen sehen den Friedhof“. „Wir wollen den Kindern die Angst vor Friedhöfen nehmen. Ihnen zeigen, dass der Tod nichts ist, vor dem sie sich fürchten müssen“, erzählt Alexandra Tolba von der Genossenschaft der Friedhofsgärtner. Viele Familien, aber auch Michael Thoma, Erzieher der Kita Frieden, ist gekommen. „Auch bei uns in der Kita ist Tod ein Thema, so hatten wir schon mal ein Frühstück, wo alle Kinder Bilder von Verstorbenen mitgebracht haben: Tote Haustiere oder von der Oma, die nicht mehr lebt.“

Als erste Station macht Tolba an einem Roma-Mausoleum Halt. „Das ist an dem Wohnzimmer des Verstorbenen angelehnt.“ Die Glastür ist verschlossen, aber wenn man durchsieht, erkennt man ein Foto des Verstorbenen in einem königlich-prunkvollen Goldrahmen. „Die Verwandten haben den Schlüssel und kommen hier regelmäßig vorbei, reden mit dem Toten, trinken und rauchen. Sie leben mit dem Toten“, so Tolba.

Wenig später liest sie den Kindern aus Heinrich Hoffmanns „Struwwelpeter“ die Geschichte des „Zappelphilipp“ vor. Und zwar vor seinem Grab, denn den „Zappelphilipp“ gab es wirklich. „Es war der Sohn eines Kollegen von Hoffmann, der an ADHS litt.“ „Doktor med. Philipp Julius von Fabricius“ steht auf dem Grabstein.

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