Am Fuße des Goetheturms, dessen Holzkonstruktion im Hintergrund durch die Bäume schimmert, feierten die Frankfurter die Vollendung ihres Wahrzeichens.
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Am Fuße des Goetheturms, dessen Holzkonstruktion im Hintergrund durch die Bäume schimmert, feierten die Frankfurter die Vollendung ihres Wahrzeichens.

Stadt feiert ihr Wahrzeichen

Frankfurter Goetheturm: Wichtiges Detail fehlte noch

  • VonSabine Schramek
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Drei Tage lang wurde am Goetheturm in Frankfurt gefeiert, und jetzt strahlt auch das letzte noch fehlende Detail am Wahrzeichen.

Frankfurt - Nicht vor dem neuen Goetheturm, sondern dahinter gab es drei Tage lang Spaß, Musik, Gedenken und jede Menge Bratwurst, Äppler, Bier und Mispelchen. Der Vereinsring Sachsenhausen hat sich mächtig ins Zeug gelegt, um Jung und Alt ein Corona-konformes Goetheturmfest zu bescheren. Die Stimmung war grandios. Seit Sonntag trägt das Frankfurter Wahrzeichen auch wieder die originalgetreu nachgeschnitzte Plakette über Gustav Gerst, der vor 150 Jahren geboren wurde und vor 90 Jahren den Goetheturm gestiftet hat.

Viele waren am Wochenende am oder auf dem Turm in Frankfurt. Alle, die dem Hinweis "Der Turm ruft!" gefolgt sind. Ein Dutzend Königinnen, der Sachsenhäuser Jagdclub, die Partyrockband Winwets, die TG Bad Soden, das Blasorchester Stierstadt, Vereine, Politiker und Frankfurter aller Art. Vor vier Jahren, am 12. Oktober, war der Goetheturm durch Feuer in Schutt und Asche gelegt worden. Die Frankfurter wollten ihn wiederhaben und haben für ihn gesammelt und gespendet.

Goetheturm in Frankfurt: Erinnerungen an Stifter Gustav Gerst

Seit dem 28. Juli 2020 steht er wieder in voller Pracht. 43 Meter hoch und mit atemberaubendem Ausblick, wenn man die 196 Stufen erklommen hat. Nur ein kleines, aber wertvolles Teil hat bis Sonntag gefehlt. Die Gedenkplakette, die an den Mann erinnert, der den Goetheturm ursprünglich überhaupt ermöglicht hatte. Jetzt würde auch sie feierlich enthüllt.

Hendoc heißt der Oberurseler Künstler, der sie einen Monat lang per Hand haargenau so wie das Original geschnitzt hatte, das ebenfalls den Flammen zum Opfer gefallen war. 1949 hatte der damalige Oberbürgermeister Walter Kolb (SPD) die Plakette angebracht. "Da durfte kein noch so kleiner Fehler passieren. Sonst hätte ich wieder neu anfangen müssen", sagt Hendoc. Während der Arbeit habe ihn der Filmemacher Thomas Claus besucht und ihm von Gustav Gerst erzählt. "Der Name sagte mir damals nichts, aber nach den Erzählungen von Claus hatte ich abends beim Schnitzen das Gefühl, dass Gerst direkt hinter mir steht", so Hendoc. Claus hat einen Dokumentarfilm über den Goetheturm gedreht und ist dabei den Spuren von Gustav Gerst gefolgt.

Frankfurt: Goetheturm als Wahrzeichen mit berührender Geschichte

Auch Claus ist am Abschlusstag des Festes da und sichtlich berührt. "Wer sich mit dem Leben von Gerst auseinandersetzt, merkt, dass es beim Goetheturm nicht nur um das Bauwerk ging, sondern vor allem darum, dass die Menschen die Hauptsache sind. Damals wie heute", so der Filmemacher. "Gerst hat in der Zeit, als die Frankfurter gelitten haben und die Stadt verarmt war, mit seinem Tun ein Naherholungsgebiet geschaffen. Damals gab es das Wort noch nicht, aber der jüdische Unternehmer wollte den Bürgern eine Ort geben, an dem sie sich erholen können."

Gerst kam wegen der Pferde nach Frankfurt, als es hier noch drei Rennbahnen gab. Er lebte in der Niederräder Landstraße und hatte auch den Jacobiweiher geschaffen, damit Reiter kommen und ihre Pferde tränken können. 1931 hatte Gerst es geschafft, dass der Goetheturm an der Stelle eines kleinen Holztürmchens errichtet wurde. Er hatte nicht viel davon. Turmvater Gerst musste vor den Nazis über Schweden in die USA fliehen und starb 1948 völlig verarmt in New York.

Claus ist es gelungen, einen noch lebenden Neffen von Gerst zu finden. Über ihn erfuhr er vom Leben und Wirken des Mannes, über den es keinerlei Informationen gab. Mit ihm und vielen Hinweisen von Frankfurtern und dem Institut für Stadtgeschichte konnte er den Gründer des Goetheturms wieder lebendig werden lassen.

Frankfurt: „Der neue alte Goetheturm ist perfekt“

Während es sich die Frankfurter am Turm mit Bratwurst, Binding und Äppler gut gehen lassen, der Vorsitzende vom Sachsenhäuser Vereinsring, Markus Mannberger, organisiert, plaudert und dafür sorgt, dass die Besucher glücklich sind, bereitet sich die Stadt auf den Festakt zum Schluss vor. Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne) blickt in die fröhlichen Gesichter der Frankfurter, die so stolz sind auf ihren Goetheturm.

Sie erinnert an die Geschichte des Turms von einst bis heute. Als der Film von Claus gezeigt wird, gucken alle gebannt zu. Beim Interview mit dem Neffen von Gerst auf der Leinwand entsteht Gänsehaut. In diesem Jahr wäre der Turmvater 150 Jahre alt geworden. Vorsichtig enthüllen Heilig und der Künstler Hendoc die handgeschnitzte Plakette, die über dem Eingang befestigt ist. Der neue alte Goetheturm ist perfekt und strahlt in der Sonne. Unermüdlich klettern Frankfurter die 196 Stufen nach oben und genießen den Blick auf die Skyline. (Sabine Schramek)

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