1. Startseite
  2. Frankfurt

Der Madonna auf der Mondsichel fehlt nur die Strahlenkrone

Erstellt:

Von: Gernot Gottwals

Kommentare

Erst auf den zweiten Blick erkennt man die Mondsichel, auf der Maria mit dem Kind sitzt. Jetzt ist das Kunstwerk gut geschützt im Kirchenschiff von Sankt Katharinen angebracht. Sehr zur Freude von Pfarrer Olaf Lewerenz
Erst auf den zweiten Blick erkennt man die Mondsichel, auf der Maria mit dem Kind sitzt. Jetzt ist das Kunstwerk gut geschützt im Kirchenschiff von Sankt Katharinen angebracht. Sehr zur Freude von Pfarrer Olaf Lewerenz © Michael Faust

Katholisches Kunstwerk kam auch bei den Protestanten gut an - Einst an der Außenwand, jetzt im Kirchenschiff daheim

Bis vor kurzem war der Neuzugang im Innern der Sankt Katharinenkirche noch verhüllt - was ja bei Kirchenkunst während der Fastenzeit sogar Tradition hat. Doch nun können die Besucher die gotische Mondsichelmadonna an der Nordwand wieder bewundern, denn Stadtkirchenpfarrer Olaf Lewerenz und Restaurator Andreas Heimbrock haben ihren Schleier gelüftet.

Schwangere Frau auf dem Mond

Wobei das weniger geschulte Auge genauer hinschauen muss, um die Sichel zu entdecken: Denn ins Auge fällt zunächst die Marienfigur mit dem Jesuskind im Arm. Doch unterhalb des Schoßes sind bei genauerem Hinschauen die Konturen einer Sichel erkennbar. Denn ursprünglich geht diese Muttergottes auf eine auf dem Mond stehende schwangere Frau aus der Offenbarung des Johannes zurück, die in der katholischen Kunst des Mittelalters und der Renaissance zunehmend als Maria interpretiert wurde .

"Maria ist die Mutter Jesu und von daher für alle Christen von großer Bedeutung, egal welcher Konfession", stellt Lewerenz fest. Besondere Bedeutung komme dem Marienrelief zu, da es zusammen mit den Epitaphien von Kirchenstifter Wicker Frosch und seinem gleichnamigen Neffen zu den wenigen Kunstwerken der katholischen Klosterkirche Sankt Katharinen gehört, die dort vor dem evangelischen Neubau von 1678 bis 1681 stand.

"Die Mondsichelmadonna wurde damals außen an der Ostwand hinter dem Hauptaltar angebracht", erklärt Heimbrock. Stilistisch sei sie in die Zeit um 1415 einzuordnen, in der Madern Gerthener das Dreikönigsportal für die Liebfrauenkirche schuf.

Ein frühes Zeichen für Toleranz und Ökumene angesichts eines katholischen Bildmotivs, findet die Zeitung Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Heimbrock und Lewerenz vermuten hinter der Platzierung eher pragmatische Gründe, deuten sie auf einen einflussreichen Bauherrn zurück, der einen freien, nicht von den Verkaufsläden verdeckten Ort finden wollte, die damals auch entlang der Katharinenkirche existierten.

Ironie des Schicksals: Gerade in den vergangenen Jahrzehnten war die Mondsichelmadonna öfter von Imbissbuden und sonstigen Attraktionen der Hauptwache verdeckt: Sie entzog sich dem öffentlichen Blickfeld, weshalb Heimbrock sogar von einer "Wiederentdeckung" spricht. Trotzdem nagten die Zeichen der Zeit an dem Relief, so dass 2018 Voruntersuchungen für eine Restaurierung nötig wurde.

Stadt und Land teilen die Kosten

Da die Katharinenkirche zu den Dotationskirchen gehört, teilen sich die Stadt und das Landesamt für Denkmalpflege die Kosten. Da eine Restaurierung vor Ort nicht möglich war, haben sich der Transport in die Werkstatt und die Arbeiten pandemiebedingt bis Anfang dieses Jahres verzögert. Schmierereien seien wegen eines Grafittischutzes zwar nicht gefunden worden. "Aber dafür doch menschliche Kratzspuren und Reste von Bitumen, das während der Bombardierung 1944 vom Dach heruntergelaufen war", erläutert Heimbrock. Dem Madonnenhaupt fehlt zudem die steinerne Kopfplatte, die nach Heimbrocks Einschätzung eine Strahlenkrone geschmückt haben dürfte. Eine solche Darstellung zeigt etwa der 1515 gefertigte Holzschnitt "Madonna Lactans" von Hans Baldung Grien.

"Ich bin sehr dankbar, dass wir diese wertvolle und anrührende Darstellung von Maria auf der Mondsichel aufarbeiten lassen konnten", freut sich Lewerenz. Eine Bereicherung für die Katharinenkirche, aber auch für die Stadt insgesamt, denn leider ist in Frankfurt aus der Zeit des 15. Jahrhunderts ja nur wenig erhalten geblieben. "Und das, was wir noch haben, sollte für uns und unsere Nachkommen erhalten bleiben." Gernot Gottwals

Auch interessant

Kommentare