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Der Wunsch nach "flachen Sachen"

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Von: Michelle Spillner

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Rund 16 000 verschiedene Artikel bietet Christiane Kern in ihrem "Naschmarkt". Ohne die Messen fällt es schwer, die Vielfalt zu erhalten und Kundenwünsche zu erfüllen. Aktuell ist die Nachfrage nach "flachen Sachen" groß. Das hat mit der Pandemie zu tun.
Rund 16 000 verschiedene Artikel bietet Christiane Kern in ihrem "Naschmarkt". Ohne die Messen fällt es schwer, die Vielfalt zu erhalten und Kundenwünsche zu erfüllen. Aktuell ist die Nachfrage nach "flachen Sachen" groß. Das hat mit der Pandemie zu tun. © Michelle Spillner

Wie es Christiane Kern auch ohne Messen gelingt, ungewöhnliche Kundenwünsche in Frankfurt zu erfüllen

Normalerweise fragen die Kunden von Christiane Kern (37) nach Essig, Pralinen, gluckernden Karaffen aus Portugal, Küchenutensilien, Wein ohne Alkohol, Nudeln ohne Gluten und Grinsetassen. Aber dann, mit dem ersten Lockdown, fragten sie nach "flachen Sachen". Flache Sachen? Die Geschäftsinhaberin des "Naschmarkts am Dom" zeigte sich verwundert. "Es muss durch den Briefkastenschlitz passen", klärt sie auf, was ihr schließlich selbst klar geworden sei. Gesucht seien Dinge, "die man Menschen kontaktlos einwerfen oder per Post als kleine Aufmunterung schicken kann".

Schokoladentafeln fallen einem da ein, Grußkarten, ein schmales Buch vielleicht? Aber da musste es mehr geben. Und dann offenbart sich ein ganz anderes Problem: Kleine Geschäfte wie das ihre haben aktuell nicht nur damit zu kämpfen, dass auch bei ihnen während des monatelangen Lockdowns und der Zugangsbeschränkungen weniger eingekauft werden kann und wird. Sie haben auf der anderen Seite die Schwierigkeit, selbst einkaufen zu können, das Sortiment aufzufüllen und mit innovativen Neuerungen interessant zu halten. In den kleinen, inhabergeführten Geschäften muss es das Besondere geben, das, was es in den großen Kaufhäusern und im Online-Handel nicht gibt und was man nicht googeln kann, sonst können sie nicht überleben.

Die schwierige Suche nach Besonderem

"Ich bin sonst immer auf Messen gefahren, auf die Nordstil nach Hamburg, die Maison et Objet in Paris." Doch jetzt fallen die meisten dieser Messen aus. Die Möglichkeit, am Stand Dinge zu entdecken, sie in die Hand zu nehmen und mit dem Produzenten ins Gespräch zu kommen, gibt es kaum. Den Wiederverkäufern fehlt die Möglichkeit, die kleinen Nischenprodukte zu finden, und den Produzenten schwindet die Chance, gefunden zu werden.

Christiane Kern braucht den direkten Kontakt, schon allein dann, wenn es um die Frage der Abnahmemengen geht. Sie braucht keine großen Mengen, sondern Vielfalt. 16 000 verschiedene Produkte bietet sie in ihrem Geschäft, alles in überschaubaren Stückzahlen. "Ich brauche keine 400 handgemachten Messerchen, sondern vielleicht zehn" - kleine Auflagen, die sich verkaufen, so dass schnell wieder Platz für Neues ist. "Das können Sie im direkten Gespräch mit dem Produzenten besprechen und verhandeln, aber nicht, wenn Sie beim Vertrieb anrufen, der sich an Standards hält und Sie nicht kennt", schildert die Geschäftsfrau.

Ohne die Messen und den direkten Kontakt besteht die Gefahr, dass keine neuen Produkte nachkommen, dann würde auch ihr Geschäft an Attraktivität verlieren - eine Abwärtsspirale. Gerade während des Lockdowns habe sie sich durch die Exklusivität über Wasser halten können. "Kunden haben während der Schließungszeit bei mir angerufen, und ich habe ihnen ihre Bestellung in den Hausflur gestellt", schildert Christiane Kern. Sie haben bei ihr bestellt, weil es das, was sie wollten, nur bei ihr gibt: Bonbons aus Frankreich, Pralinen einer kleinen Berliner Manufaktur, Seifen aus der Provence, Sekt von fernen Winzern - alles direkt vom Produzenten.

Kleine Manufakturen erhalten

Ein Startup in Frankreich hat vor zwei Jahren genau diese Vertriebslücke entdeckt. Ankorstore heißt es und ist eine Business-to-Business-Plattform, die Produzenten und Weiterverkäufer zusammenbringt. Eine Art Rund-um-die-Uhr-Online-Messe, die die Suche nach dem Besonderen europaweit ermöglicht wie auch die Bestellung in kleinen Margen. Dort bekommt man außerdem aufgrund seiner Käufe Empfehlungen von Produkten und Produzenten - so wie man es von den Online-Riesen auch als Privatkunde gewohnt ist.

Sie sei froh, dass sie diese Plattform gefunden habe. Das Kauferlebnis auf der Messe ersetze das natürlich nicht. Aber die Plattform könne helfen, in diesen schwierigen Zeiten die kleinen Manufakturen zu erhalten und damit das Sterben der lokalen Geschäfte in den Innenstädten zu stoppen. Ohne die kleinen Zulieferer könnte sie zumachen, ist Kern überzeugt.

Dort hat sie auch nach den "flachen Sachen" gesucht. Und was passt jetzt durch den Briefkastenschlitz? Christiane Kern lacht und deutet auf ein ganzes Sortiment, das sie auf dem Tisch aufgebaut hat. "Es ist mehr, als man denkt": zum Beispiel Gewürzröllchen, Glückspilze, Herzchenlollys, Stofftäschchen, knüllbare Eierwärmer, Wunderkerzen, Glitzerstifte, kleine Porzellantellerchen, Glücksteelichter, die nach dem Abbrennen eine liebevolle Botschaft preisgeben, Notfallschokolade und das bestickte Geschirrtuch mit dem Spruch: "Der Abwasch kann warten, das Leben nicht", das Notizbuch mit der Aufschrift: "Die Frage ist zu gut, um sie mit einer Antwort zu verderben" und die Sammelmappe mit der Deckelzeile "Wir sollten uns gemeinsam um diese Welt kümmern".

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