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Widerstand in Heddernheim wächst: „Der Stadtteil ist keine Bühne für Querdenker“

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Von: Brigitte Degelmann

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Bemühen Stoltze und die Römer: Die Gründer der Initiative "Heddernheim stellt sich gegen 'Querdenker' und Wissenschaftsverweigerer" auf dem Karl-Perotte-Platz. FOTOs: sauda/rüffer
Bemühen Stoltze und die Römer: Die Gründer der Initiative "Heddernheim stellt sich gegen 'Querdenker' und Wissenschaftsverweigerer" auf dem Karl-Perotte-Platz. © sauda

Querdenker ziehen jeden Dienstag aus Protest gegen die Corona-Maßnahmen durch Frankfurt-Heddernheim. Doch auf dem Karl-Perotte-Platz finden auch Gegendemos statt.

Frankfurt – Dass seit einigen Wochen jeden Dienstagabend Querdenker durch Heddernheim ziehen, ist vielen Anwohnern im Stadtteil ein Dorn im Auge. Auch den beiden Studenten Anton (19) und Nathanael (24), die ihre Nachnamen nicht in der Zeitung lesen wollen, um nicht ins Visier militanter Impfgegner zu kommen. Mitte Januar haben sie mit mehreren Mitstreitern die erste Gegenkundgebung organisiert, unter dem Motto "Heddernheim stellt sich gegen 'Querdenker' und Wissenschaftsverweigerer". Keine einmalige Aktion, wie sie sagen.

Anton, Nathanael - seit 18. Januar veranstalten Sie in Heddernheim Demonstrationen gegen Querdenker. Wie kam es dazu?

ANTON: Vor einigen Wochen habe ich mitbekommen, dass eine Querdenker-Demo in Heddernheim stattfinden soll. Ich habe mir das dann zusammen mit Nathanael angeschaut.

NATHANAEL: Wir wollten sehen, wie viele das sind und ob wir dort bekannte Gesichter entdecken. Ziemlich schnell ist uns dann aufgefallen, dass das ziemlich durchorganisiert ist. Die hatten zum Beispiel zwei große Lautsprecherboxen dabei.

Querdenker-Demo in Frankfurt-Heddernheim: Leute kommen „offensichtlich hauptsächlich von auswärts“

Und haben Sie unter diesen Demonstranten Menschen aus Heddernheim entdeckt?

NATHANAEL: Kaum. Uns hat es gestört, dass unser Stadtteil so vereinnahmt wird - von Leuten, die offensichtlich hauptsächlich von auswärts kommen.

ANTON: Vor allem haben wir gemerkt, dass wir mit diesem Gefühl nicht allein sind. Wir haben mehrere Heddernheimer getroffen, die sich diese Demonstration angesehen haben und die das sehr unpassend fanden.

Und dann haben Sie beide gleich eine Gegen-Kundgebung angemeldet?

NATHANAEL: Die Idee dazu hatten wir, aber wir haben uns erst einmal Leute dazu geholt und überlegt, wie man das angehen könnte - zum Beispiel Menschen aus der Kirchengemeinde und aus dem Vereinsring. Dann haben wir 1000 Flyer mit einem kurzen Text dazu drucken lassen, die wir in die Briefkästen in der Umgebung eingeworfen haben. Auf eigene Kosten - 80 Euro haben wir dafür vorgestreckt. Schließlich haben wir die erste Demonstration für 18. Januar auf dem Karl-Perotte-Platz angemeldet.

Bei den Planungen gingen Sie noch von etwa 50 Teilnehmern aus, gekommen sind dann aber viel mehr, nämlich 250.

NATHANAEL: Wir waren uns am Anfang gar nicht sicher, ob diese Kundgebungen von Querdenkern andere Leute genauso beschäftigen wie uns. Deshalb wussten wir nicht, ob wir am Ende vielleicht nur mit zehn Freunden dort stehen. Dass es dann so viele geworden sind, sehen wir schon als ziemlichen Erfolg.

Frankfurt: Austausch mit Querdenkern auf Demos „nicht zielführend“

Ist es Ihnen denn gelungen, mit der Gegenseite ins Gespräch zu kommen?

ANTON: Bei unserer ersten Begegnung wollten die Querdenker mit uns diskutieren. Das hielten wir aber nicht für zielführend, da kein richtiger Austausch in so einer Form sinnvoll ist. Eine Demonstration ist einfach kein Ort für Diskussionen.

NATHANAEL: Einige haben bei der Demonstration der Querdenker gesagt, dass sie nur mal gucken wollten. Andere haben uns angepöbelt. Und vor allem im Internet sind wir auch beschimpft worden. Etwa auf Twitter und auf Instagram, dort hat man uns schon als "Impf-Nazis", "Konzern-Kommunisten" und "Anti-Demokraten" bezeichnet. Aber insgesamt ist es noch im erträglichen Bereich. Eine Mitorganisatorin ist allerdings kürzlich von einer Querdenkerin per Telefon beleidigt worden.

Bei Ihrer ersten Demonstration hat sich die Polizei zwischen Sie und die Querdenker gestellt. Wie war die Stimmung dabei?

NATHANAEL: Auf unserer Seite war fast ein bisschen Volksfeststimmung, da hat nur noch der Glühwein gefehlt (lacht). Auf der anderen Seite war es eher aggressiv. Wir haben aber für uns den Anspruch, dass wir deeskalierend vorgehen wollen. Wir wollen einfach zeigen, dass Heddernheim mit seiner Fassenacht-Tradition ein lustiges Dorf ist.

ANTON: Wir sind nicht auf Konfrontation aus, wir sind keine Krawallmacher und wollen die Querdenker nicht beleidigen.

Inhaltlich grenzen Sie sich aber sehr stark von diesen Gruppen ab.

ANTON: Natürlich. Die Corona-Krise trifft uns alle, doch wir können sie gemeinsam durchstehen und überwinden. Leider gibt es einige ignorante Menschen mit wissenschaftsfeindlichen Vorstellungen, die Freiheit mit Egoismus verwechseln und durch ihr rücksichtsloses Verhalten dazu beitragen, dass das Virus sich weiterverbreitet.

NATHANAEL: Wir wollen uns das nicht gefallen lassen und diesen Leuten zeigen, dass Heddernheim ihnen keine Bühne bieten will. Unsere Nachbarschaft steht für eine solidarische Krisenbewältigung.

Corona-Proteste: Gegendemos in Frankfurt „bunt gemischt“

Wer kommt zu Ihren Kundgebungen?

NATHANAEL: Das ist bunt gemischt, Menschen aus allen Altersgruppen. Einige kenne ich durch die katholische Kirchengemeinde. Auch Mitglieder des Fastnachtvereins und anderer Vereine sind gekommen. Was uns sehr gefreut hat: Der Ortsbeirat 8 (Heddernheim, Niederursel, Nordweststadt) hat vergangene Woche einstimmig einen Antrag verabschiedet, in dem er unsere Initiative begrüßt und unterstützt. Das zeigt ebenfalls, dass wir eine breite demokratische Basis haben, dass wir eine breite Gesellschaft ansprechen, nicht nur einzelne Gruppen.

Auch in dieser Woche haben Sie auf dem Karl-Perotte-Platz gegen die Querdenker demonstriert...

ANTON: ... und für die nächste Woche haben wir wieder eine Demonstration angemeldet. Mal gucken, wer den längeren Atem hat - wir oder die Querdenker.

Interview Brigitte Degelmann

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