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Der kleine Dorf-Halt wird 175 Jahre alt

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Von: Matthias Pieren

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Diese Wellblechbude wurde 1897 errichtet, um den Bahnhofsvorsteher nicht im Regen stehen zu lassen. Ein später gebautes Bahnhofsgebäude ist inzwischen abgerissen. FOTO: Geschichtsverein Sossenheim
Diese Wellblechbude wurde 1897 errichtet, um den Bahnhofsvorsteher nicht im Regen stehen zu lassen. Ein später gebautes Bahnhofsgebäude ist inzwischen abgerissen. © HGV Sossenheim

Sodener Bahn brachte den Bauern die Anbindung an die weite Welt

Die sogenannte Fahrgastinformation am Bahnsteig vermeldet per LED-Lämpchen die Ankunft der nächsten Regionalbahn der RMV-Linie RB 11 zwischen Bad Soden und Frankfurt-Höchst. Wartende Pendler finden bei strömendem Regen in einem Beton-Häuschen Unterschlupf, und DHL-Paketkunden können am gelben Automaten ihre hinterlegten Sendungen abholen. Der Bahnhof Frankfurt-Sossenheim ist im eigentlichen Sinne gar kein Bahnhof, sondern nur ein Haltepunkt. Im Schatten der 572 Wohnungen der Siedlung Westpark (früher Moha-Gelände) bietet dieser auch nicht einmal einen klassischen Park-&-RidePlatz wie andere Stadtteil-Haltepunkte, etwa Sindlingen oder Zeilsheim. Dafür ist einfach kein Platz. Und so ist auf dem Einzelbahnsteig meist auch ein hastendes Kommen und Gehen der Pendler zu beobachten. Verweilen will hier niemand. Nur schnell weg, so scheint es.

Der erste Zug kam am 22. Mai 1847

So unbedeutend im aktuellen ÖPNV die Haltestelle auch sein mag, soll heute daran erinnert werden, dass vor bald 175 Jahren - das Jubiläum ist am 22. Mai 1847 - im Dörfchen Sossenheim erstmals ein Zug Station machte. "Die damals neu eröffnete Sodener Bahn war erst die zweite Nebenbahnlinie für den Personenverkehr in Deutschland", teilt der Sossenheimer Heimatforscher Heinz Hupfer mit.

Die Eisenbahnstrecke wurde demnach für 651.420 Mark erbaut und hatte in Höchst Anschluss an die zuvor 1839 eröffnete Bahnlinie von Frankfurt über Höchst nach Wiesbaden. Die ersten Züge, die vor 175 Jahren durch Sossenheim fuhren, wurden von Dampfloks mit Kohle-Tender gezogen. Sie waren auf die Namen "Soden" und "Nassau" getauft worden; später kam die "Mainz" dazu.

Wer mehr über dieses epochemachende Ereignis erfahren möchte, dem sei eine Ausstellung in Bad Soden ans Herz gelegt, die vom 30. April bis 29. Mai im Stadtmuseum Bad Soden (Königsteiner Straße 86) an die 175 Jahre währende Geschichte der Sodener Bahn erinnert. Für Sonntag, 22. Mai - dem Jahrestag, an dem in Sossenheim und auch in Bad Soden erstmals ein Zug hielt -, ist zum Jubiläum ein Strecken- und Bahnhofsfest geplant mit Musik, Attraktionen für Kinder und - Eisenbahn-Fans aufgepasst! - Dampflok-Zugfahrten zwischen Höchst und Bad Soden.

Hupfer hat im April 2018 mit seiner geschichtlichen Recherche begonnen. Tatsächlich ist er nach eigenen Angaben selbst kaum mit der Sodener Bahn unterwegs gewesen. "Es muss Anfang der 1950er Jahre gewesen sein, als ich mit dem Zug über Höchst zum Frankfurter Hauptbahnhof gefahren bin, um meinen Großvater abzuholen", berichtet der 1947 geborene Hupfer. Später ist er dann als Schüler und auch als Student in den 1970er Jahren mit dem Bus von Höchst nach Bockenheim gefahren. Erst während seines nimmermüden Engagements für die 800-Jahr-Feier von Sossenheim, aus dem schließlich auch der Heimat- und Geschichtsverein Sossenheim hervorging, kam er mit der Sodener Bahn in Berührung.

"Mein Interesse galt den Verkehrsverbindungen und deren Bedeutung für die Menschen in Sossenheim", sagt der 74-Jährige. "Das Bauern- und Pendlerdorf hatte fünf Straßen als Verkehrsverbindungen. Dann kam die Eisenbahn hinzu. Nach den Pferdefuhrwerken kamen die Eisenbahn und die Omnibusse. Neben den parallel errichteten Telegrafenmasten brachte die Eisenbahn die Moderne."

Eigentlich sei die Zuganbindung nach Bad Soden damals für Sossenheim uninteressant gewesen. "Für die Menschen aus dem Ort und die Farbwerker war die Anbindung an den Arbeitsplatz bei den Farbwerken der Hoechst AG wichtig." Die Kurstadt hingegen profitierte von der Anbindung an das deutsche Bahnnetz, wodurch die Kurgäste einfacher in das Taunus-Städtchen kamen.

Wellblechbude reizte die Spötter

Mit Eröffnung der Sodener Bahn 1847 war Sossenheim aber vorerst nur ein sogenannter "Fakultativ-Haltepunkt" im Zugverkehr. "Zug hält auf Verlangen" heißt es heute auf entsprechenden Nebenstrecken. "1897 aber bekamen die Bahnpendler einen ersten Wellblechbahnhof, der seinerzeit für 1600 Mark gebaut werden konnte", schildert Heinz Hupfer die weitere Entwicklung. "Es gab also endlich ein Bahnhofsgebäude mit Telegrafenanschluss."

Doch die Wellblechbude habe den Spott der Reisenden herausgefordert. Zwischen 1908 und 1913 wurde statt des Provisoriums eine echte Station mit Bahnabfertigung gefordert. Anfang April 1915 wurde der Bahnhofsneubau eingeweiht, der aber Ende der 1950er Jahre bereits wieder abgerissen wurde. Spannender dürfte es werden, wenn die Regionaltangente West (RTW) gebaut wird. Dann dürfte Sossenheim wegen der Tarifgrenze auch wieder für Pendler aus dem Umland interessant werden . . . Matthias Pieren

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