Johann Waechter präsentiert seinen Insta- gram-Blog "Jungs lesen eh nicht", auf dem der 15-Jährige Jugendlichen Literatur-Tipps gibt. Nun ist er für den Deutschen Lesepreis der Stiftung Lesen und der Commerzbank-Stiftung nominiert. Dotiert ist der Preis insgesamt mit 25 000 Euro. Verkündet werden die Gewinner am 3. November. Johann Waechter ist neben neun weiteren Kandidaten in der Kategorie "herausragendes individuelles Engagement" nominiert.
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Johann Waechter präsentiert seinen Insta- gram-Blog "Jungs lesen eh nicht", auf dem der 15-Jährige Jugendlichen Literatur-Tipps gibt. Nun ist er für den Deutschen Lesepreis der Stiftung Lesen und der Commerzbank-Stiftung nominiert. Dotiert ist der Preis insgesamt mit 25 000 Euro. Verkündet werden die Gewinner am 3. November. Johann Waechter ist neben neun weiteren Kandidaten in der Kategorie "herausragendes individuelles Engagement" nominiert.

Deutscher Lesepreis

Der Leserattenfänger

  • VonBrigitte Degelmann
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Wie ein 15-jähriger Frankfurter auf die Shortlist kam

Frankfurt -Manche Sätze gehen Johann Waechter (15) auf die Nerven. Zum Beispiel die Aussage "Jungs lesen eh nicht". Genau diese Worte drangen vor knapp zwei Jahren in seine Ohren, als er mit seinen Eltern während eines Urlaubs auf Sizilien ein Restaurant besuchte und miterlebte, wie sich am Nebentisch eine Mutter über ihren zehnjährigen Sohn ärgerte. Dass er so schwer zu beschäftigen sei. Dass er lieber am Smartphone hänge, statt die Nase in ein Buch zu stecken. Und dass es mit Mädchen in diesem Alter sicher einfacher wäre. Sehr unangenehm sei das gewesen, erinnert sich der Frankfurter Schüler - zumal der betreffende Junge die Tirade seiner Mutter mitanhören musste.

Johann Waechter, selbst begeisterter Leser, gingen diese Worte nicht mehr aus dem Kopf. Statt sich darüber nur zu ärgern, hatte er jedoch eine Idee: einen Blog mit Buchtipps im sozialen Netzwerk Instagram zu starten.

Die kreative Ader liegt in der Familie; Johanns Großvater war der legendäre Zeichner F. K. Waechter, Johanns Vater Philip Waechter ist als Zeichner und Kinderbuchautor bundesweit bekannt und geschätzt. Kein Wunder also, dass Johanns Eltern einverstanden waren, und so legte er los. Der Name für seinen neuen Kanal war nach dem prägenden Restaurant-Erlebnis schnell gefunden: "jungs_lesen_eh_nicht". Was natürlich ironisch gemeint ist. Denn, so sagt der 15-Jährige, der die zehnte Klasse der IGS Nordend besucht und gerne Fußball und Schlagzeug spielt, er kenne mindestens genauso viele Jungs wie Mädchen, die sich gerne in ein Buch versenken.

"jungs_lesen_eh_nicht"

heißt sein Blog ironisch

Abonniert haben ihn inzwischen knapp 2300 Instagram-Nutzer. Sein größter Erfolg: Kürzlich landete sein Blog auf der Shortlist für den Deutschen Lesepreis 2021. Dabei, sagt Johann Waechter, habe er sich anfangs gar nicht so gerne selbst mit Büchern beschäftigt. Zwar hatten ihm seine Eltern immer viel vorgelesen. Doch sich die Geschichten auf eigene Faust zusammen zu buchstabieren, "das fand ich anfangs unglaublich anstrengend".

Bis zu jenem Urlaub, bei dem er vor sieben Jahren mit seinen Eltern im Campingbus durch die USA fuhr. Auf den langen Touren langweilte er sich zunächst, sodass er schließlich doch eines der mitgenommenen Bücher aufschlug. Und dabei nicht nur entdeckte, dass er im Auto lesen kann, ohne dass ihm schlecht wird, sondern auch, dass das Entziffern der Wörter mit etwas Übung gar nicht so mühsam ist.

Fortan widmete er sich der Lektüre mit wachsender Begeisterung. Beim Urlaub auf Sizilien reichte ihm seine Mutter übrigens ein besonders Buch weiter: "Die 13 ½ Leben des Käpt'n Blaubär" von Walter Moers - ein 700 Seiten starker Wälzer, den Johann erst argwöhnisch beäugte. Doch seine Mutter lächelte nur wissend: "Fang ruhig mal an." Das tat er schließlich. Er las am Strand, er las abends und stand bald schon so im Bann von Waldspinnenhexen, Tratschwellen, Finsterbergmaden und denkendem Sand, dass er den Roman viel rascher verschlang als gedacht. Und dann darüber seine erste Rezension schrieb, für seinen neuen Instagram-Kanal.

Rund 180 Bücher hat er dort seitdem besprochen. Etwa vom US-amerikanischen Schriftsteller Jason Reynolds oder vom britischen Humoristen Roald Dahl, die zu seinen Lieblingsautoren zählen. Oder Comic-Bände über den kleinen Esel Ariol, ebenso Klassiker wie Ottfried Preußlers "Krabat" und aktuelle Sachbücher wie Philipp Steffans "Sprich es an! Rechtspopulistischer Sprache radikal höflich entgegentreten". Sogar sein Chemie-Buch taucht in seinem Blog auf - allerdings nicht als Tipp, sondern als abschreckendes Beispiel für gar nicht so subtilen Rassismus. Denn, so schreibt Johann Waechter, abgesehen von Minenarbeitern und Personen, die in einem Dürregebiet Wasserkanister schleppten, fänden sich darin praktisch keine Menschen mit dunkler Haut: "Die 76 Hände im Buch, die Experimente durchführen, sind alle immer weiß. Es wird das Bild vermittelt: Weiße Menschen sind Wissenschaftler und People of Color arbeiten."

In einem anderen Beitrag macht er sich Gedanken über Rollenklischees: Stimmt es wirklich, dass Jungen lieber Bücher von Männern lesen? Und trifft es zu, dass die Autorin der "Harry-Potter"-Bücher deshalb in Großbritannien bis heute nur als J.K. Rowling firmiert? Spannende Fragen, die auch unter seinen Abonnenten lebhafte Diskussionen auslösen. Dabei, findet der 15-Jährige, sei die Sache eigentlich ganz einfach: "Bücher sind unisex. Und: Bücher sind für alle da." Auch für lesende Jungs.

Brigitte Degelmann

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