"Wer Quote will, muss auch Quote machen", sagt die scheidende grüne Stadtverordnete Ursula auf der Heide. Frauenrechte sind seit jeher ihr Thema. Dass der neuen Grünen-Fraktion besonders viele jüngere und weibliche Stadtverordnete angehören werden, findet sie prima. Ihr selbst werde nicht langweilig, ist sie überzeugt Sie freut sich auf Zeit für Museumsbesuche, für Oper und Kino.
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"Wer Quote will, muss auch Quote machen", sagt die scheidende grüne Stadtverordnete Ursula auf der Heide. Frauenrechte sind seit jeher ihr Thema. Dass der neuen Grünen-Fraktion besonders viele jüngere und weibliche Stadtverordnete angehören werden, findet sie prima. Ihr selbst werde nicht langweilig, ist sie überzeugt Sie freut sich auf Zeit für Museumsbesuche, für Oper und Kino.

Frankfurter Grünen-Politikerin sagt:

"Der Oberbürgermeister ist für mich die größte Hypothek"

  • Julia Lorenz
    vonJulia Lorenz
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Ursula auf der Heide (Grüne) verabschiedet sich aus dem Stadtparlament - Ein Blick zurück und nach vorn

Zwölf Jahre lang war Ursula auf der Heide (Grüne) im Stadtparlament. Jetzt hört sie auf in einer besonders spannenden Zeit für ihre Partei, die erstmals als stärkste Kraft in den Römer zieht. Wie schwer fällt der 68-Jährigen der Abschied? Und was hat dieser mit Oberbürgermeister Peter Feldmann zu tun?

Frau auf der Heide, Sie haben zwölf Jahre dem Stadtparlament angehört. Jetzt hören Sie auf. Warum?

Es gibt verschiedene Gründe. Ich werde jetzt 69. Das ist natürlich kein Grund, denn man kann auch Präsident der Vereinigten Staaten werden, wenn man zehn Jahre älter ist. Aber für mich war deutlich: Wir haben jetzt viele neue Mitglieder, da muss ein Generationswechsel her. Und den kann man nur erreichen, wenn man Platz macht. Das ist ein Grund.

Und der andere?

Der Spaß in den vergangenen Jahren in dem Dreierbündnis mit CDU und SPD hat sich in Grenzen gehalten. Das muss man einfach sagen. Es ist viel zu viel blockiert worden gegenseitig. Es gab nur Gezanke und Gezerre. Das war nicht schön. So viele Initiativen sind im Sand verlaufen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Natürlich. Beispielsweise unsere Initiativen für Alleinerziehende. Das haben wir lange vorbereitet mit vielen Recherchen und Veranstaltungen. Wir haben ein Grundsatzpapier erarbeitet. Aber das Thema wurde blockiert, nur weil man uns den Erfolg nicht gegönnt hat. Die Leidtragenden sind die Alleinerziehenden. So darf es nicht weitergehen.

Jetzt gibt es ja die Möglichkeit dazu, neue Wege zu gehen. Das hätte Ihnen auch neue Spielräume geben können.

Das stimmt. Aber jetzt ist das so. Ich finde es natürlich trotzdem spannend, was da jetzt alles passiert und was am Ende herauskommt. Es ist toll, jetzt so eine echte Gestaltungsmöglichkeit zu haben.

Was würden Sie den Grünen denn raten? Finger weg von der SPD?

Ich rate ehrlich gesagt nichts. Das müssen sie selbst ausloten. Man kann Erfahrungen nicht weitergeben. Jeder muss seinen eigenen Weg finden. Wenn mich aber jemand fragen würde, würde ich sagen, ich habe schlechte Erfahrungen in der Koalition mit der SPD gemacht. Das kann ich nicht leugnen. Und der Oberbürgermeister bleibt. Das ist für mich die größte Hypothek. Er hat mir mit seinem undemokratischen und meiner Wahrnehmung nach unseriösen Verhalten die Lust genommen, weiterzumachen.

Wie bewerten Sie das Ergebnis der Grünen?

Ich bin begeistert.

Was meinen Sie, woran das gelegen hat?

Ich denke, es lag an unseren Themen. Und wir haben es geschafft, rechtzeitig Frauen und junge Menschen anzusprechen, sie einzubinden und ihnen eine Plattform zu geben.

Fällt Ihnen das Loslassen denn schwer?

Teils, teils. Aber wenn ich meinen Terminkalender jetzt freiräumen kann, ist das schon schön.

Was machen Sie denn mit der freigewordenen Zeit?

Auf alle Fälle mehr Oper, mehr Kino, mehr Museum. Wenn man ehrenamtlich Politik macht, braucht man kein Hobby mehr. Jetzt habe ich endlich wieder Zeit dafür. Ich habe keine Angst vor Leerlauf. Langeweile wäre für mich eher purer Luxus.

Ziehen Sie sich denn komplett aus der Politik zurück?

Nein. Ich finde die Politik immer noch spannend. Ich mache weiter, nur eben nicht mehr mit Mandat. Man hat dann auch mehr Freiheiten, wenn man nicht an eine Koalition gebunden ist. Ich werde mich weiter in der Frauenpolitik engagieren und bei der Initiative Frankfurt für Frauenrechte.

Was haben Sie denn am meisten geliebt an der Arbeit der Stadtverordneten?

Besonders toll fand ich immer die Vielfältigkeit. Man kommt mit so vielen Menschen und Themen in Berührung, wie wohl nirgends sonst. Ich habe zu Hause Dutzende Ordner zu den unterschiedlichsten Themen. Allein zwei Ordner sind zum Rennbahn-Areal einschließlich Bürgerentscheid. Die hebe ich auch auf. Da sind wahre Perlen drin. Wenn es kein Journalist macht, schreibe ich darüber ein Buch. Das ist ein Stück Stadtgeschichte.

Haben Sie einen persönlichen Höhepunkt?

Ja. Das war die Sitzung der Stadtverordnetenversammlung, in der ich eine Rede zur medizinischen Akutversorgung nach Vergewaltigung gehalten habe. Das war eine sensationell tolle Debatte, da hat man nämlich gemerkt, es hat sich durch eine Rede etwas bewegt. Es war total ruhig im Plenarsaal, das ist immer ein Zeichen dafür, dass man die Aufmerksamkeit hat. Man hatte den Eindruck, die Leute haben die Luft angehalten, auch vor Angst, was ich noch sagen werde, weil das Thema eben auch nahe geht. Das war ein Höhepunkt.

Und was war Ihr größter politischer Erfolg?

Da gab es durchaus mehrere. Neben der Einführung der medizinischen Akutversorgung nach Vergewaltigung gab es noch die Charta der Gleichstellung, die Umsetzung der Istanbul-Konvention, die Durchsetzung von mehr Mitteln für den Grünunterhalt, der Bürgerpark Süd, hier habe ich den Antrag dazu geschrieben, das nachhaltige Gewerbegebiet, der Ernährungsrat, die Wildblumenwiesen, die ich in Sachsenhausen als Erste mit dem Grünflächenamt durchgeboxt habe. Es gibt aber natürlich auch Dinge, mit denen ich gescheitert bin.

Zum Beispiel?

Der Paradieshof. Das wurmt mich total. Da stehen wir jetzt nach all den Jahren wieder am Anfang. Das ist ein Ärgernis. Vor allem, weil es da ja jetzt nicht nur um das Gebäude an sich geht, sondern um ganz Alt-Sachsenhausen.

Politik ist aber auch immer mit persönlichen Niederlagen verbunden. Was war Ihre größte Niederlage?

Es war nicht die Nicht-Wahl als Fraktionsvorsitzende im Jahr 2019, als ich gegen Jessica Purkhardt und Sebastian Popp den Kürzeren gezogen habe. Es war enttäuschend, aber keine persönliche Niederlage.

Warum?

Es war nichts, das ich als Ziel hatte. Ich bin erst mit 57 in die Kommunalpolitik gekommen, mit Anfang 60 in den Römer. Da hatte ich keine Ambitionen, Dezernentin oder Fraktionschefin zu werden. Ich war auch wirtschaftlich nicht drauf angewiesen. Ich hatte nur meine Person in den Ring geworfen, weil es die Chance war, dass eine Frau den Posten übernimmt. Wer Quote fordert, muss auch Quote machen. Das ist mein Credo. Als Niederlage sehe ich eher so etwas wie den Paradieshof. Dass man, egal, was man macht, scheitert und nichts bewirken kann.

Mit welchem Stadtverordneten haben Sie sich am besten verstanden?

Mit dem ehemaligen Fraktionsvorsitzenden Manuel Stock, der fehlt in Frankfurt total. Und die Stadtverordnete Birgit Ross. Sie ist eine Freundin geworden.

Mit wem haben Sie am liebsten gestritten?

Mit Christoph Schmitt von der CDU. Wir sind meist komplett anderer Auffassung, hatten Auseinandersetzungen, aber die Form hat immer gestimmt.

Was wünschen Sie den Grünen für die Zukunft?

Ich wünsche ihnen, dass wir möglichst viel von dem umsetzen können, was wir programmatisch auf den Weg gebracht haben. Wir brauchen die Verkehrswende für alle und müssen im Klimaschutz große Schritte nach vorne gehen. Ich wünsche mir aber auch, dass die Grünen ihrer Linie treu bleiben und ein gutes Team werden. Wir brauchen eine gute Regierung. Davon hängt das Glück und die Lebensqualität der Menschen in Frankfurt ab.

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