Vor der Pandemie: Am 14. Dezember 2019 singt der Polizeichor Frankfurt auf der Bühne des Nordwestzentrums Weihnachtslieder. Im Gegensatz zu vielen anderen Frankfurter Chören hat er wegen Corona nicht das Problem, dass ihm die Sänger von der Fahne gehen.
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Vor der Pandemie: Am 14. Dezember 2019 singt der Polizeichor Frankfurt auf der Bühne des Nordwestzentrums Weihnachtslieder. Im Gegensatz zu vielen anderen Frankfurter Chören hat er wegen Corona nicht das Problem, dass ihm die Sänger von der Fahne gehen.

Corona-Folgen

"Der Chor zerfällt"

  • VonBrigitte Degelmann
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Wie Frankfurts Gesangsgruppen zunehmend verzweifelt den Widrigkeiten der Pandemie zu trotzen versuchen.

Frankfurt. In gewöhnlichen Zeiten hat der Frankfurter Polizeichor in den Dezember-Wochen gut zu tun: Zwei Weihnachtsmarkt-Auftritte stehen dann an, ebenso Konzerte im Nordwestzentrum, im Begegnungszentrum Eckenheim, in Kirchen und bei der Weihnachtsfeier im Polizeipräsidium. Doch dieses Jahr: nichts. "Alles abgesagt", sagt Chor-Vorsitzender Eike Schütte. Ebenso das für vergangenen September geplante Jubiläumskonzert in der Alten Oper anlässlich des 90-jährigen Bestehens des Polizeichors. Auch viele andere Gesangsgruppen in Frankfurt verzichten in diesem Advent auf Live-Veranstaltungen, wegen der explodierenden Corona-Zahlen. Zu groß ist die Angst vieler Organisatoren vor möglichen Ansteckungsfällen, zumal in Pandemie-Zeiten gerade Singen und Blasmusik wegen der dabei ausgestoßenen Aerosole unter besonderer Beobachtung stehen.

Die Auftritte sind nicht zu ersetzen

Für die Sänger, vor allem aber für die Chorleiter und Vereinsvorsitzenden, sind die Ausfälle schmerzhaft. Schließlich schweißen solche Projekte ein Ensemble zusammen: die gemeinsame Vorbereitung, das Hinfiebern, die Nervosität kurz vor dem Auftritt, die Aufführung selbst und dann am Ende der erlösende Beifall. All das fehlt. Die Folge: "Es wird immer schwieriger, die Mitglieder bei der Stange zu halten", sagt Renate Schechinger, Vorsitzende der "Vielharmonie" in Sachsenhausen. Ana Batistic, die unter anderem den Gospelchor Herz Jesu Eckenheim und den Studentenchor "Terz" leitet, bestätigt das. Weil man derzeit nicht absehen könne, wann es wieder gemeinsame Auftritte gebe, schleiche sich eine gewisse Unverbindlichkeit ein. Mögliche Konsequenz: "Der Chor zerfällt."

Auch auf den Vereinskonten machen sich die zahlreichen Konzert-Absagen der vergangenen Monate bemerkbar. 5000 bis 6000 Euro an Einnahmen habe die "Vielharmonie" vor Corona pro Jahr erzielt, berichtet die Vorsitzende. Nach Abzug aller Unkosten blieben immerhin 1000 bis 1500 Euro. Geld, für das man beispielsweise neue Noten kaufte. Oder Ausgaben für Dirigenten und Räume finanzierte. "Im Moment können wir das durch die Beiträge noch abfangen", sagt Renate Schechinger. "Aber irgendwann kann das prekär werden."

Proben in Präsenz sind (noch) möglich

Froh sind die Chöre darüber, dass sie derzeit immerhin noch in Präsenz proben dürfen - was während des Lockdowns im vergangenen Winter nicht möglich war. Viele treffen sich unter 2 G- oder sogar 2 G-plus-Regelungen, lassen also nur Geimpfte oder Genesene zu, die sich zuvor noch testen. Außerdem werde penibel auf die Einhaltung von Abstands- und Hygieneregeln geachtet, sagt Iris Wolter, Vorsitzende des Sängerkreises Frankfurt und auch der Frankfurter Spatzen. Bei letzteren tragen die Aktiven während der Proben sogar Masken, um auf Nummer sicher zu gehen. Außerdem komme man nur noch in Zehnergruppen zusammen, für Stimmproben, sagt Wolter. Bis Mitte November war das noch anders. Da hätten sich die Kinder und Jugendlichen noch draußen getroffen, mit Wolldecken und heißem Tee, um größere Gruppen zu ermöglichen. Wichtig nach den Wochen und Monaten, in denen solche Präsenz-Proben überhaupt nicht mehr möglich waren und man sich allenfalls virtuell begegnete. "Die Gemeinschaft hat denen so gefehlt", sagt Wolter.

Doch gerade ältere Sänger überlegen sich oft dreimal, ob sie eine Probe besuchen sollen - aus Furcht, dass sie sich trotz aller Sicherheitsvorkehrungen doch anstecken könnten. Von den ursprünglich rund 30 Mitgliedern des Eckenheimer Gospelchors komme höchstens noch die Hälfte, sagt Ana Batistic, einige hätten sich bereits abgemeldet. Wegen solcher Ängste treffen sich die Mitglieder des Polizeichors, von denen die meisten im Seniorenalter sind, seit eineinhalb Jahren hauptsächlich virtuell. Nur einige wenige Präsenzproben habe man in den vergangenen Monaten angesetzt, erinnert sich Eike Schütte. Er schätzt, dass mittlerweile rund ein Dutzend der knapp 200 Aktiven dem Ensemble den Rücken gekehrt haben. Bei anderen Chören registriert man ähnliche Tendenzen. Renate Schechinger geht davon aus, dass sich mindestens zehn Prozent der Mitglieder zurückziehen könnten, bei einigen Chören sogar noch mehr. "Nach der Corona-Pandemie", sagt sie, "werden wir wohl zwei bis drei Jahren Wiederaufbauarbeit brauchen."

Brigitte Degelmann

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