Wolfgang Heubner (71, li.) diskutiert mit Klaus-Peter Willsch (60, re.).
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Wolfgang Heubner (71, li.) diskutiert mit Klaus-Peter Willsch (60, re.).

10 Jahre Nordwest-Landebahn

Hitzige Diskussion über Flughafen Frankfurt: „Eine Gefahr für die Gesundheit“

  • Julia Lorenz
    VonJulia Lorenz
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Vor zehn Jahren eröffnete der Frankfurter Flughafen die Nordwest-Landebahn. Die Vorsitzenden zweier Bürger-Initiativen ziehen eine Bilanz – und die fällt sehr unterschiedlich aus.

Frankfurt – Vor zehn Jahren wurde die Nordwest-Landebahn am Frankfurter Flughafen eröffnet – unter dem Jubel der Politik und dem Protest der Bürgerinitiativen. Unsere Redakteurin Julia Lorenz hat mit Wolfgang Heubner, Sprecher der Bürgerinitiative Sachsenhausen, und Klaus-Peter Willsch (CDU), Vorsitzender der Bürgeraktion Pro Flughafen, über Für und Wider der neuen Piste in Frankfurt diskutiert.

Herr Willsch, Sie sind gerade in Frankfurt gelandet.
KLAUS-PETER WILLSCH: Auf der Nordwest-Landebahn.
Wie passend. Wo kommen Sie denn her?
WILLSCH: Aus Dresden.

Nordwest-Landebahn am Frankfurter Flughafen: Auch Bahn und Autos spielen große Rolle

Die Bürgerinitiativen fordern, dass die Kurzstreckenflüge auf die Schiene verlegt werden. Brauchen wir diese Flüge wirklich nicht mehr?
WILLSCH: Das muss der Markt beantworten, der Kunde. Wir haben eine Marktwirtschaft mit Konsumentensouveränität, und wenn es attraktive Angebote gibt, die nicht in der Luft sind, sondern am Boden, werden die genommen. Wir haben vor 20 Jahren die ICE-Strecke Frankfurt-Köln in Betrieb genommen. Danach sind zwischen den beiden Städten keine Flugzeuge mehr geflogen. Um Schnellbahnstrecken zu realisieren, brauchen wir aber Zeit. Deshalb bin ich der Meinung, dass wir die Kurzstreckenflüge auch weiterhin brauchen. Übrigens verursachen innerdeutsche Flüge weniger als 0,3 Prozent des deutschen CO2-Ausstoßes.
HEUBNER: In den vergangenen 20 Jahren wurde zu wenig für den Ausbau der Bahn gemacht. Seit der Inbetriebnahme der Bahnstrecke zwischen Köln und Frankfurt ist aber nicht mehr viel passiert. Hätte man die Bahn weiter so ausgebaut, wären wir schon viel weiter.
WILLSCH: Wir müssen die Realität so nehmen, wie sie ist. Ob die neue Regierung die Bahn schneller in die Fläche bringt, bleibt abzuwarten. Klimapolitisch ist das sicher eine richtige Zielsetzung. Der Straßenverkehr trägt zu mehr als 18 Prozent zum deutschen CO2-Ausstoß bei. Hier kann man schneller größere Reduktionseffekte erreichen.
HEUBNER: Aber die Kurzstreckenflüge verbrauchen in Relation zur Entfernung unheimlich viel Kerosin. Gerade in der Klimadiskussion sollte man das nicht außer Acht lassen.
WILLSCH: Da müssen wir ideologisch auch gar nicht streiten. Wo die Bahn konkurrenzfähig ist, fahre ich Bahn. Wo das Fliegen vorteilhafter ist, fliege ich. Wir können aber doch keine staatliche "Flugrechtezuteilungsstelle" einrichten, die den Menschen sagt, wie sie reisen dürfen.
HEUBNER: Aber man muss auch nicht von Frankfurt über Stuttgart nach Mallorca fliegen. Damit machen wir unsere Welt kaputt.

Jubiläum Nordwest-Landebahn am Frankfurter Flughafen: Umwelt-Sünder und Wirtschafts-Faktor

Herr Willsch, macht der Flughafen auch Ihrer Ansicht nach die Umwelt kaputt?
WILLSCH: Nein. Der Flughafen ist ein großer Ermöglicher. Er hat eine riesige Freiheitsdimension. Das kommt mir immer viel zu kurz in der ganzen Diskussion. Heute ist es selbstverständlich, dass wir überall hinkönnen. Diese Offenheit, das Kennenlernen fremder Kulturen ist doch toll. Zudem ist der Flughafen die größte Arbeitsstätte. Und mehr noch: Wegen des Airports siedeln sich hier Firmen an.
HEUBNER: Aber die Belastung, die der Flughafen in der Region ausübt, ist einfach zu hoch. Er ist immerhin für 30 Prozent der CO2-Emissionen in ganz Hessen zuständig. Das sind 14 Millionen Tonnen CO2.
WILLSCH: Wenn Sie in Frankfurt den Luftverkehr vertreiben, geht der Flug nach Peking von Amsterdam, Paris oder London aus. Für das Klima ist damit nichts gewonnen.

Nordwest-Landebahn am Frankfurter Flughafen: Sind Passagier-Prognosen wahr geworden?

Kommen wir mal zur Nordwest-Landebahn, die heute vor zehn Jahren eröffnet wurde. Fluch oder Segen?
HEUBNER: Die Nordwest-Landebahn hat eine ganze Region beeinträchtigt. Sechs Millionen Menschen leiden – wegen des Lärms und der Schadstoffbelastung. Und dies, obwohl die neue Piste gar keine Berechtigung hat. Denn die prognostizierten Zahlen, die beim Planfeststellungsbeschluss zugrunde gelegt wurden, sind nie erreicht worden.
WILLSCH: Ich weiß nicht, welche Prognosen Sie haben, aber die Prognose von Intraplan aus dem Jahr 2014 sagt für 2020 71,1 Millionen Passagiere und 529.000 Flugbewegungen vorher. In der Realität waren es dann schon 2019 70,5 Millionen Passagiere und 513.000 Flugbewegungen. Dann kam Corona.
HEUBNER: Diese Zahlen hatte Fraport aber nach dem Planfeststellungsbeschluss noch nachgeschoben, als sie merkten, dass die ursprünglich prognostizierten Zahlen nicht erreicht werden. Damals war man nämlich noch von 701.000 Flugbewegungen und 88,6 Millionen Passagieren ausgegangen.

Bürgerinitiative: Nordwest-Landebahn am Frankfurter Flughafen kann Einkaufszentrum werden

Das heißt: Die Bahn kann weg?
HEUBNER: Richtig. Denn auch die Zahlen von Fraports Rekordjahr 2019 waren nur geschönt, weil man zuvor Ryanair und andere Billigairlines nach Frankfurt geholt hat. Allein sie haben 2019 21.000 Flugbewegungen ausgemacht. Rechnet man die aus der Gesamtsumme heraus, war man nur auf einem Niveau des Jahres 2007. Damals hatten wir 493.000 Flugbewegungen, aber nur drei Start- und Landebahnen. Und das ging auch.
WILLSCH: Ich sehe das anders. 2019 haben 45 Prozent der Landungen auf der neuen Piste stattgefunden. Als Kaufmann wissen Sie doch, dass es immer ein Maximum und ein Optimum gibt. Und dass wir in den vergangenen Jahren häufig am Maximum waren, kann ein vernünftiger Kaufmann nicht abstreiten.
HEUBNER: Das mag sein. Aber der Flughafen wurde auf Kosten der Gesundheit von Menschen ausgebaut, die in der Nähe wohnen.
WILLSCH: Wollen Sie die Nordwest-Landebahn dann jetzt in eine Skaterbahn umbauen?
HEUBNER: Nein. Das ist doch ganz einfach: in ein Einkaufszentrum. Immerhin verdient Fraport sein meistes Geld nicht mit dem Flugverkehr, sondern mit den Shops in den Terminals.

Flughafen Frankfurt: Wie wirkt sich die Nordwest-Landebahn auf die Wohnungs-Preise aus?

Herr Willsch, können Sie denn nachvollziehen, wie sehr die Menschen rund um den Flughafen unter dem Lärm leiden?
WILLSCH: Ja. Ich bin mal in Neu-Isenburg gewesen und habe gedacht: Hier will ich nicht wohnen. Aber das mache ich ja auch nicht.
Also sagen Sie: Die Leute können ja wegziehen?
WILLSCH: Ja, natürlich. Aber das scheint ja nicht attraktiv zu sein. Die Immobilienpreise sind trotz Fluglärm in den vergangenen zehn Jahren gestiegen und liegen jetzt bei 1000 Euro pro Quadratmeter.
HEUBNER: Das stimmt nicht. Wenn man sich die Immobilienpreise auf dem Frankfurter Lerchesberg anschaut, dann sind sie um 50 Prozent gefallen. Da bekommt man für Villen, für die man früher vier Millionen Euro bekommen hätte, nur noch die Hälfte.
WILLSCH: Diese Zahlen geben die Bodenrichtwerte aber nicht her. Es gibt etliche Leute, die haben ihr Wohneigentum dort vor 2011 gekauft und später mit großem Gewinn verkauft.
HEUBNER: Die Bodenrichtwerte zeigen aber auch nicht auf, was auf dem Grundstück steht. Die Nordwest-Landebahn hat den Frankfurter Süden verlärmt. Morgens um fünf Uhr ist bei uns die Welt wach. Dann fallen wir bei 70, 80 Dezibel aus dem Bett, wenn die ersten Flieger übers Haus donnern. Wenn die Flieger über Frankfurt starten, ist es noch schlimmer. Da kann es mit mehr als 90 Dezibel noch lauter werden.

„Gefahr“ oder „riesige Chance“? Hitzige Diskussion um Frankfurter Flughafen und Landebahn

Aber seit Eröffnung der Landebahn sind viele Maßnahmen ergriffen worden, um es leiser zu machen: steilerer Anflugwinkel, Lärmpausen, Lärmobergrenze. Was hat's gebracht?
HEUBNER: Das ist doch alles für die Katz. Im Planfeststellungsbeschluss war noch von einem Ansteigen und Abschwellen der Flugbewegungen in den Tag- und Nachtrandstunden die Rede. Das wurde aber nie umgesetzt. Abends ab 22.30 Uhr kommen noch mal im Minutentakt jede Menge Flieger rein.
WILLSCH: Es ist für viele Leute aber leiser geworden. Hinzu kommt: Mit dem Nachtflugverbot wurde doch ein Kompromiss ausgehandelt. Damit wird immerhin ein Viertel der teuren Kapazität des Flughafens lahm gelegt. Sie aber wollen mit dem Nachtflugverbot von 22 bis 6 Uhr ein Drittel lahmlegen.
HEUBNER: Das ist auch wichtig. Man muss den Leuten die Möglichkeit geben, schlafen zu können. Wir können nicht einfach so tun, als wäre der Flughafen gottgegeben. Ja, wir brauchen den Flughafen in einer gewissen Frequenz, aber wir müssen nicht den Ausbauwahn unterstützen.
WILLSCH: Ich wehre mich gegen diese Argumentation. Ein Flughafen als wirtschaftliches Unternehmen hat doch kein Interesse daran, auf Teufel komm raus auszubauen, ob die Kapazität gebraucht wird oder nicht. Das macht keinen Sinn. Der Flughafen ist eine riesige Chance für uns. Er ist der Herzmuskel dieser Region. Ohne ihn hätten wir keinen Bankenstandort. Wir hätten keine Europäische Zentralbank in Frankfurt und nicht die vielen Messen.
HEUBNER: Das ist nur an die Wand gemalt. Stuttgart ist wirtschaftlich eine wesentlich größere Region, und die haben nicht so einen Flughafen. München ist eine sehr starke Region, auch die brauchen nicht so einen großen Flughafen. Deshalb sage ich: Wir brauchen einen solchen Flughafen hier im Rhein-Main-Gebiet in der Größe überhaupt nicht. Der Flughafen ist eine Gefahr für die Gesundheit.

Neustart des Frankfurter Flughafen nach Corona: Bürgerinitiative beklagt „Greenwashing“

Seit der Corona-Pandemie ist es allerdings erheblich leiser geworden, die Zahl der Flugbewegungen und die der Passagiere ist enorm zurückgegangen: Wie sollte ein Neustart nach Corona denn aussehen?
WILLSCH: Der Flughafen muss schnell wieder wachsen. Denn man sieht ja schon jetzt: Die Menschen wollen fliegen. Aber natürlich müssen auch all die anderen Prozesse, die vor Corona schon vorangetrieben wurden, jetzt weiterlaufen, wie beispielsweise das klimaneutrale Fliegen. Es muss alles mit Maß und Ziel gemacht werden.
HEUBNER: Wir dürfen aber nicht so tun, als könnten wir einfach so weitermachen wie bisher. Das umweltschonende Kerosin ist auch nur Greenwashing. Man tut so, als gehe das alles ganz schnell. Aber das ist mitnichten so. Das muss man den Menschen aber auch ehrlich sagen.

Frankfurter Flughafen in der Corona-Pandemie: Es geht auch ohne oder mit weniger Flügen

Und was ist Ihre Idee für den Neustart?
HEUBNER: Wir dürfen nicht mehr in der Frequenz wie bisher fliegen. Ich gehe allerdings auch davon aus, dass der Flughafen die Größe, die er mal hatte, nicht wieder bekommt. Denn allein die Zahl der Geschäftsreisenden soll um 20 bis 30 Prozent zurückgehen. Corona hat gezeigt, dass es auch ohne Fliegen geht.
WILLSCH: Ich muss aber auch mal eins sagen: Ich fand es menschenverachtend, wie sich einige Leute von Ihren Bürgerinitiativen im ersten Lockdown, als der Flughafen nahezu stillgelegt war, über die Ruhe gefreut haben. Was für eine Missachtung der dort arbeitenden Menschen, die um ihren Job bangten oder in Kurzarbeit waren.
HEUBNER: Aber es ist immer noch zu laut. Leider kündigt Fraport aber auch jetzt schon an, dass sie so schnell wie möglich wieder wachsen wollen.

Jubiläum am Frankfurter Flughafen: Bürgerinitiative schlägt CO2-Steuer für Fraport vor

Fraport ist aber ein Wirtschaftsunternehmen, das Geld verdienen muss und natürlich wachsen und nicht schrumpfen will.
HEUBNER: Es gehört aber zu 52 Prozent der öffentlichen Hand. Dann hat Fraport auch gegenüber den Bürgern eine Verpflichtung. Deshalb sind wir dafür, dass der Flughafen genauso wie jeder Autofahrer und jeder Hausbesitzer eine CO2-Steuer zahlen muss. Die Politik muss endlich eingreifen.
WILLSCH: Alles im Luftverkehr muss man aber international betrachten. Das geht nicht national. Wenn wir zum Beispiel der Stahlindustrie irgendwelche Auflagen machen, dann wird in Deutschland kein Stahl mehr produziert, sondern woanders. Das Gleiche gilt für von hier verdrängte Flugverbindungen. Der Luftverkehr ist eine Infrastruktur, die der international ausgerichteten deutschen Wirtschaft ihren Erfolg erst möglich macht.
HEUBNER: Wir sind aber eine starke Wirtschaftsmacht. Wenn wir nach vorne preschen, dann ziehen die anderen nach.

„Dürfen so nicht weitermachen“: Kritik von Frankfurter Bürgerinitiative am Flug-Verkehr

Aber wie kommen wir denn jetzt dahin, dass es leiser wird?
WILLSCH: Es ist doch in den vergangenen Jahren schon massiv leiser geworden. Jede neue Flugzeuggeneration bringt Einsparungen von Treibstoffverbrauch und Verlärmung mit sich.
HEUBNER: Das dauert aber alles viel zu lange. Und mit dem Klima geht es weiterhin bergab.
WILLSCH: Ich mache diesen Weltuntergangsalarmismus nicht mit. Keinesfalls ist der Luftverkehr die Hauptursache für schädliche Umweltfolgen.
HEUBNER: Wir dürfen so aber nicht weitermachen. Ansonsten gibt es in fünf, sechs Jahren die Malediven nicht mehr, weil die Atolle überschwemmt sind.
WILLSCH: Da war ich noch nie. Da muss ich noch mal schnell hinfliegen (lacht). (Julia Lorenz)

Unruhige Nächte hatten die Bewohner in der Nähe bereits Anfang Oktober, als es am Flughafen Frankfurt nachts neuen Lärm gab. Trotz der Kritik der Bürgerinitiative stockt der Flughafen weiter auf: Erst im Juli öffnete der Flughafen Frankfurt ein neues Besucherzentrum.

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