Es ist angerichtet: Aufgeplatzte Müllbeutel wie hier sind eine Einladung für die unbeliebten Nager. FOTO: panthermedia
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Es ist angerichtet: Aufgeplatzte Müllbeutel wie hier sind eine Einladung für die unbeliebten Nager.

Rattenplage in Frankfurt

Der Müll macht's möglich: Ein Festbankett für die Nager

  • Michael Forst
    VonMichael Forst
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Bürger sichten die Nager vermehrt - inzwischen auch am helllichten Tag

Ratten am helllichten Tage anzutreffen, lässt Böses ahnen - gelten die Tiere doch als überwiegend nachtaktiv und chronisch menschenscheu. Doch genau dieses fragwürdige Schauspiel ist im Frankfurter Westen zuletzt immer häufiger zu verfolgen - zumindest nach Berichten vieler Bürger. Als Nutznießer des großen Müll-Problems huschen sie durch die Essensreste überquellender Biotonnen in der Dürkheimer, Alzeyer oder der Coventrystraße in Nied, laufen in völlig überfüllten Müllboxen in der Russingerstraße herum, wo ebenfalls Küchenabfälle frei rumliegen - 20 Meter neben einem Kleinkinderspielplatz. Auch in der Kasinostraße in Höchst und an gemischten Sperr- und Haus-Müllhaufen in der Zeilsheimer Taunusblick-Siedlung sind sie unlängst gesichtet worden.

Ein aktuelles Beispiel liefert auch Bernd Thorn aus Unterliederbach: Nicht zum ersten Mal beschwert er sich beim zuständigen Grünflächenamt darüber, dass Abfall-Eimer speziell entlang des Liederbachs im Bereich Astronomen- / Philosophenweg gar nicht oder nur mit großer Verzögerung geleert werden. "Wir stellen fest, dass sich Rabenvögel und auch jetzt Ratten an den Abfalleimer bedienen", berichtet Thorn verärgert. Die Auskunft des Amtes, dass die Abfalleimer zweimal wöchentlich geleert werden, nennt er "schlichtweg falsch".

Ordnungsamt spricht von mehr Fällen

Den Missstand entlang des Liederbachs hat er in Fotos festgehalten, die zeigen: Die unbeliebten Nager finden an den mit Lebensmittelabfällen überquellenden Behältern förmlich ein Festbankett vor.

Droht das Ratten-Problem im Frankfurter Westen zu eskalieren? Die Antwort von Ordnungsamt-Sprecher Ralph Rohr ist zwiegespalten: "Unseren Ordnungspolizisten sind in der jüngeren Vergangenheit nicht mehr Fälle als sonst gemeldet worden", sagt er auf Anfrage dieser Zeitung.

Anders aber lautet nach seinen Worten die Rückmeldung, die ihm die Abteilung "Allgemeine und akute Gefahrenabwehr" gegeben habe - sie beauftragt den Kammerjäger bei Rattenaufkommen auf privaten Grundstücken, etwa, wenn der Besitzer nicht ermittelt und in Haftung genommen werden kann. "Die Kollegen führen zwar keine Statistik, haben zuletzt aber mehr Meldungen als sonst erhalten", berichtet Rohr. Woran das genau liege, etwa an vermehrten Essensreste durch in Corona-Zeiten gestiegener Lieferdienst-Bestellungen, könne er jedoch nicht sagen.

"Du kriegst die Ratten nie weg - sie leben mit uns", stellt Rainer Jung, Kammerjäger aus Nied fest. Besonders sichtbar würden sie in sozialen Brennpunkten, "wo Menschen falsch mit ihrem Müll umgehen". Aber auch gutmeinende Gartenbesitzer, die Vogelfutter ausstreuen, lockten oft ungewollt Ratten an. Zwar spricht Jung von einer gefühlten Zunahme des Aufkommens der Schädlinge - mehr Aufträge als im vergangenen Jahr habe er jedoch nicht.

"Große Rattenpopulationen sind in dicht besiedelten Bereichen mit einem ständig verfügbaren Nahrungsangebot leider nicht ungewöhnlich", erklärt Claudia Gabriel von der Stabsstelle Sauberes Frankfurt. Dies müssten sie und ihre Kollegen bei ihren Ortsterminen - beispielsweise bei den illegalen Müll-Ablagerungen im Umfeld von Kleingartenanlagen - selbst immer wieder feststellen. Die Sichtung der Nager bei Tage könne "wahrscheinlich ein Anzeichen dafür sein, dass die Zahl der Individuen zunimmt", sagt sie - und ergänzt: "Es kann jedoch auch sein oder hinzukommen, dass die Tiere ihre Scheu vor Menschen verlieren und daher auch häufiger gesichtet werden können, wenn wir ihnen permanent ein Nahrungsangebot bieten".

Die Stadt Frankfurt hat nach Gabriels Worten auf die angespannte "Vermüllungssituation" reagiert: "Sie hat die Reinigungsintervalle erhöht, zusätzliche Papierkörbe bereit gestellt und drei Zusatzreinigungsteams beauftragt", berichtet die Stabsstellen-Leiterin. Die Einsatzkräfte reinigten an den Wochenenden und teilweise in den Abendstunden an den sogenannten "Hotspots" der Stadt. Diese Maßnahmen kosteten 2020 zusätzlich eine Millionen Euro. "Auch in diesem Jahr werden wir eine entsprechende Summe in Zusatzreinigungen etc. investieren", kündigt sie an.

Stefan Röttele, Sprecher des städtischen Müllentsorgers FES, räumt ein, dass die Ratten ein Problem bedeuten: "Natürlich tun wir alles, um zu vermeiden, dass Schädlinge durch herumliegenden Müll angezogen werden - durch zügige Abfuhr und Entsorgung", betont er, fügt jedoch hinzu: "Aber unsere Ressourcen sind endlich. Die Bewohner der Siedlungen müssen helfen: "Lebensmittelreste, die nicht in den Abfalltonnen entsorgt werden, ziehen Schädlinge an."

Gerüche ziehen die Nager an

Feuchtigkeit und Wärme trügen dazu bei, dass organische Abfälle schnell verdürben und Gerüche ausströmten, welche die Nager anzögen. Wenn vor Ort das Mülltonnen-Volumen nicht ausreiche, fährt Röttele fort, müssten Hausbesitzer oder Liegenschaftsverwalter aktiv werden und größere Tonnen bestellen. "Außerdem", ergänzt Röttele, "darf Sperrmüll nicht zu früh bereit gestellt werden - dafür müssen Hausverwalter sorgen. Andernfalls sammelt sich weiterer Unrat an, und das Unheil nimmt seinen Lauf."

Apropos Unheil: In Unterliederbach, entlang des Liederbachs, dürfte es vorerst kein schnelles Ende nehmen. Für die Leerung der Mülleimer dort, so berichtet Sandra Rosenkranz vom Grünflächenamt auf Nachfrage, sei eine private Firma zuständig. Zwischen März und Oktober solle sie zwei Mal, in der übrigen Zeit einmal wöchentlich reinigen. Die Leistungen dieser Firma würden - man hört es oft - "im Rahmen der Möglichkeiten kontrolliert." Und kündigt immerhin an: "Wir werden die Firma nochmals eindringlich auf die Erfüllung der vertraglich vereinbarten Leistungen hinweisen." Michael Forst

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