Trüb, trüber, Mai 2021: Dunkle Wolken hängen über der Skyline. Ein Bild, symptomatisch für den diesjährigen "Wonnemonat", der sich aktuell nicht nur besonders launisch gibt, sondern auch nass und deutlich kühler als gewöhnlich.
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Trüb, trüber, Mai 2021: Dunkle Wolken hängen über der Skyline. Ein Bild, symptomatisch für den diesjährigen "Wonnemonat", der sich aktuell nicht nur besonders launisch gibt, sondern auch nass und deutlich kühler als gewöhnlich.

Wetteraussichten in Frankfurt

Der Frühling bleibt nass und wird noch kühler

  • vonMark-Joachim Obert
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Was uns Pandemie-Geplagte mächtig nervt, ist wie Medizin für den kranken Stadtwald.

Frankfurt -Überall Regenschirme statt Sonnenhüte: Was sich wie ein ausfallender Frühling anfühlt, belegen die Zahlen des Deutschen Wetterdienstes (DWD) - und seine Vorhersagen. Schon der April war "deutlich zu kalt", sagt Meteorologe Felix Dietzsch, fast 5 Grad lag er unter den Werten des Vorjahres, als ein wärmender Frühling den kalten Schrecken der Pandemie zumindest ein wenig gemildert hatte. Und während seinerzeit im Mai ein sonniger Tag dem nächsten folgte, befindet sich der aktuelle Wonnemonat auf Rekordtief. 2 bis 2,5 Grad kälter ist er als die Durchschnittstemperatur in der Referenzperiode 1991 bis 2020. "Das ist schon ein statistisch seltenes Ereignis", sagt Dietzsch - und macht wenig Hoffnung für den Restmonat.

Die Großwetterlage bleibt mies. Ein Sturmtief über der Nordsee und kalte Luft vom Atlantik dürften auch an Pfingsten für Schmuddel sorgen - und für Frösteln. Die Temperaturen, sagt Meteorologe Dietzsch, werden wohl eher noch sinken, der Mai deutlich zu nass bleiben.

Dieser ausgefallene Frühling hat Folgen: Vielen Hobbygärtnern sind nicht nur die Tomaten erfroren; die Heizkosten liegen für ein klassisches Reihenhaus bis zu 60 Euro höher als 2020, selbst jetzt noch wird es ungemütlich in Räumen, wenn nicht ein bisschen gewärmt wird. Heizöllieferanten melden erfreut Hochbetrieb.

"Es ist traurig", sagt die Eisverkäuferin

Hinter den bunten Eisfächern freut sich gerade keiner. Am Straßenverkauf der Eisdielen, wo sonst im Mai Schlangen warten, ist fast nichts los. "Wenn es nur etwas kühler ist, ist das noch gar nicht so schlimm", sagt die Verkäuferin vom Eiscafé am Dornbusch, die ihren Namen nicht nennen möchte, weil der Chef das vielleicht nicht mag, wenn sie öffentlich übers mäßige Geschäft spricht. Mäßig ist es, weil dieser Mai verregnet ist. Sobald es nur nieselt, sagt die Eisverkäuferin, habe niemand mehr Lust auf eine Waffeltüte mit Bällchen. "Es ist traurig."

Zurzeit regnet es ständig, könnte man glauben. Zwar bricht immer mal kurz die Sonne durch, aber der Wind sorgt für einen ungewöhnlich dynamischen Himmel. Zuweilen wechselt das Wetter minütlich. Am Montag prasselten in manchen Stadtteilen zum dritten Mal seit Monatsbeginn Hagelkörner hernieder. Dass für manche Regionen Deutschlands Pfingstschnee befürchtet wird, überrascht da wenig. Mai-Schnee auf dem Feldberg gab es übrigens zuletzt 1987; unvergessen bei Radfans ist der Klassiker "Rund um den Henninger-Turm" anno 1970, als sich die Profis durchs Schneetreiben kämpften.

Dass der aktuelle "Mai-Monsun", wie manche Medien bereits titelten, den Klimawandel relativiert, ist Wunschdenken. Es ist ein untypisches Wetterphänomen, sagt Meteorologe Dietzsch, und ein solches lasse erst einmal keine Rückschlüsse aufs Gesamtklima zu. Dass dieses Wetterphänomen ausgerechnet jetzt in der Pandemie auftritt, trübt die Stimmung gewaltig. Wie allerorten sehnen sich auch die Frankfurter nach Luft und Gemeinschaft, am besten in den Gartenwirtschaften.

Vorausgesetzt, die Inzidenzen sinken weiter und bleiben stabil unter 100, könnten nächste Woche die Apfelweinlokale draußen Gäste empfangen. Doch danach sieht's nicht aus. Selbst wenn sich hier und da mal ein Sonnentag dazwischen schieben sollte, dürften sich viele Wirte zweimal überlegen, ob sie ihre Außenbereiche öffnen. "Bei diesem unberechenbaren Wetter ist das Warenrisiko viel zu hoch", sagt etwa Hans-Peter Zarges vom Wirtshaus am Hühnermarkt. Zudem will er einen voreiligen und unsicheren Betrieb seinen Mitarbeitern nicht zumuten. Mit Mühe und Not habe er sie auf 80 Prozent Kurzarbeitergeld bekommen. Kehren sie zurück an die Tische, fallen sie auf 60 Prozent zurück. "Das wäre als Unternehmer unverantwortlich", sagt Zarges.

Die Försterin freut sich über den Regen

Tina Baumann kann erahnen, wie sehr die Frankfurter gerade in diesen grauen Zeiten unter den ungewöhnlich trüben Tagen leiden. Sie hingegen schaut jeden Morgen glücklich aus dem Fenster zu den Regenwolken hinauf. Tina Baumann ist Leiterin des Stadtforstes beim Grünflächenamt. Und als solche hofft sie für den Stadtwald auf einen eher regnerischen Sommer. Die andauernde Gluthitze der vergangenen beiden Jahre hat den Bäumen stark zugesetzt, 99 Prozent sind gefährdet. "Bäume brauchen Jahre, um sich von Trockenheit zu erholen", sagt Försterin Baumann. Ideal wäre ein Sommer mit gleich langen Sonnen- und Regenphasen. Denn kurze Schauer bringen auch nichts, weil die harten Böden das Wasser gar nicht mehr einsickern lassen. So betrachtet, ist das aktuelle Wetter gut fürs Grundwasser und dringend nötige Medizin für den Stadtwald.

Ob's davon in diesem Sommer reichlich geben wird für Bäume und Böden oder die Sonnenanbeter doch noch auf ihre Kosten kommen, kann der Deutsche Wetterdienst nicht voraussagen. Dass einem verregneten Mai oft ein Supersommer folge, lässt sich jedenfalls statistisch nicht belegen. Das Wetter bleibt spannend.

Mark Obert

99 Prozent des Frankfurter Stadtwaldes sind gefährdet. Klar, dass Stadtförsterin Tina Baumann sich nach zwei Glutsommern mehr Regen wünscht.

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