Der Tag, an dem auch Beten nicht half

  • Simone Wagenhaus
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Wie das bei großen Geburtstagen so ist: Jeder erinnert sich an seine Sternstunden mit dem Jubilar. So halten wir es auch zum 75. Geburtstag der FNP. In einer Serie blicken Redakteure und Mitarbeiter auf ihr schönstes Erlebnis, größtes Abenteuer, auf die skurrilste Begebenheit oder auch das schrecklichste Ereignis zurück - und zwar im wöchentlichen Wechsel mit dem Abdruck einer Zeitungsseite, die eine besondere Geschichte erzählt.

Heute erinnert sich Redaktionsleiterin Simone Wagenhaus sehr persönlich an den 11. September 2001 und die Terroranschläge, die die Welt zu einer anderen gemacht haben.

Frankfurt -"Ein Flugzeug ist am Dienstag in einen der Türme des World Trade Centers in New York gestürzt. Das berichtete der Nachrichtensender CNN." Es ist 14.56 Uhr am 11. September 2001, als diese Eilmeldung der Deutschen Presse-Agentur (DPA) über den Ticker in der Redaktion läuft. Ein großer Teil der Stadtredaktion steht zu diesem Zeitpunkt im mit einer Glasscheibe abgetrennten Nichtraucherraum - und isst Buttercremetorte, die uns Jutta W. Thomasius, schon damals die Grande Dame der FNP, spendiert hat. Bis im Raucherbüro Hektik aufkommt, wir gerufen werden: "Da ist ein Flugzeug ins World Trade Center geflogen." Bitte?

Und dann habe ich dieses eine Bild von mir vor Augen, das ich nie vergessen werde. Ich stehe mit den Kollegen mit einem Teller mit Buttercremetorte vor dem Fernseher, als das zweite Flugzeug in das Gebäude fliegt. 18 Minuten, nachdem das erste eingeschlagen ist. Ich versuche das, was ich sehe, mit dem, was mein Gehirn wahrnimmt, in Einklang zu bringen. Es geht nicht. Unverstellbar ist das, was sich da gerade vor meinen Augen abgespielt hat. Und es ist zu diesem Zeitpunkt bereits klar: Das kann kein schreckliches Versehen gewesen sein. Wieder das World Trade Center, das schon 1993 Ziel eines verheerenden Anschlags islamischer Extremisten war, bei dem sechs Menschen getötet und mehr als 1000 verletzt worden sind. Lokalchef Dieter A. Graber ist unterdessen aus der Stadtredaktion gestürmt, nach vorne, dort wo Chefredakteur Gerhard Mumme und Politikchef Peter-Michael Balschun arbeiten. Wir haben eine Großlage, wie es im journalistischen Jargon heißt. Eine vorher noch nie dagewesene. Das Blatt muss neu gedacht, die Aufgaben neu verteilt werden. Genau das tun die drei in diesen Minuten. In einer guten Redaktion greifen in solchen Momenten die Zahnrädchen ineinander. Wir sind eine gute Redaktion.

Ich rufe meine Eltern an, sie sollen schnell den Fernseher einschalten, auf N-TV gehen. Meine Mutter sagt, sie schauten - ich weiß es nicht mehr genau - Biathlon, das andere sähen sie dann in den Nachrichten. Wie sie mir später sagte, hatte sie sich dieses dramatische Ausmaß schlichtweg nicht vorstellen können. Wie denn auch? Ich habe die Bilder gesehen und begreife sie dennoch nicht.

Was wir bislang nur vermutet haben, bestätigt die DPA um 15.36 Uhr mit einer weiteren Eilmeldung. US-Präsident George W. Bush hat den Sturz zweier Flugzeuge in das World Trade Center am Dienstagmorgen (Ortszeit) als "offensichtlichen Terroranschlag" bezeichnet. 13 Minuten später erfahren wir, dass ein drittes Flugzeug ins Pentagon in Washington gestürzt, vorsorglich auch das Weiße Haus evakuiert worden ist.

Wir blicken immer wieder in den Fernseher, sehen, wie sich Menschen aus tiefster Verzweiflung in den sicheren Tod stürzen. Bilder, die jenseits der Vorstellungskraft sind. Gewesen sind.

Dieter A. Graber ruft uns zur Konferenz. Wer übernimmt was? Schnell ist klar: Ich soll mit unserem altgedienten Fotografen Mick Grosse zum Flughafen, soll dort Stimmen von Passagieren sammeln, die Stimmung widerspiegeln. Seit dreieinhalb Jahren bin ich schon freie Mitarbeiterin in der Stadtredaktion, immer noch ein wenig grün hinter den Ohren. Doch eines habe ich in dieser Zeit gelernt: Ich lasse die Dinge, über die ich berichte, nicht zu nah an mich heran. Für Gefühle ist danach Zeit. An diesem Tag wird es mir schwerfallen. Aber das weiß ich noch nicht.

Kurz bevor wir losfahren, ereignet sich im südlichen Turm eine weitere schwere Explosion. Daraufhin stürzt der obere Teil des 411 Meter hohen Gebäudes ein.

Am Flughafen ist es anders als sonst. Dort, wo die Menschen normalerweise geschäftig wuseln, sich auf ihre Reise freuen, scheint die Zeit stillzustehen. Manche knien und beten, andere drängen sich um die Fernseher, sehen dort in Endlosschleife das zweite Flugzeug hineinkrachen. Später sollte ich in meinem Artikel schreiben:

Anita K. kämpft mit den Tränen. Doch weinen kann sie nicht - noch nicht. Zu tief sitzt der Schock über die Terroranschläge in ihrer Heimat. "Das ist eine nationale Tragödie", sagt Frau K. Heute Morgen wollte sie zurück nach Chicago fliegen. "Wir haben wunderschöne Wochen in Deutschland und Österreich verbracht. Ich kann kaum begreifen, was geschehen ist. Das ist zu viel."

Kurz nach unserer Ankunft stürzt auch der zweite Zwilling ein. Wie in Zeitlupe fällt er in sich zusammen, dichter Qualm walzt sich durch die Straßen New Yorks. Armageddon. So muss es sein. Die Behörden rechnen mit Tausenden von Toten. In den beiden Türmen des Welthandelszentrums sowie den dazu gehörenden Gebäuden sind etwa 40 000 Menschen beschäftigt, Zehntausende arbeiteten in benachbarten Häusern. Nicht zu vergessen die in den Tod geflogenen Passagiere. Totenstille auf dem Flughafen.

In großer Sorge ist John Z., der in Washington lebt. Er kann seine Empfindung nur schwer in Worten ausdrücken. "Ich habe keine Gefühle mehr. Ich bin leer", sagt er. "Ich weiß nicht, was mit meiner Familie, mit meinen Freunden in Washington ist. Die Leitungen nach Amerika sind tot. Hier zu sein, fern ab meiner Heimat, ist schwer. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich bin in großer Sorge um meine Lieben." Auch Cliff O., er kommt ebenfalls aus Washington, fehlen die Worte. "Ich habe als Fotograf schon viel Leid und Grauen gesehen. Doch diese Anschläge haben eine neue Dimension erreicht. Amerika wird nicht mehr das Land sein, das es einmal war. Das ist mehr als ein Desaster - der 11. September ist ein schwarzer Tag für die Welt. Ein Tag, der die Welt nachhaltig verändert. Ich bin sehr traurig."

Auch Mick Grosse, ein alter Hase in der Pressefotografie, hat schon viel Schönes und Schlimmes in seinem Berufsleben gesehen, ist an diesem Nachmittag sehr ruhig. Normalerweise frotzeln wir, an diesem Tag schweigen wir uns an und spulen unser Programm ab. Ich sammle O-Töne, er macht die Fotos. Nicht von den Menschen, mit denen ich spreche. Sie wollen nicht, was wir respektieren.

Zurück in ihre Heimat können die Amerikaner zurzeit nicht. Über den Vereinigten Staaten und dem nordatlantischen Luftraum wurde eine Flugsperre verhängt. Wie lange sie dauern wird, ist noch unklar. Sprachlosigkeit - dieses Wort beschreibt die gestrige Stimmung am Flughafen. Auch wenn es oberflächlich betrachtet aussah wie an einem ganz normalen Tag. Keine Durchsagen, die auf dramatische Ereignisse in den USA hinwiesen. Keine gelben Buchstaben auf den Anzeigetafeln, die gestrichene Flüge nennen. Doch etwas war anders: Selten konnte man am größten Flughafen Deutschlands so viele geistesabwesende, in sich gekehrte - sogar betende Menschen sehen. Die Terroranschläge haben Amerika und die Welt bis ins Mark erschüttert.

Wir laufen durch die Halle, in der sich lange Schlangen gebildet haben. Es wird immer schwieriger, Menschen zu finden, die mit uns reden wollen. Sie wollen ihre Ruhe haben. Verständlich. Auch ich bin mittlerweile ziemlich durch. Das Adrenalin, das einen durch solche Einsätze bringt, ist raus aus mir.

Sämtliche Maschinen in die USA wurden entweder komplett gestrichen, nach Kanada umgeleitet oder an ihrer Ausgangsflughafen zurückbeordert. Allein von der Lufthansa waren zum Zeitpunkt des ersten Anschlages auf das World Trade Center in New York 22 Maschinen unterwegs. Neun wurden umgeleitet, vier Maschinen haben in Island beziehungsweise getankt und sind nach Frankfurt zurückgekehrt. "Die übrigen Flugzeuge konnten wir frühzeitig zurückleiten", sagt Lufthansa-Vorstand Wolfgang Mayerhofer. "Der restliche Flugverkehr läuft aber ganz normal." Gar nicht starten konnten sechs Maschinen der Lufthansa sowie zwei der United Airlines und zwei Frachtmaschinen.

Wir treffen durch Zufall noch einen Flughafensprecher , der im Terminal unterwegs ist. So bleibt mir ein Telefonat erspart.

Rund 5000 Passagiere waren bereits unterwegs oder wollten noch am gestrigen Abend in die USA starten. Für sie mussten Unterkünfte gefunden werden. Kein leichtes Unterfangen zur Zeit der IAA. Anlaufstelle für die Gestrandeten war der Schalter der "United Tickets". Die Schalter der übrigen amerikanischen Airlines waren verwaist. Auch die Besucherterrassen der Terminals wurden um 16.45 Uhr geräumt. Aus "Sicherheitsgründen", sagte Fraport-Sprecher Wolfgang Schwalm. Wann die ersten Maschinen wieder in die Vereinigten Staaten starten werden, ist zurzeit noch völlig offen.

Wir fahren zurück in die Redaktion, das Radio bringt uns auf den neuesten Stand. Keine Terrororganisation hat sich bislang zu den Anschlägen bekannt, die weltweit Entsetzen und verschärfte Sicherheitsvorkehrungen ausgelöst haben. US-Präsident George W. Bush, der an einen sicheren Ort auf einem Luftwaffenstützpunkt in Nebraska gebracht wurde, spricht von einer "nationalen Tragödie" und versichert: "Wir werden diejenigen, die für diese feigen Taten verantwortlich sind, zur Strecke bringen und bestrafen." Die US-Streitkräfte wurden weltweit in Alarmzustand versetzt, Kriegsschiffe nach New York in Marsch gesetzt. Ich habe ein mulmiges Gefühl.

Die Lufthansa hat mit der Rufnummer 08001009499 ein Hotline für die Personen, die in den nächsten Tagen in die USA reisen wollten oder bei ihrem Flug den Nordatlantik überqueren müssen, eingerichtet. Andere Passagiere werden gebeten, sich frühzeitig vor der geplanten Abreise mit ihrer Fluggesellschaft oder ihrem Reisebüro in Verbindung zu setzen.

Zurück in der Frankenallee berichten wir Dieter A. Graber, was wir haben. Das Layout der Seite steht längst, die Hauptüberschrift auch. Ich fange an zu schreiben. Es dauert, bis der Text fertig ist. Es fällt mir schwer, den Abstand zwischen dem, was mir die Menschen erzählt haben, und was nun in meinem Block steht und meinen Innersten zu halten. Ich rauche viel in diesem Stunden, telefoniere zwischendurch mit meiner Mutter, die die Bilder samt Nachrichtenlage mittlerweile auch kennt. "Kind, das ist wie im Krieg", sagt sie, 1932 geboren und aus Oberschlesien vertrieben, zu mir. Einer von zwei Sätzen, die ich auch heute, fast sieben Jahre nach ihrem Tod, noch von ihr im Ohr habe.

Der Fernseher in der Redaktion läuft immer noch. Immer wieder die Sequenzen der einschlagenden Flugzeuge, der Einstürze, dazu Reaktionen aus aller Welt. Die beispiellose Terrorserie hat auch in Deutschland blankes Entsetzen und tiefe Trauer ausgelöst. In Berlin ruft Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) den Bundessicherheitsrat ein. Der Bundestag bricht seine Haushaltsdebatte ab. Sicherheitskräfte werden in Alarmbereitschaft versetzt. Schröder und Innenminister Otto Schily (SPD) sehen jedoch keine unmittelbare Gefahr für Deutschland. Schröder spricht von einer "Kriegserklärung gegen die gesamte zivilisierte Welt". Die Landesregierung empfiehlt für Mittwoch die Schließung der "symbolträchtigen Hochhäuser" in Frankfurt. Für amerikanische und israelische Einrichtungen wird die höchste Sicherheitsstufe angeordnet.

An den öffentlichen Gebäuden werden die Fahnen auf halbmast gesetzt. Mit spontanen Demonstrationen und Veranstaltungen gedenken Tausende Menschen in Deutschland der Opfer der Terroranschläge in den USA. In vielen Städten gibt es Lichterketten oder Gottesdienste. Auch in Frankfurt.

Der Text ist vorgelegt, von Lokalchef Dieter A. Graber redigiert und abgesegnet. Er ist zufrieden, was nicht leicht zu erreichen ist. Den Rest der Buttercremetorte auf meinem Teller schmeiße ich in den Müll.

Ich verlasse die Stadtredaktion, fahre zu meinem guten Freund Joachim, mit dem ich für diesen Abend verabredet bin. Wir umarmen uns, halten uns fest, trinken Rotwein und essen Fertigpizza, erzählen uns, was wir an diesem Tag erlebt haben, was wir fühlen. Es sind Wut, Verzweiflung, Fassungslosigkeit und ja, auch Angst, die uns gepackt haben, eine nicht zu fassende Erkenntnis, dass Terroristen vor den Augen eines ohnmächtigen Milliarden-Publikums mit einem Schlag die Zentren unserer Sicherheit und unseres Wohlstandes in wenigen Sekunden zerstören wollten und konnten.

Wir beide wissen: Dieser Tag hat die Welt verändert, er hat sich in unsere Seele gebrannt. Es war der Tag, an dem auch Beten nicht half.

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