1. Startseite
  2. Frankfurt

„Der Industriepark ist wie ein Gallisches Dorf“

Erstellt:

Von: Friedrich Reinhardt

Kommentare

Ulrich Haase und Thomas Schinz vor dem ikonischen Cassella-Gebäude im Industriepark Fechenheim. FOTO: rüffer
Ulrich Haase und Thomas Schinz vor dem ikonischen Cassella-Gebäude im Industriepark Fechenheim. © rüffer

Allessa-Führung über den Verkauf und die Angst vor dem Ende der Chemieproduktion im Stadtteil

Rund 1200 Menschen arbeiten im Industriepark Fechenheim. Mit 470 Mitarbeitern sind die Allessa-Gesellschaften der größte Arbeitgeber. Außerdem betreiben sie den Chemiepark, kümmern sich um Feuerwehr, Abwasserreinigung und Neuansiedlungen. Eigentümer ist aber der Chemiekonzern Clariant. Er hat nun den Verkauf per Bieterverfahren angekündigt. Über die Folgen, die die Ankündigung jetzt schon hat, und die Ängste der Mitarbeiter sprach Friedrich Reinhardt mit dem Allessa-Standortleiter Ulrich Haase und dem Betriebsratsvorsitzenden Thomas Schinz.

Herr Schinz, wie haben die Mitarbeiter von Allessa auf die Meldung reagiert, dass Clariant den Industriepark verkaufen möchte?

THOMAS SCHINZ: Die Mitarbeiter sind verunsichert. Durch die vielen politischen Krisen sowieso. Mit dem Verkauf hat sich das noch verstärkt. Hier hängen viele Familien dran.

Warum? Pachtverträge sichern der Allessa zu, bis 2031 produzieren zu können. Und danach werden Facharbeiter wegen des Fachkräftemangels überall mit Kusshand genommen.

SCHINZ: Aber schafft es die Allessa überhaupt bis 2031, wenn hier keine Investitionen mehr getätigt werden? Wir planen etwa eine Chemieanlage für rund 30 Millionen Euro. Die entsteht natürlich nicht, wenn absehbar nur neun Jahre produziert werden kann.

Wie haben Sie davon erfahren, dass Clariant den Industriepark verkaufen will?

ULRICH HAASE: Als Pächter und Standortbetreiber haben wir im Sommer davon erfahren.

SCHINZ: Wir als Arbeitnehmer durch die Presse. Ich hätte erwartet, dass Clariant uns nach so langer Zusammenarbeit ein Angebot macht, das für beide Seiten akzeptabel ist. Allessa gehörte ja mal zu Clariant. Aber wenn man nur auf die wirtschaftliche Seite schaut... - vielleicht habe ich da zu romantische Vorstellungen.

Herr Haase, finden Sie, dass es Wirtschaftsromantik ist, wenn man von einem Unternehmen mehr erwartet als Gewinnoptimierung?

Es geht auch um den Erhalt von Arbeitsplätzen und um die lange Historie Standorts. Wenn man sieht, wie sich durch den digitalen Wandel hier ringsum Rechenzentren ausbreiten, dann ist der Industriepark wie ein Gallisches Dorf, in dem produziert wird, wie es in größeren Industrieparks nicht mehr möglich ist.

Was ist in Fechenheim anders als etwa in Höchst?

HAASE: Viele Unternehmen stammen aus derselben Wurzel. Bei „Prefere Melamines“ arbeiten, wie bei uns auch, Menschen, die früher bei der Cassella angestellt waren. Die Arbeiter kennen sich über Unternehmensgrenzen hinweg. Das schafft eine familiäre Atmosphäre. Und wir können individueller auf Kundenwünsche eingehen.

Welche Auswirkungen hatte die Ankündigung des Verkaufs auf das Geschäft?

HAASE: Als Standortbetreiber entwickeln wir den Park. Das Biomassekraftwerk möchte einen zweiten Block errichten. Damit könnte der Park komplett mit grünem Dampf betrieben werden. Wir wickeln derzeit insgesamt Investitionen von 50 Millionen Euro ab. Da ist es fatal, dass wir nur für wenige Jahre die Produktion garantieren können.

SCHINZ: Es gab schon Absagen von Unternehmen, die hier investieren wollten.

Aber wegen des Pachtvertrags hätten sie doch auch ohne den Verkauf nicht mehr als neun Jahre garantieren können.

HAASE: Wir haben bereits versucht, ein längeres Vertragsverhältnis mit Clariant zu erwirken. Wir wollen den Standort entwickeln, auch nach einem möglichen Erwerb. Eine Nutzungsplanung liegt der Stadt bereits vor.

Was sind Ihre Befürchtung bei dem Verkauf?

SCHINZ: Wichtig ist, dass es jemand kauft, der die Industrie weiter fördern möchte, am besten unsere Muttergesellschaft ICIG. Schlecht wäre es, wenn ein Rechenzentrenbetreiber mehr bietet oder jemand, der mit dem Land nur spekulieren will und sonst nichts damit vorhat.

HAASE: Die Angst ist, dass die Chemieproduktion 2031 endet.

Wenn das so kommen würde, könnten die Industriebetriebe hier ihre Anlagen einpacken und etwa nach Höchst umziehen? Der Industriepark Fechenheim ist 42 Hektar groß und in Höchst gibt es rund 50 Hektar freie Fläche.

SCHINZ: Wenn das jemand zahlt.

HAASE: Wir haben im letzten Jahr die Halex-Anlage von Griesheim nach Fechenheim transferiert. Allein dieser Umzug hat rund zehn Millionen Euro gekostet. Und das ist nur eine Anlage.

SCHINZ: Und man müsste Konzessionen neu beantragen, die man teilweise so nicht mehr bekommen würde.

Wenn hier ein Investor den Park kauft, der kein Interesse an Chemieindustrie hat, ist das das Ende von Cassella und der ganzen Tradition, die danach kam?

SCHINZ: Ich fürchte, ja.

HAASE: Das sehe ich auch so.

ZU DEN PERSONEN

Ulrich Haase (links) ist Standortleiter der Allessa-Gesellschaften. Der 52 Jahre alte Maschinenbauingenieur mit Schwerpunkt Verfahrentechnik und Energietechnik arbeitet seit drei Jahren für die Allessa.

Thomas Schinz ist Chemiekant, 45 Jahre alt und hat seine Ausbildung bei der Cassella gemacht. Von 2014 an war er stellvertretender Betriebsratsvorsitzender und seit 2019 ist er freigestellter Vorsitzender des Betriebsrats.

Auch interessant

Kommentare