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Der Herr der Tannen

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Von: Julian Dorn

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Julian Wohlgemuth freut sich vor allem, wenn Familien zu seinem Stand in Eckenheim kommen, um gemeinsam die Tannen kritisch zu beäugen und über den besten Baum zu diskutieren. Das letzte Wort hätten oft die Kinder, erzählt er.
Julian Wohlgemuth freut sich vor allem, wenn Familien zu seinem Stand in Eckenheim kommen, um gemeinsam die Tannen kritisch zu beäugen und über den besten Baum zu diskutieren. Das letzte Wort hätten oft die Kinder, erzählt er. © Hamerski

Julian Wohlgemuth hilft bei der Suche nach dem perfekten Tannenbaum.

Frankfurt -Auf dem Parkplatz eines Supermarkts in Eckenheim ist quasi über Nacht ein Wald aus dem Boden geschossen. Stattliche Nordmanntanne stehen neben Edeltannen, es riecht nach Tannennadeln und Harz. Und mitten in dem Dickicht steht Julian Wohlgemuth. Der 20-Jährige, in tannennadelgrüner Arbeitshose und ebenso grüner Winterjacke, räumt noch ein paar Baumständer zur Seite und rückt den Verkaufsschlager ein bisschen weiter nach vorn, so dass er gut zu sehen ist. "Die Nordmanntanne ist der Liebling der Kunden", sagt der Weihnachtsbaumverkäufer.

Er weiß auch, warum sich diese Baumsorte besonders gut verkauft. "Sie stechen nicht und nadeln sehr wenig. Außerdem sind sie gleichmäßig gewachsen und bieten Platz für den Weihnachtsschmuck." Gefragt ist die Tanne nicht nur bei Wohlgemuth: Mit mehr als 80 Prozent aller verkauften Bäume ist sie laut Verband natürlicher Weihnachtsbaum der beliebteste der Deutschen.

Der Baum braucht viel Wasser

Der Abiturient aus Eckenheim hilft das zweite Jahr in Folge an dem kleinen Stand seinem Chef Patrick Viragh aus. Bald will Wohlgemuth in Frankfurt Wirtschaftswissenschaften studieren. Montags bis freitags, immer von 10 bis 18 Uhr, steht er in der kleinen, provisorischen Holzhütte und ist Herr über die Tannen, vom 50-Zentimeter-Bäumchen bis hin zum Drei-Meter-Koloss. Und das auch mal bei Regen, Schnee und Minusgraden. Warum er nicht einfach kellnere? Da muss der junge Mann lachen. "Für mich ist das der perfekte Job", sagt er. "Ich bin draußen und komme mit Kunden zusammen, denen ich eine Freude machen kann und die meistens gut gelaunt sind. Was will man mehr?"

Christbaum-Connaisseur Wohlgemuth steht bereit, um Unentschlossene fachkundig zu beraten - auch in Sachen Pflege, damit der Baum nicht schon Nadeln verliert, bevor überhaupt Geschenke darunter liegen. "Er sollte nicht vor der Heizung stehen und genug Wasser bekommen." Ein zwei Meter hoher Baum brauche etwa zwei Liter am Tag. Wer das beachte, habe mindestens vier bis fünf Wochen Freude an seinem Baum, verspricht der junge Verkäufer. Alle Tannen, die er anbietet, stammten aus Hessen und seien erst vier Tage vor dem Verkauf gefällt worden.

Nirgends ist der Pro-Kopf-Weihnachtsbaum-Verbrauch so hoch wie in Deutschland. Laut Bundesverband der Weihnachtsbaum- und Schnittgrünerzeuger setzt die Branche zwischen 23 und 25 Millionen Bäume pro Jahr ab. Die Nachfrage könnte dieses Jahr steigen. Familien, die oft zu Weihnachten verreisen, bleiben zu Hause und brauchen nun einen Baum, um es sich dort weihnachtlich-behaglich zu machen.

Allein: Niemand muss um seinen Baum bangen. Anders als in Großbritannien gebe es in Deutschland keine Engpässe, sagt eine Sprecherin des Verbands natürlicher Weihnachtsbaum. Über 90 Prozent der hierzulande verkauften Nordmanntannen werden auch in Deutschland produziert. Das größte Anbaugebiet ist das Sauerland. Dank ausreichenden Regens und frostfreien Frühlings gebe es "gute Qualitäten in allen Größen". Ein Trend aus dem vergangenen Jahr setze sich fort, berichtet Wohlgemuth: Der Baum werde früher gekauft. Die Menschen verbringen während der Pandemie viel Zeit im Home Office und "wollen mehr von ihrem Baum haben". Schon Anfang November gab es erste Anfragen.

Die Preise sind im Vergleich zu 2020 kaum gestiegen, heißt es vom Verband. Für den Meter Nordmanntanne müsse man wieder mit 21 bis 27 Euro rechnen. Bei Wohlgemuth gibt es den 50-Zentimeter-Nordmanntannen-Zwerg für 25, die beliebteste Größe (1,75 bis 2 Meter) für 65 und den Drei-Meter-Baum für 120 Euro. Und seine Kasse klingelt: Bis zu zehn Bäume verkauft er pro Tag.

Kein Wunder: Der angehende Ökonom beweist schon jetzt Geschäftssinn. Bei seinen Freunden und der Familie habe er erfolgreich Werbung für den Stand gemacht, erzählt er stolz. Im elterlichen Wohnzimmer und in seinem ehemaligen Gymnasium stehen jetzt auch Tannen aus Wohlgemuths Wäldchen auf dem Supermarkt-Parkplatz. julian Dorn

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