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Der Kampf, der aus der Hüfte kommt

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Von: Sabine Schramek

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Volle Konzentration und ein gerader Rücken: dreimal im Monat trainieren Schüler jeden Alters Katori Shinto in der Halle der Japanischen Schule in der Langweidenstraße. FOTO: leonhard hamerski
Volle Konzentration und ein gerader Rücken: dreimal im Monat trainieren Schüler jeden Alters Katori Shinto in der Halle der Japanischen Schule in der Langweidenstraße. FOTO: leonhard hamerski © hamerski

Japan-Kenner lehrt Schwert-Kunst aus dem Land der aufgehenden Sonne

"Konichi wa" sagt der stellvertretende Leiter der Japanischen Internationalen Schule freundlich leise mit einer leichten Verbeugung, bei der der Rücken kerzengerade bleibt. "Konichi wa" - "guten Tag" - kommt ebenso leise und freundlich zurück. Ein Dutzend Männer, Frauen und Kinder stehen barfuß oder auf Socken in der großem Turnhalle in lockeren Hosen und in weichen kantig geschnittenen Jacken in blau oder in schwarzweiß gemustert mit Gürtel. Neue Teilnehmer tragen T-Shirt, und warten auf Matthias Stettler, der ihnen dreimal im Monat Katori Shinto beibringt - eine der ältesten überlieferten Schwertkampfsport-Künste Japans, die seit mehr als 600 Jahren überliefert ist. Japanische Schriftzeichen in der Halle, deren Wände mit hellgrünem Teppich verkleidet sind, lassen die Teilnehmer eintauchen in Traditionen aus dem Land der aufgehenden Sonne.

Die Haltung muss stimmen

Stettler ist groß, seine Haltung kerzengerade und "old school", wie er lächelnd erzählt. 20 Jahre lang hat er in Japan gelebt und ist den Wegen der traditionellen Künste gefolgt. Dass Tee, Tanz und Schwert zwar unterschiedlich, aber auf den gleichen Prinzipien basieren, fasziniert ihn und er trägt die Künste, die auf Haltung, Achtsamkeit, Stille, Loslassen und den Fokus auf die innere Mitte legen, weiter. "Unsere Körper in der heutigen Zeit sind sehr regenerationsbedürftig. Wenn man sich einlässt, kann man ungesunde Gewohnheiten ablegen und im Alltag die Stärken nutzen, die Katori Shinto lehrt."

Es geht ihm nicht um das Martialische, sondern darum, innere Stärke für das Hier und Jetzt zu mobilisieren, um Elastizität des Körpers wie bei einem Luftballon. "Durch Druck gibt er nach, ohne selbst Druck zurück zu geben", erklärt er.

Winnie (11), Roberta (11), Matsuo (9), Maya (13) und Vinzent (12) sind ohne Scheu dabei, wenn es darum geht, die Füße zusammenzustellen, den Kopf zur Decke hoch aufzurichten, die obligatorische Verbeugung kerzengerade zu zeigen. Erwachsene machen es nach. Die geübten perfekt, die Neuen nach wenigen Versuchen ebenso. Nach und nach ist keine Schulter mehr hochgezogen, die Bewegungen kommen aus dem Ellbogengelenk und sind locker und fließend. Stettler tippt leise auf Schultern, klopft kurz auf den unteren Rücken, wenn dort die Spannung fehlt. Er macht es vor, bewegt sich wie eine geschmeidige Raubkatze. Vorwärts, rückwärts und zur Seite, ohne auch nur einen Augenblick lang die Haltung zu verlieren. Einige biegen automatisch ihre Rücken. Er sieht es und macht es nochmals vor.

Erst, wenn alle eine gleichmäßige Atmung haben, ihre Arme ohne Kraftanstrengung aus der Schulter heraus locker drehen, die Rücken gerade und die Köpfe aufrecht sind, kommen die Schwerter zum Einsatz. Es sind keine echten Schwerter, sondern spezielle Holzschwerte ohne Griff, die leicht geschwungen und oben schmaler sind als unten. Ohne Kraft werden sie gehalten. Der kleine Finger unten, die restlichen Finger umschließen das Holz. Wer es zum ersten Mal macht, staunt darüber, wie leicht sie sich so bewegen lassen und wie eine Verlängerung des eigenen Armes ohne Mühe entsteht. "Du musst es so halten, dass es zwischen meine Augen zeigt", erklärt Stettler.

Auch dabei geht es nicht um Kampf, sondern um Haltung. Leise und paarweise bewegen sich die Schüler nach kurzen Anweisungen mit dem Schwert vorwärts und rückwärts.

Es wirkt eher wie ein harmonischer Tanz, der scheinbar automatisch entsteht. Dabei sind endlose Schrittfolgen, Armhaltungen, Beinstellungen nötig, die spielerisch eingebaut werden. "Kata" nennt sich die detaillierte Festlegung von Bewegungsabläufen, die durch Üben zur Routine und verinnerlicht werden und auf Dauer wie reflexartig funktionieren. Aus sanften und weichen Bewegungen entsteht Schnelligkeit, die völlig überraschend kommt. Aus dem Becken, aus dem Ellbogen. Mit Haltung im Hier und Jetzt.

Der Unterricht in Katori Shinto mit Matthias Stettler findet drei Mal im Monat mittwochs von 18.30 Uhr bis 20 Uhr in der Japanischen Internationale Schule in der Langweidenstraße 8-12 statt. Eine Probestunde ist auch heute möglich. Anmeldungen per E-Mail unter jap.kuenste@ gmail.com . Sabine Schramek

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