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Reportage

So ist es, als DHL-Postbote zu arbeiten

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Täglich landen 25.000 Pakete in der Zustellbasis der Deutschen Post in Fechenheim. Mit 147 von ihnen hat sich unser Reporter auf die Reise nach Sachsenhausen gemacht. Im Gepäck hatte er auch eine Frage: Ist dieser Job wirklich so stressig, wie es immer heißt?

Mit einem Ruck hievt Sascha Klenota (29) ein Miniatur-Elektroauto für Kinder vom Laufband – und ich stehe daneben und wünsche mir, nicht so verdammt langsam zu sein. Das weiße Paket mit dem aufgedruckten blau-schwarzen BMW i8 sticht aus den hunderten anonymen Pappkartons heraus, die seit einer Stunde an mir vorbeiziehen. Doch bevor ich es inspizieren kann, hat Sascha die Kiste schon in seinen Lieferwagen einsortiert. „Ich weiß, an wen das geht“, sagt er mit Blick auf die Adresse. „Da bin ich fast jeden Tag.“

Wir stehen vor Tor 405 in der Halle einer Zustellbasis der Deutschen Post in der Ferdinand-Porsche-Straße 30. Es ist 9 Uhr. Vor allen 56 metallenen Luken parken gelbe DHL-Laster, Zusteller schieben auf zwei Meter hohen Wagen haufenweise Pakete umher, die Kuriere klauben sich ihre Fracht von den Laufbändern. Ich bin hier nur ein Störfaktor.

Während Sascha im Akkord scannt und verstaut, nehme ich ab und an ein Paket auf, nur um festzustellen, dass es zum Kollegen einige Meter weiter hätte durchlaufen müssen. Frustrierend. Ich erwische mich dabei, wie ich über die Außerirdischen nachdenke, die im Alien-Film „Men in Black“ für die Post arbeiten: Mit acht Armen und Super-Geschwindigkeit.

Aber mein Partner kommt nicht vom Mars, sondern aus Neu-Isenburg. Sascha ist ein hagerer junger Mann, das gelb-rote DHL-Shirt fällt locker, er trägt eine kurze Hose. Mit dem Job spare er sich das Fitnessstudio, ruft er mir in breitem Hessisch und noch breiteren Grinsen zu. Das fällt sofort auf: Körperlich fit sollte ein Paketbote sein.

Nach zwei Stunden Sortiererei ist es geschafft: 147 lange, flache, würfelige Pakete liegen angeordnet nach Saschas Logik im Kofferraum. Während ich mich auf den Beifahrersitz quetsche, der wirkt als hätte man ihn extra für mich montiert, tauscht der Profi seine Sicherheitsschuhe gegen die bequemeren Auslieferschuhe. Dann geht’s los.

Wie in einem Massenstart fahren pünktlich um 9.30 mehr als 50 Paketwagen von der Basis ab. Es ist nur die erste Welle. Um 11 Uhr wird die zweite Hälfte der 107 Zustellbezirke der Fechenheimer Basis angesteuert. Für die Frühen wie Sascha läuft jetzt die Uhr: Bis 17 Uhr müssen sie zurück sein – wer vorher das Auto leer hat, darf auch früher Feierabend machen.

Wir haben für die Tour nach Sachsenhausen nur wenig Fracht. Normalerweise habe er über 200 Pakete geladen, erzählt Sascha. In den Sommerferien ist es ruhiger, vor Weihnachten fahren sie doppelte Schichten. Wo genau sein Bezirk liegt, darf ich wegen des Datenschutzes nicht schreiben. Nur so viel: „Die Leute haben viel Geld, die können also viel bestellen.“

Komfortabel ist der gelbe Laster nicht gerade, stelle ich fest. Er hat keine Klimaanlage, kein Radio, es riecht nach Karton-Muff. Immerhin schließt er sich automatisch ab. Das ist auch nötig: Wie im endlosen Stop-and-Go-Verkehr parkt Sascha alle paar Hausnummern und lädt aus, nur um kurz darauf mit brummenden Motor wieder anzufahren. Jeden Tag legt er so knapp 20 Kilometer zurück, manchmal braucht er für die Strecke acht Stunden.

Der erste Halt. In einer Seitenstraße stellt Sascha den Postwagen im Halteverbot ab. Parkplätze in dessen Größe fehlen. Als wir aus der Tür hüpfen, denke ich, dass Hüpfen möglicherweise eine unkluge Art zum Ein- und Aussteigen ist, wenn man das am Tag einhundert mal macht. Dann stapeln wir die Pakete auf einer Handkarre. Die meisten wiegen wenig, obwohl maximal 31,5 Kilo erlaubt wären.

Im Foyer des Bürohauses werden wir von der Empfangsdame einfach durchgewunken. Ich bin gut getarnt, denn ich trage ein DHL-Shirt, das zu klein ist. Für jeden Fahrer werden diese einzeln bestellt. Auf Lager hat die Post sie nicht, bei Online-Auktionen bieten Sammler für die Arbeitskleidung deshalb teilweise 400 Euro.

In der Poststelle geht alles schnell und routiniert: „Hallo.“ „Wohin?“ „Ja, was habt ihr denn da Schönes für mich?“ Unterschrift. „Tschüss“. In unter zwei Minuten haben wir die erste Adresse abgehakt und sind sieben Pakete losgeworden. Firmen sind unkompliziert, sagt Sascha.

Kurz darauf stehen wir auf der anderen Straßenseite nur mit einem Umschlag vor einem elektronisch gesicherten Eingang, die Jalousetten sind geschlossen und wir drücken bereits auf die dritte Klingel. Als endlich die Sprechanlage rauscht, ruft Sascha „Post!“, und schon öffnet surrend die Tür.

Im Aufzug verrät der Paketbote mir, dass er froh ist, diesen Bezirk zu beliefern: Wegen der Fahrstühle müsse er fast nie Treppen steigen. Nur einen Nachteil habe die wohlhabende Nachbarschaft: Trinkgeld gebe es so gut wie nie.

Mit einem „Pling“ kommen wir im fünften Stock an, Sascha stürmt hinaus, eine Frau in Pyjama öffnet uns. „Hier brauche ich deine Unterschrift“, sagt Sascha, deutet kurz auf einen Scanner, sie kritzelt etwas Buchstabenähnliches. Schon finde ich mich im Auto wieder. Er duze jeden, erzählt Sascha. „Sonst komme ich durcheinander.“ Beschwert habe sich noch niemand.

Überhaupt werden wir in der Folge stets freundlich empfangen. Als wir in einer Agentur in eine Geburtstagsfeier platzen, herzt der Profi sogar die Rezeptionistin, ich reiche verlegen die Hand. „Es gibt auch Leute, die wohnen Tür an Tür und kennen sich nicht“, erzählt Sascha später. „Da wirst du angeschnauzt, wenn du ein Paket für den Nachbarn abgibst.“

Nach zwei Stunden, in denen Sascha versucht seinen Rhythmus hochzuhalten, und ich versuche, nicht zu sehr im Weg zu stehen, merke ich, dass ich in eine Art Trance gerutscht bin: Mit Warnblinker parken, am Klingelschild den Namen suchen, Hausflur durchqueren, Fahrstuhl fahren, zehn Sekunden menschlicher Kontakt, weiter – es kommt mir vor als hätte uns jemand das Fließband von heute morgen unter die Füße geschnallt.

Was ich als ermüdend empfinde, erledigt Sascha mit Esprit. Selbst Päckchen, die er wieder mit zur Zustellbasis zurückschleppen muss, ärgern ihn kaum. Drei Jahre arbeitet er schon für die Post, will in dem Unternehmen aufsteigen. Ab einem gewissen Alter sei man so oder so nicht mehr in der Lage, Pakete auszuliefern. Zu stressig, zu anstrengend. „Wenn ich Abends aufs Sofa falle, schlafe ich in jedem Fall gut.“

Um 12.30 Uhr beschließen wir, dass ich gehen muss. Denn als die Klappe des Kofferraums aufgeht, stapeln sich die Kisten immer noch. Sascha wirkt nervös. „Noch etwa 70 Pakete“, sagt er. „In dem Tempo werde ich bis 15 Uhr nicht fertig.“ Schweren Herzens steige ich aus: Ein Paket mit einem Kinder-BMW lugt zwischen den Pappkartons hervor.

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