Das gab es 77 Jahre lang nicht - bis Corona es nötig machte: Weihnachtsgottesdienst in der Paulskirche. Foto: Rainer Rüffer
+
Das gab es 77 Jahre lang nicht - bis Corona es nötig machte: Weihnachtsgottesdienst in der Paulskirche. Foto: Rainer Rüffer

Corona-Weihnachten

Der erste Gottesdienst in der Frankfurter Paulskirche seit 1943

Protestanten nutzen die Frankfurter Paulskirche für Corona-konforme Feiern

Frankfurt -Weihnachten ist da. Einfach so. Und ein paar Anklänge an die üblichen Traditionen gibt es am Nachmittag vor Heiligabend doch: "Süßer die Glocken nie klingen", intoniert Carillonistin Yuko Tajima und erfreut mit dem Glockenspiel der Alten Nikolaikirche eine kleine Gruppe am Römerberg. Natürlich ohne Ankündigung, denn ein großer Besucherandrang soll ja in Corona-Zeiten vermieden werden.

"Ich heiße Sie herzlich willkommen zum ersten Weihnachtsgottesdienst in der Paulskirche seit 77 Jahren", begrüßt Pfarrerin Andrea Braunberger-Myers. In ihrer Predigt im Abendgottesdienst wird sie an den letzten Weihnachtsgottesdienst im Kriegsjahr 1943 erinnern, an die Zeit der Zerstörung, die nur hochbetagten Zeitzeugen noch gegenwärtig ist. Aber auch an das Grundrecht auf Religionsfreiheit, das 1848 in der Paulskirchenversammlung beschlossen wurde und diese "leibhaftige Versammlung an Weihnachten" unter strengen Hygieneregeln gewährleistet.

Die Paulskirche wurde als Versammlungs- und Gedenkstätte mit Plenarsaal wiederaufgebaut, aber auch mit Turmkreuz und Orgel, um den kirchlichen Charakter zu wahren. Denn die evangelische Kirche in Frankfurt und besonders die Sankt Paulsgemeinde dürfen das Gebäude in städtischem Besitz auf Anfrage weiterhin für Gottesdienste nutzen. Doch in den strahlend weißen, nüchternen Saal mit Bundes- und Länderflaggen etwas weihnachtliche Atmosphäre zu zaubern, ist nicht einfach. Da die strengen Brandschutzauflagen selbst einen elektrisch beleuchteten Weihnachtsbaum verbieten, müssen zwölf blühende Weihnachtssterne, ein kleiner Altar, ein gemaltes Bild mit dem Paulskirchenkreuz und die Krippe des Schaustellerverbandes Rhein-Main vom Weihnachtsmarkt an der Hauptwache als Schmuck genügen.

"Herbei nun, ihr Gläubigen", stimmen die Solosänger und Bläser an. Man spürt einen Reflex, möchte einstimmen - aber halt, das geht ja nicht. Die Lesungen erklingen, Kaiser Augustus schickt Maria und Josef nach Nazareth, der Stall in Bethlehem macht den Herrn "aus dem Stamme Davids" zum Gestrandeten. "Fürchtet euch nicht!", verkündet Braunberger-Myers. Eine Ermutigung an die Gläubigen, aber auch an die Sänger, die mit "Kommet ihr Hirten" und "Es ist ein Ros entsprungen" gegen die Akustik singen, die im großen, elliptischen Oval der Paulskirche schon immer schwierig war. Vor allem dann, wenn sich 80 Besucher dort verlieren, wo eigentlich 800 Platz finden sollen. Viel mehr als eine Generalprobe blieb den Musikern nicht zum Üben.

Hinaus in die ganz besonders stille Nacht

"Corona hat unser Leben radikal beschnitten, das Virus setzt unserem Zusammenleben bittere Grenzen", predigt Stadtdekan Achim Knecht. Für immer mehr Erkrankte bedeute es auch den Tod. "Doch das Lied von dem Ros, das entspringt und aus dem 16. Jahrhundert stammt, bezieht sich auf den Propheten Jesaja im Alten Testament und zeigt, dass das Leben stärker ist und aus einer Wurzel wieder neu austreiben kann." Dabei entstand Jesajas Verheißung von Jesu Geburt in einem verwüsteten Land ohne viel Hoffnung.

Doch auch Maria, Josef und das Jesuskind hätten viel mit den Problemen unserer Zeit zu tun. "Auf ihrem Weg nach Bethlehem erscheinen sie heimatlos wie Geflüchtete und verbringen die Heilige Nacht unter Armen als eine Kernfamilie, auf die wir uns auch jetzt wegen Corona begrenzen sollen." Die Hirten hüten die Herden und schützen sie vor Raubtieren, wie sie auch im Charakter vieler Menschen stecken. "Raubtiere geben auch in unserer Gesellschaft egoistisch den Ton an. Und sogenannte Querdenker üben sich während der Pandemie leider in Egoismus statt in Solidarität." Doch Gott schenke in Christus Trost und einen neuen Anfang.

Am Ende bekommen die Musiker Applaus, die Besucher gehen geordnet in die Stadt, über die nun wirklich eine stille Nacht hereinbricht. Ohne Stadtgeläute, doch mit wachsamen Blicken vor den Gotteshäusern. Vor dem nächsten Gottesdienst in der Paulskirche gönnen sich die Sicherheitsleute eine Zigarettenpause, während im Plenarsaal kräftiges Lüften und Putzen angesagt ist.

Insgesamt erleben 180 Besucher die beiden Gottesdienste an Heiligabend. "Nach Beginn des zweiten harten Lockdowns gab es einige Stornierungen, dafür konnten wir unangemeldete Besucher einlassen", erklärt Andrea Braunberger-Myers. Es ist schließlich Weihnachten. Gernot gottwals

Für jeden zu hören

Der Weihnachtsgottesdienst in der Paulskirche kann unter www.paulsgemeinde.de nachgehört werden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare