Deutschtum oder Franzosenliebe

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Rund 80 Teilnehmer erkundeten beim zweiten Regionaltag der Geschichte im Historischen Museum Archivmaterial zum Ersten Weltkrieg und zu Kriegsdenkmälern.

Heute birgt die einstige Munitionskiste des Instituts für Personengeschichte in Bensheim einen Schatz mit Briefen, Akten und sonstigen Dokumenten zum Ersten Weltkrieg. „Zurzeit liegen wir bei Verdun nördlich von Bras und werden reichlich mit feindlicher Artillerie bedacht“, heißt es 1916 in einem Brief von Hans Schimmelpfennig an Ottilie Hecker. Ihr Nachname lässt sich auch auf der Kiste entziffern. „Denn die Adressatin ist zufällig die Schwester von Adolf Hecker, dem die Munitionskiste gehörte. Doch der war schon 1914 in Nordfrankreich gefallen“, erklärt Anina Künner, Mitarbeiterin am Historischen Museum. Der Erste Weltkrieg hat viele solcher Geschichten zu erzählen. Im Workshop „Feldpostbriefe und andere Dokumente“ gingen rund 30 Teilnehmer des zweiten Regionaltags der Geschichte im Historischen Museum und Haus am Dom zum Thema „Der Erste Weltkrieg in Frankfurt und Rhein-Main“ auf Spurensuche. Zu Beginn beleuchteten die Professoren Christoph Cornelißen und Jürgen Müller Aspekte zur Schuldfrage im Ersten Weltkrieg und zur besseren Versorgungslage in den hessischen Dörfern, während Städte wie Frankfurt von Lebensmittellieferungen oft genug abgeschnitten waren.

Eine besondere Überraschung unter den fünf Arbeitsgruppen bot der Workshop „Deutschtum oder Franzosenliebe-Friedrichsdorf und der Erste Weltkrieg“ zum gleichnamigen mit dem Preis der Regionalgeschichte 2015 ausgezeichneten Buch. Denn hierin stellte die Leiterin des Stadtarchivs, Heimatmuseums und Philipp-Reis-Hauses in Friedrichsdorf, Erika Dittrich, den

Gewissenskampf

ihrer Heimatstadt vor, in der viele Nachfahren von Hugenotten noch Französisch sprachen und nun gegen den „Erbfeind“ Frankreich in den Krieg ziehen sollten.

„Für jeden (zivilen) Friedrichsdorfer galt, dass er aus der Not eine Tugend machte und mit Disziplin und Pflichterfüllung die vier Kriegsjahre überstand“, heißt es im Sonderband 7 der Friedrichsdorfer Schriften. „Doch bald galt die Sprache des Kriegsgegners als fremdländisch, und Französisch verschwand später fast völlig aus dem Alltag“, berichtete Dittrich. Neben städtischen Archiven und Instituten bewahren auch viele Kirchen wie Frauenfrieden in Frankfurt als Gedenk- und Archivstätten das Gedächtnis an den Ersten Weltkrieg.

Deshalb stellte das Haus am Dom nicht nur die Seminarräume für die Workshops bereit, sondern organisierte auch einen eigenen Workshop zum Thema „Die Kirchen im Ersten Weltkrieg-Gemeindekirchen geben Auskunft“. Die Leiterin des Diözesanmuseums Martina Wagner zitierte aus einer Villmarer Pfarrchronik, nach der ein dortiger Pfarrer noch Messen las und Beichten abnahm, ehe er die Soldaten an die Front verabschiedete. „Die zeitlichen Sperrfristen, die für Pfarrchroniken gelten, haben für den Ersten Weltkrieg nach 100 Jahren keine Bedeutung mehr“, erklärte die Stadtteilhistorikerin der Polytechnischen Gesellschaft und Pfarrsekretärin von Frauenfrieden, Kerstin Stoffels. „Gewisse Formulierungen sollte man zwischen den Zeilen lesen und auch bei den Fotos auf kleinste Hinweise etwa an den Unterschiede achten.“

Kurator Dominik Burkhard erklärte die Ausstellung „Gefangene Bilder. Wissenschaft und Propaganda im Ersten Weltkrieg“ im Historischen Museum, Anna Turré vom Volksbund Kriegsgräberfürsorge und Hans Günter Thorwarth diskutierten über Gedenkstätten im Rhein-Main-Gebiet. „Neben Frauenfrieden haben wir noch eine Kriegerdedächtniskapelle in Flörsheim, die Schnupperpilger auf dem Jakobsweg dazu anregte, sich über ihre Erinnerungen und Familiengeschichten auszutauschen“, erinnerte Hans Prömper, Leiter der Katholischen Erwachsenenbildung. „Wir müssen auch die Gedenkkultur in den Nachbarländern berücksichtigen und uns fragen, ob Gefallenendenkmäler noch zeitgemäß sind“, gab Turré zu bedenken.

„Spannend ist immer die Frage, wie die Historiker an ihre Quellen herankommen und die darin beschriebenen Personen mit Leben gefüllt werden“, fand Hans-Dieter Schneider, Teilnehmer des Workshops über Deutschtum und Franzosenliebe. Vor allem dann, wenn der eigene Vater selbst in beiden Weltkriegen kämpfte und man sogar als Kriegswaise aufwuchs.

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