Ein Intensivpfleger arbeitet auf einer Intensivstation an einem Covid-19-Patienten. Auf solch einer Intensivstation starb Karen Fuhrmanns Schwiegermutter - allein, ohne Familie.
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Ein Intensivpfleger arbeitet auf einer Intensivstation an einem Covid-19-Patienten. Auf solch einer Intensivstation starb Karen Fuhrmanns Schwiegermutter - allein, ohne Familie.

Pandemie

Die Angst vor den Spätfolgen

Erst erwischt es die Schwiegermutter. Dann infizieren sich mit dem Coronavirus auch die Frankfurterin Karen Fuhrmann, ihr Mann und die beiden Kinder. Die Schwiegermutter stirbt. Eine Familie erzählt von ihren Erlebnissen mit Covid-19.

Manche Fernsehbilder kann Karen Fuhrmann kaum ertragen. Zum Beispiel diejenigen von "Querdenker"-Kundgebungen gegen die Corona-Kontaktbeschränkungen, wie sie etwa am zweiten Weihnachtsfeiertag in Berlin stattfanden. "Da konnte ich nur noch wegschalten", sagt die Hörfunk-Journalistin aus Frankfurt.

Anders als die Demonstranten weiß sie sehr genau, welche Verheerungen das Coronavirus anrichten kann. Denn sie erkrankte im November selbst an Covid-19, ebenso wie ihre Familie. Und auch die 87-jährige Schwiegermutter, die diese Infektion nicht überlebte: Sie starb auf der Intensivstation eines Krankenhauses - allein, ohne Angehörige, ohne Abschied. Ein Gedanke, der Karen Fuhrmann, ihrem Mann und ihren Söhnen schwer zu schaffen macht. "Aber wir konnten nicht zu ihr, weil wir selbst krank waren."

Dabei war die Familie in den Monaten zuvor so vorsichtig gewesen. Hatte sämtliche Kontakte auf ein Minimum beschränkt. Hatte alle Hygienevorschriften beachtet: häufiges Händewaschen, Maske tragen, Abstand halten. Auch die Schwiegermutter, die allein in ihrer Wohnung in Nordrhein-Westfalen lebte. Doch dann erlitt die rüstige alte Dame bei einem Sturz einen komplizierten Bruch im Oberarm, musste operiert werden und kam anschließend in die Kurzzeitpflege. Dort holte sie Karen Fuhrmanns Ehemann Anfang November ab, brachte sie in ihre Wohnung und blieb noch ein paar Tage bei ihr. In der Pflegeeinrichtung war bei ihr ein Antigen-Schnelltest vorgenommen worden. Ergebnis: negativ. Zwar fiel ihm auf, dass seine Mutter nachts hustete. "Aber der Test war ja negativ", beruhigte er sich.

Als er wieder nach Frankfurt zurückfährt, hat er Fieber. Zu Hause steigt die Temperatur weiter, dazu gesellt sich quälender Husten. Karen Fuhrmann macht sich Sorgen, schließlich zählt ihr Mann als Asthmatiker zur Risikogruppe. Trägt er vielleicht doch das Virus in sich? Er lässt sich bei der Hausärztin testen. Sie und die beiden Söhne, die noch zu Hause leben, halten Abstand, so gut es geht. Das Testergebnis lässt jedoch fünf Tage auf sich warten. Inzwischen geht es der Schwiegermutter plötzlich schlechter, sie kommt ins Krankenhaus. Von dort erreicht die Familie ein Anruf: Sie ist positiv. Jetzt will Karen Fuhrmann Gewissheit. Sie fährt mit den beiden Söhnen zum Frankfurter Flughafen, wo sich alle drei testen lassen. Schon nach wenigen Stunden hat sie die Ergebnisse: Sie selbst und einer der Söhne sind infiziert.

Häusliche Isolation für die ganze Familie

Mittlerweile haben sich bei ihnen erste Symptome eingestellt: Fieber, Schnupfen, Hals- und Kopfschmerzen, tiefe Erschöpfung. Der zweite Sohn erkrankt ebenfalls, trotz des negativen Tests. Und auch das Frankfurter Gesundheitsamt meldet sich endlich bei der Familie, mit dem Testergebnis für Karen Fuhrmanns Ehemann: positiv.

Alle vier sind sie nun krank und zu häuslicher Isolation gezwungen, zehn Tage lang. Zwar helfen Lieferdienste und Nachbarn beim Lebensmittelkauf. Doch bei der Zubereitung kann sie niemand unterstützen, keiner darf in die Wohnung. Eine dunkle Zeit sei das gewesen, erinnert sich Karen Fuhrmann, in der sie sich nur mühsam durch die Tage schleppen. Zumal sie immer wieder die Sorge vor einer möglichen plötzlichen Verschlechterung beschäftigt, die es bei Corona-Infizierten selbst bei milden Verläufen immer wieder gibt. Denn was das Virus genau im Körper anrichtet, das ist selbst ein Jahr nach Ausbruch der Pandemie nicht ganz klar. Während manche kaum oder gar keine Symptome entwickeln, leiden andere unter Kopf- und Gliederschmerzen, Atemnot, Gefäßproblemen, Entzündungen in Leber, Nieren und Herzmuskel.

Dazu kommt die Angst um die Schwiegermutter, die auf der Intensivstation um ihr Leben kämpft. Wahrscheinlich habe sie sich doch in der Kurzzeitpflege angesteckt und das Virus so in die Familie gebracht, mutmaßt Karen Fuhrmann heute, trotz des negativen Antigen-Schnelltests. Schnell verschlechtert sich der Zustand der alten Dame, schließlich stirbt sie. Obwohl sie keine Vorerkrankungen gehabt habe, sagt die 56-Jährige: "Ohne Covid-19 hätte sie wohl noch einige Jahre leben können."

Rückschlag an Heiligabend

Auch Karen Fuhrmanns Ehemann macht das Virus schwer zu schaffen. Wochenlang quälen ihn hartnäckiger Husten und tiefe Erschöpfung. Sie selbst wagt sich nach drei Wochen wieder in den Hessischen Rundfunk, für den sie tätig ist - obwohl sie sich immer noch schlapp fühlt.

Ausgerechnet an Heiligabend dann der Rückschlag: eine akute Blinddarmentzündung, die sie ins Krankenhaus zwingt. Eine Folge von Covid-19? Sie fragt ihre Ärzte. Sie halten das durchaus für möglich. Schließlich sei erwiesen, dass Sars-CoV-2 Entzündungen begünstige und das Immunsystem schwäche. Ganz zu schweigen von möglichen Spätfolgen. "Man weiß nicht, was das Virus am Ende noch anrichtet", sagt Karen Fuhrmann.

Inzwischen ist sie auf dem Weg der Besserung. Doch ihre früheren "Energie-Level" hätten sie und ihr Mann längst noch nicht erreicht, sagt sie. Auch deshalb ist es ihr ein Anliegen, vor Covid-19 zu warnen: "Dieses Virus ist heimtückisch, das ist noch nicht in allen Köpfen angekommen." Nur zu gut ist ihr in Erinnerung, wie sie ein Kollege nach ihrer Rückkehr zur Arbeit fröhlich auf dem Flur begrüßte: "Na, war nicht schlimmer als ein Schnupfen, oder?" Und sie warnt davor, sich allzu sehr auf negative Testergebnisse zu verlassen. Diese seien "bestenfalls eine Momentaufnahme". Letztlich, sagt sie, könnten wohl nur Kontaktbeschränkungen helfen. Und Warnungen, immer wieder Warnungen: "Nehmt das Virus ernst! Und passt auf Euch auf!" Brigitte Degelmann

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