Versteht es junge Leute zu begeistern und jammte mit ihnen im Haus am Dom: David Amram (90) FOTO: Bernd kammerer
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Versteht es junge Leute zu begeistern und jammte mit ihnen im Haus am Dom: David Amram (90)

Eine Idee des Generalkonsulats

Der Altmeister heizt den Jungen ein

  • VonBrigitte Degelmann
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Jazz-Legende aus den USA improvisierte mit musikalischem Nachwuchs vom Main

Zwischen dem Haus am Dom und dem Frankfurter Jazzkeller liegen normalerweise Welten - nicht nur wegen der räumlichen Distanz. Doch am Samstagnachmittag rückten beide Welten nah zusammen: Bei einem zweistündigen Workshop in der Bistumseinrichtung jammte nämlich der legendäre US-amerikanische Jazzmusiker David Amram (90) zusammen mit gut einem Dutzend junger Frankfurter, gab ihnen nebenbei Tipps und erzählte ihnen Geschichten aus seinem Musikerleben.

Der Liebe wegen Waldhorn gelernt

Weniger über seine beeindruckende Karriere - Amram spielte unter anderem mit Jazzgrößen wie Dizzy Gillespie, Charles Mingus und Lionel Hampton, organisierte mit dem Schriftsteller Jack Kerouac die erste Jazz-Poetry-Lesung in New York, komponierte etliche Filmmusiken und war 1966 erster "Composer in Residence" der New Yorker Philharmoniker. Sondern vielmehr über seine Erfahrungen und auch über seine Anfänge. Zum Beispiel darüber, wie er zum Waldhorn gekommen war, ein für den Jazz nicht unbedingt typisches Instrument. Ursprüngich habe er als Jugendlicher ja Trompete gespielt, sagte Amram. Dabei machte ihm jedoch das große Mundstück zu schaffen. Also hielt er Ausschau nach einem anderen Blasinstrument. Und da er damals gerade in eine junge Waldhornistin verliebt gewesen sei, habe er eben damit begonnen - um im Orchester in ihrer Nähe sitzen zu können.

Was er denn werden wolle, habe sein Vater ihn irgendwann gefragt. Die erste Antwort des jungen David Amram: "Farmer." Der Vater schüttelte den Kopf: "Das hat keine Zukunft." - "Dann eben klassischer Komponist und Jazzmusiker." Nun war der Vater vollends entsetzt: "Das ist das Schlimmste."

Zum Glück ließ sich David Amram, der neben Waldhorn auch Klavier und Flöte spielt und ein Meister des Skat-Gesangs ist, von diesen Bedenken nicht abhalten. Seine musikalische Laufbahn startete er 1951 als Waldhornist im National Symphony Orchestra in Washington D.C., bevor er ein Jahr später mit der US-Army nach Deutschland kam und mit dem 7th Army Symphony Orchestra durch ganz Westdeutschland tourte. Da er als US-Soldat in Frankfurt stationiert war, landete er schnell auch im Jazzkeller, wo er unter anderem mit Albert und Emil Mangelsdorff spielte. "Frankfurt - that was the place to go", erinnerte er sich: "Die Leute hörten zu, hatten Respekt vor der Musik."

Wie eine große Familie

Nicht dass man dabei großartig Geld verdient hätte. Umsonst hätten sie gespielt. "Der Jazzkeller war damals sehr einfach. Das war eine große Familie." Aus jener Zeit spricht er auch Deutsch. Immer noch erstaunlich gut, wie die Jugendlichen sowie rund 20 Zuhörer am Samstag feststellten, wenn er beim Erzählen deutsche Sätze einstreute. Aber im Mittelpunkt stand natürlich die Musik. Stücke wie "Mercy Mercy Mercy", "Bag's Groove", "Song for my father" sowie der "C-Jam-Blues", bei dem die fünf jungen Saxofonisten in kleinen Soli glänzten und eine junge Sängerin im Skat-Gesang. Bis Amram zwei kleine Tin Whistles hervorzog - Blechflöten, wie sie in der irischen Volksmusik verwendet werden - und auf beiden zugleich zu spielen begann. Mit einer Virtuosität, die die Zuhörer begeistert beklatschten. Dabei, sagte er irgendwann, sei diese Kunstfertigkeit gar nicht das Entscheidende. "Nicht zu viele Noten spielen, immer ein bisschen hinten bleiben", empfahl er den jungen Musikern. Außerdem: immer wieder Pausen setzen. Und das Wichtigste: "Erzählt Eure Geschichte." Auch überschwängliches Lob hatte er parat: "You guys are great, incredible - bravo, Frankfurt!"

An der Jam-Session mit David Amram wirkten Schüler der Frankfurter Musikschule in der Schirn mit, ebenso Studenten des Konservatoriums, Schüler der Helmholtzschule sowie Teilnehmer des Projekts "Jazz und Improvisierte Musik in die Schule" (JIMS). Dabei, sagte Sabine Kalmer, Regionalleiterin der Musikschule an der Schirn, sei der Workshop relativ spontan zustande gekommen. Über das amerikanische Generalkonsulat habe man am 1. Oktober erfahren, dass David Amram, der am Sonntag auch im Jazzkeller auftrat, gerne mit jungen Musikern spielen wolle. "Das kann man sich nicht entgehen lassen", dachten sich Kalmer, JIMS-Leiter Sascha Wild sowie Gernot Dechert, Leiter der Musikschul-Bigband, und Peter Klohmann, Gründer der Konzertreihe "Junge Szene Frankfurt" im Jazzkeller. Die Noten für die vier Stücke, die gespielt wurden, erhielten die Schüler erst einen Tag zuvor, den letzten Schliff gab es bei einer zweistündigen Probe direkt vor dem Workshop. "Das war spontan, aber schön", sagte Gitarrist Lino (16), "alle waren gut drauf, das war wunderbar". Trompeter Justus (15) stimmte zu: "So eine Chance kriegt man schließlich nicht jeden Tag."

Brigitte Degelmann

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