Helgo Müller (71) saß 40 Jahre für die SPD im Ortsbeirat 1. Am kommenden Sonntag wird sein Name erstmals auf dem Wahlzettel fehlen. In seiner aktiven Zeit setzte sich der Polizist und überzeugte Europäer besonders für das gleichnamige Viertel ein.
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Helgo Müller (71) saß 40 Jahre für die SPD im Ortsbeirat 1. Am kommenden Sonntag wird sein Name erstmals auf dem Wahlzettel fehlen. In seiner aktiven Zeit setzte sich der Polizist und überzeugte Europäer besonders für das gleichnamige Viertel ein.

Gallus: Kommunalpolitisches Urgestein

Der Europäer, der für das Viertel stritt

  • vonGernot Gottwals
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Einer der dienstältesten Frankfurter Stadtteilparlamentarier hört nach vier Jahrzehnten auf

Als der Sozialdemokrat Helgo Müller 1981 erstmals in den Ortsbeirat 1 (Altstadt, Bahnhofsviertel, Europaviertel, Gallus, Gutleutviertel, Innenstadt) gewählt wurde, gab es statt der EU noch die EWG und nördlich vom Gallus den Güterbahnhof. Seitdem hat sich die Welt verändert. Und dass es in Frankfurt ein sogenanntes Europaviertel mit den Straßennamen europäischer Hauptstädte gibt, das ist auch dem SPD-Politiker (71) zu verdanken, der am kommenden Sonntag bei der Kommunalwahl nicht mehr antreten wird. So endet nach 40 Jahren eine Ära. Nicht aber seine Einstellung.

"Ich bin eben überzeugter Europäer und Frankfurt ist schließlich Europastadt", stellt Müller fest. Auch wenn Europa ein Jahr nach dem Brexit während der Corona-Krise auf eine schwere Probe gestellt werde. Aber den Schritt in die europäische Freizügigkeit möchte er ebenso wenig missen wie seinen persönlichen Schritt aus seinem Heimatort Herbstein in die Mainmetropole, den er 1970 wagte. Oder seine vier Jahrzehnte im Ortsbeirat. Durchgängig. Damit ist er einer der dienstältesten Stadtteilparlamentarier. Nur Albrecht Fribolin (CDU) bringt es auf mehr Jahre, trat dem für den Frankfurter Westen zuständigen Ortsbeirat 6 bereits 1980 bei. Und denkt noch nicht ans Aufhören.

Als Polizist nach Frankfurt

Auch Müller kann sich noch gut an seine Anfänge in Frankfurt erinnern. "Zunächst hatte ich ja Bürokaufmann gelernt, doch ewig hinterm Schreibtisch, das wäre nichts für mich gewesen", räumt Müller ein. Als in Oberhessen Nachwuchspolizisten gesucht wurden, ergriff er seine Chance und ließ sich schon wenige Jahre später in die Großstadt versetzen. Frankfurt war ihm durchaus bekannt, da sein Vater hier öfter als Verputzer arbeitete. Und da Müllers Frau aus dem Gallus kam, zog auch er in die Schloßborner Straße.

Besonders politisch sei es in seinem Elternhaus nicht zugegangen, erinnert sich Müller. "Weil mir soziale Gerechtigkeit wichtig war und ich mich für die kleinen Leute einsetzen wollte, trat ich 1976 in die SPD ein", sagt Müller. Während er sich auf den Juso-Stammtischen im Gallus in seine neue Partei einfand, erlebte er auch im Polizeidienst Brennpunkte wie das Rotlichtmilieu im Bahnhofsviertel und die Drogenszene rund um das damalige Stadtbad Mitte (heute Hilton Hotel). Die sogenannte Haschwiese, die sich später Richtung Taunusanlage verlagerte.

Ein Aufschrei im Quartier

"Als Oberbürgermeister Walter Wallmann (CDU) in den 1980er Jahren die Rotlichtszene im Bahnhofsviertel auflösen und in die umliegenden Quartiere verlegen wollte, gab es auch im Gallus einen Aufschrei", erinnert sich Müller. Diese Anregung wurde nicht umgesetzt, dafür die Gründung der aus Hufnagel-, Rebstöcker- und der Förderstufe der Günderrodeschule zusammengelegten, 1986 benannten Paul-Hindemith-Schule.

Passend zu seinem Polizeiberuf setzte sich Müller vor allem für Verkehrsberuhigung im Gallus und die bis heute gültige Einbahnstraßenregelung in der Schloßborner Straße ein. Doch Anregungen, im Hauptbahnhof mit Schildern vor Taschendiebstählen zu warnen, blieben zunächst erfolglos. Ebenso wie eine Anregung von ihm, im Jahr 2003 eine Straße im Gerichtsviertel in "Gewaltopferstraße" umzubenennen, um an die Opfer von Verbrechen zu erinnern.

Doch als ab dem Jahr 1995 der Verkehr am Güterbahnhof rückläufig war und sich die Umwandlung in ein Wohn- und Geschäftsviertel abzeichnete, erkannte Müller die Zeichen der Zeit: "Frankfurt braucht ein Europaviertel", lautete ein Antrag von April 1999, der seine Handschrift trug. "Hier erkannte ich die Chance, der europäischen Bedeutung Frankfurts Rechnung zu tragen und später auch gemeinsam mit anderen Ortsbeiratsmitgliedern Vorschläge für die Benennung der neuen Straßen und Plätze nach europäischen Hauptstädten vorzuschlagen."

Kein Einzug in den Römer

Im Ortsbezirk wurde Müller für seine Eigenschaft bekannt, sämtliche Anregungen im Ortsbeirat zu sammeln und für die Bürger zu dokumentieren, was davon umgesetzt werden konnte. Einmal kandidierte er für die Stadtverordnetenversammlung, blieb dann aber im Ortsbeirat, zeitweise auch als Fraktionsvorsitzender.

"In der Sache waren wir oft verschiedener Meinung und diskutierten auch hart, doch diese persönlichen Spannungen und Rivalitäten wie in den vergangenen Jahren gab es früher im Ortsbeirat 1 nicht", findet Müller. Scheiterte daran auch der Antrag von Ortsvorsteher Oliver Strank (SPD), einen Platz vor dem Hauptbahnhof nach Oskar Schindler zu benennen? Für Müller war es jedenfalls einer der wenigen Momente, in dem ihm der Kragen platzte. Neben dieser Benennung wünscht sich Müller künftig den Durchstich durch den Homburger Damm und eine Aufwertung des Bahnhofs Galluswarte vor allem durch Aufzüge.

"Ich werde dem Ortsbeirat verbunden bleiben und die ein oder andere Sitzung als Müller Augenmaß verfolgen", meint er. Und endlich mehr Zeit für seine Familie und die beiden Enkel haben. gernot gottwals

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