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Der vergessenen Kinder wird wieder gedacht

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Von: Sabine Schramek

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Gedenkfeier auf dem Platz der vergessenen Kinder zur 80. Wiederkehr der Deportation von 43 Frankfurter Kindern. Schüler der Carl-Schurz-Schule haben die Namen verlesen und Blumen niedergelegt.
Gedenkfeier auf dem Platz der vergessenen Kinder zur 80. Wiederkehr der Deportation von 43 Frankfurter Kindern. Schüler der Carl-Schurz-Schule haben die Namen verlesen und Blumen niedergelegt. © Enrico Sauda

Das Schicksal der Mädchen und Jungen, die vor 80 Jahren von der Gestapo aus dem Kinderhaus in der Hans-Thoma-Straße gejagt wurden, bewegt noch heute

Zwischen zwei mächtigen Lindenbäumen auf dem Plätzchen an der Gabelung Gärtnerstraße und Hans-Thoma-Straße ist eine Leine gespannt, an der Schilder mit Namen wie das leicht herbstliche Laub von den Bäumen wehen. „Ernst, 8“, „Paula, 9“, Enoch, 4“, „Hilde, 7“ und 39 weitere Namen stehe darauf und das Alter zwischen einem und 14 Jahren. Die Namen der Mädchen und Jungen, die vor 80 Jahren aus dem „Kinderhaus des Vereins der Weiblichen Fürsorge Israelitischer Frauenverein zur Förderung gemeinnütziger Bestrebungen“ in der Hans-Thoma-Straße 24 von der Gestapo zur Großmarkthalle getrieben und von dort aus meist in den Tod deportiert wurden.

Fast im selben Alter

Jetzt stehen 25 Schüler der 7b aus der Carl-Schurz-Schule hier und lesen die Namen laut vor. Nina, Paula und Hendrikje sind 12 Jahre alt und Schüler des Geschichts- und Religionslehrers Benedikt Göpfert. „Die Kinder sind ungefähr im selben Alter, wie die Kinder, die von hier aus deportiert wurden. Das macht betroffen und ist anschaulicher Geschichtsunterricht“, so Göpfert.

„Da sind Namen dabei, die wir täglich hören. Ich heiße selbst Paula“, sagt Paula. „Als wir das Judentum in der Klasse durchgenommen haben, hatte ich Tränen in den Augen.“ Ninas Opa hieß Manfred. „Das waren Kinder, genau wie wir. Man kann sich das gar nicht vorstellen. Es ist schrecklich“. Vor zehn Jahren haben Pfarrer Volker Mahnkopp von der Maria-Magdalena-Gemeinde, Bärbel Lutz-Saal und Natascha Schröder-Cordes die Initiative Jüdisches Kinderhaus in der Hans-Thoma-Straße 24 gegründet. Seit 2017 steht ein großer bronzener Dreidel unter den Linden. Die Städel-Schülerin Filippa Pettersson hat das überdimensionale Kreisel-Spielzeug geschaffen. Als das Kunstwerk seinen Platz bekam, wurde am selben Tag der bislang namenlose Platz in „Platz der vergessenen Kinder“ benannt, um an das Kinderhaus und an die Deportierten zu erinnern.

Mahnkopf verbringt viel Zeit mit Recherchen zu den Vermissten und deren Angehörigen. Er hat den Neffen von dem damals 8jährigen Ernst-Karl Rapp gefunden, der in Frankfurt lebt und heute zum 80. Gedenktag gekommen ist. Doron Ory Davison ist sichtlich bewegt und gerührt, als alle gut 50 Anwesenden das Lied „Shalom Chaverim“ singen. „Frieden, Freunde“ heißt das Lied übersetzt, das auch vom „Wiedersehen“ handelt. „Wiedersehen können wir diese Menschen nicht, aber wir können an sie denken und in Erinnerung halten“, so Mahnkopp.

Davison nickt. „Meine Großmutter wusste nicht, was passiert war. Nur unterbewusst war ihr das klar“, so der Mann, der selbst eine achtjährige Tochter hat. Der Mann mit der Kippa hat am 15. September Geburtstag.

„Ich will den Fokus nicht auf das Gräuel legen, das damals passiert ist“, sagt er mit sanfter Stimme. „Ich will den Fokus auf den persönlichen Aspekt legen. Karl-Ernst und ich haben eine ganz besondere Verbindung, denn ich wurde an einem 15. September geboren, er deportiert. Das hat eine Bedeutung, die ich nicht erklären kann. Die Tatsache, dass 32 Jahre nach so einem schrecklichen Ereignis jemand anderes das Licht der Welt erblickt hat, ist für mich der lebende Beweis, dass die Ideologie der Nazis auf voller Linie versagt hat. Darum trage ich nicht nur Trauer in mir, sondern auch ein bisschen Freude. Es ist ambivalent, aber solange ich meine Füße auf deutschem Boden habe, haben die Nazis doch nicht gewonnen.“

Die Kinder und Initiatoren lauschen dem freundlichen Mann, der eine völlig sanftmütige Ausstrahlung hat. Es ist still, nur seine Stimme und der Autoverkehr sind zu hören. „Shalom Chaverim“, sagt Mahnkopf noch einmal. Einige Schicksale der deportierten Kinder sind noch nicht bekannt. Aber es werden immer mehr. Er und Davison wünschen sich, dass eines Tages der „Platz der vergessenen Kinder“ umbenannt werden kann in „Platz der unvergessenen Kinder“.

Noch sei die Gesellschaft nicht so weit, noch seien nicht alle Schicksale belegt. Stolpersteine und Stolperschwellen erinnern an die Menschen, ebenso wie der Dreidel auf dem Platz. Die Schüler der Carl-Schurz-Schule legen bunte Dahlien, Strandhafer und Sonnenblumen darunter. Die Namensschilder wackeln mit dem Lindenlaub darüber.

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