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Am Börneplatz betreibt das hessische Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie eine von insgesamt zwölf Luftmessstationen in Frankfurt. 2017 wurde hier ein Jahresmittelwert von 54 Mikrogramm Stickstoffdioxid ermittelt ? mit einer der höchsten in der Stadt.

Umwelt

Dieselfahrverbot in Frankfurt: Dicke Luft um die Messstationen

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Die zwölf Messstationen, mit denen in Frankfurt die Stickstoffdioxidbelastung ermittelt wird, erfüllen die Richtlinien der Europäischen Union. Trotzdem gibt es dicke Luft.

Von 64 Luftmessstationen, die das hessische Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) betreibt, erfüllt nur die Station Wiesbaden-Ringkirche nicht die von der Europäischen Union vorgegebenen Richtlinien. Sie steht zu nah an der Kreuzung (siehe eigener Text). Das sagt HLNUG-Sprecher Helmut Weinberger. Marko Kreuter, Sprecher im hessischen Verkehrsministerium, bestätigt das. Alle Stationen seien nach Anfragen der FDP-Fraktion im hessischen Landtag sogar nochmals darauf geprüft worden. Das Ergebnis: alles in bester Ordnung.

In Frankfurt könnte man sich also entspannt zurücklehnen. Alle zwölf Luftmessstationen entsprechen der EU-Norm. Doch Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne) ist sauer. Sie ärgert sich über Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU), der in der Debatte um die nach Klagen der Deutschen Umwelthilfe gerichtlich verhängten Dieselfahrverbote jetzt erneut angeregt hatte, sämtliche Standorte der Luftmessstationen müssten nochmals geprüft werden. Angeblich stünden viele vorschriftswidrig, wodurch die Messergebnisse verfälscht würden. Der Grenzwert darf im Jahresmittel 40 Mikrogramm nicht überschreiten.

Ablenkungsmanöver

„Dass plötzlich die Standorte der Luftmessstationen schuld am Dieselfahrverbot sein sollen, finde ich einen Hammer“, sagt Heilig. Sie vermutet hinter der Behauptung eine gezielte Kampagne von Lobbyisten. Deren Absicht sei es, vom tatsächlichen Verursacher für die Misere – der Automobilindustrie – abzulenken. Es sei aber nicht zielführend, einzelne Messstationen zwei oder drei Meter zu verrücken. Denn es gehe jetzt vielmehr darum, schnell Maßnahmen zu ergreifen, um die Luftqualität in der Stadt zum Wohle aller Frankfurter zu verbessern.

Als „Spinner“ bezeichnet Heilig sogar diejenigen, die eine Anhebung der Grenzwerte fordern, um ein Fahrverbot zu verhindern. Auch Behauptungen von Lungenärzten, dass Raucher mit jedem Zug von ihrer Zigarette mehr Stickoxide inhalierten als Spaziergänger an einer Hauptverkehrsstraße, teilt die Umweltdezernentin nicht. Die Grenzwerte habe die Weltgesundheitsorganisation WHO festgelegt, und zwar zum Schutz der Bevölkerung und nicht zum Wohle der Automobilindustrie, sagt sie.

Willkürlicher Grenzwert

Kritiker indes bemängeln, dass der festgelegte Grenzwert von 40 Mikrogramm im Jahresmittel willkürlich gewählt worden sei. Der Wert stammt noch aus einer WHO-Studie von 1997. In den USA hingegen gilt eine Obergrenze von 100 Mikrogramm, Kalifornien beschränkt sich freiwillig auf 57 Mikrogramm – dafür stehen im wohl umweltfreundlichsten US-Bundesstaat die Luftmessstationen weiter entfernt von der Fahrbahn als in Europa. Die Luftmessstation Wiesbaden-Ringkirche liefert laut Kreuter übrigens nur Zusatzdaten. Die Messwerte flössen nicht in die Bewertung der Luftqualität mit ein. Die Station wurde bereits 2011 durch eine neue Mess-Einrichtung in der Schiersteiner Straße ersetzt. In einer Stellungnahme des HLNUG heißt es dazu: „Die dort (in der Schiersteiner Straße) gefundenen NO2-Jahresmittelwerte sind nahezu identisch zu denen an der Ringkirche. Die Ergebnisse an der Ringkirche sind demnach für die Situation weder unrealistisch hoch noch zu niedrig.“

Die wichtigsten Fragen zum drohenden Dieselfahrverbot in Frankfurt

Allerdings gibt es wohl tatsächlich Einrichtungen, die nicht EU-konform sind. Wie die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung berichtete, hatte der Deutsche Wetterdienst bei vier von acht überprüften Stationen in Nordrhein-Westfalen Beanstandungen, unter anderem weil der Abstand zur nächsten großen Kreuzung nicht groß genug war. Die Verkehrsminister von Bund und Ländern hatten sich zuvor darauf verständigt, alle Stationen vom Deutschen Wetterdienst prüfen zu lassen. Neben Hessen lehnten Berlin, Bremen und Baden-Württemberg dies ab.

Info: Maximal zehn Meter Abstand zum Fahrbahnrand

Die Güte der Außenluft ist europaweit nach einheitlichen Vorgaben zu überwachen. Diese europäische Richtlinie und deren Änderung sind mit der 39. Verordnung zum Bundes-Immissionsschutzgesetz (39. BImSchV) eins zu eins in deutsches Recht überführt worden.

So ist grundsätzlich am Ort der höchsten Belastung zu messen und der Abstand der Messstationen zur nächsten Kreuzung und zum Fahrbahnrand sind geregelt. Demnach soll eine verkehrsnahe Station nicht weiter als zehn Meter vom Fahrbahnrand und mindestens 25 Meter entfernt von einer verkehrsreichen Kreuzung aufgestellt sein. Auch Störfaktoren wie Bäume oder aber Balkone, Telefonleitungen oder Sichtbarkeit der Messstation sind bei der Standortwahl zu berücksichtigen.

(red)

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