Schaufensterfiguren, die Anzüge mit Skelettmotiv und Mund-Nasen-Schutz tragen, stehen in einem geschlossenen Geschäft in der Innenstadt neben einem Schild mit der Aufschrift "Stoppt den Lockdown - Mehr Finanzhilfen".
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Schaufensterfiguren, die Anzüge mit Skelettmotiv und Mund-Nasen-Schutz tragen, stehen in einem geschlossenen Geschäft in der Innenstadt neben einem Schild mit der Aufschrift "Stoppt den Lockdown - Mehr Finanzhilfen".

Corona

Die Angst vor einem längeren Lockdown

  • Julia Lorenz
    vonJulia Lorenz
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Am Dienstag berät sich Bundeskanzlerin Angela Merkel mit den Länderchefs neu. Frankfurts Geschäftsleute fürchten das Schlimmste.

Fast alles hat zu: Restaurants, Bars, Theater, Museen, Geschäfte, Friseursalons, Nagelstudios. Soziale Kontakte sollen möglichst nicht mehr stattfinden. In den Schulen gibt es nur selten Präsenzunterricht. Dies alles gilt noch bis zum 31. Januar. Erst einmal. Denn schon morgen wollen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Länderchefs neu beraten. Über eine Verlängerung, gar Verschärfung des Lockdowns wird seit Tagen diskutiert. Merkel sprach jüngst von "harten Zeiten bis Ostern". Keine rosigen Aussichten.

"Langfristige Alternativen fehlen"

"Wir gehen davon aus, dass das jeder fünfte Betrieb nicht schafft", sagt Kerstin Junghans, Geschäftsführerin des Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga Frankfurt. "Die Novemberhilfe von 75 Prozent des Vorjahresumsatzes ist noch immer nicht überall und vollständig ausgezahlt - und wir haben bereits Januar." Das gefährde Existenzen. Junghans bemängelt fehlende Perspektiven und langfristige Alternativen. "Wir können doch nicht Monate oder Jahre die Betriebe geschlossen halten", sagt sie. "Das kann nicht die Lösung sein." Das würde auch die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus zeigen. Junghans sagt: "Wir haben einen Lockdown, aber die Zahlen steigen trotzdem."

Der Lockdown light begann am 2. November. Schritt für Schritt wurden die Regeln und Vorschriften strenger, bis vom 16. Dezember an nahezu alles schließen musste. Doch die Zahl der Neuinfektionen ist nicht in dem Maße gesunken, wie es sich die Politik gewünscht hätte. Noch immer stecken sich viele Menschen mit Covid-19 an.

In Frankfurt haben sich seit Ausbruch der Pandemie nach Angaben des Hessischen Sozialministeriums bis zum Sonntag 23 235 Menschen mit dem Virus infiziert. Das waren 315 mehr als noch einen Tag zuvor. Im Schnitt werden täglich gut 150 Frankfurter positiv auf das Virus getestet - mal deutlich mehr, mal deutlich weniger. 434 Frankfurter sind an den Folgen der Lungenerkrankung gestorben.

Die Sieben-Tage-Inzidenz, die Auskunft darüber gibt, wie viele Menschen pro 100 000 Einwohner sich binnen einer Woche angesteckt haben, betrug gestern 115,7. Zwar lag dieser Wert Ende Oktober und Anfang November noch weit über 200 und sank dann im Laufe des Dezembers wieder. Doch von der angestrebten Sieben-Tage-Inzidenz von unter 50 ist Frankfurt noch weit entfernt. Zumal die gemeldeten Zahlen nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) möglicherweise nach wie vor nicht der Realität entsprechen, was immer noch auf die zurückliegenden Feiertage zurückzuführen ist, als viele Arztpraxen geschlossen hatten.

"Wenn sich die Zahlen nicht ändern, stellt sich doch die Frage, ob das alles die richtigen Maßnahmen sind, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen", sagt Joachim Stoll, Vorsitzender des Frankfurter Einzelhandelsverbands. Seiner Meinung nach sollte man entweder für zwei Wochen alles schließen - bis auf die Lebensmittelgeschäfte - oder den Handel wieder mit den bekannten Hygienevorschriften öffnen. "Wenn der Lockdown verlängert wird, was soll dann mit der ganzen Ware passieren", fragt sich Stoll. Diese sei schon lange vor der Corona-Pandemie bestellt worden. "Die Politik provoziert ein Sterben von Gastronomie und Handel."

Gibson-Club öffnet nicht vor September

Das sieht Madjid Djamegari, Vorsitzender der Initiative Gastronomie Frankfurt und Geschäftsführer des "Gibson Clubs" ähnlich. "Es wird eine große Insolvenzwelle geben", befürchtet Djamegari, der schon jetzt davon ausgeht, dass Restaurants und Bars "locker bis Ende März" geschlossen bleiben müssen. "Vor der Open-Air-Saison ab April wird nicht viel passieren", sagt er. Clubs sieht er sogar noch länger geschlossen. Das Gibson auf der Zeil plane er nicht vor September zu öffnen. "Die Frustration ist groß, die Stimmung mies." Djamegari kritisiert, dass niemand über einen Plan B nachdenke, keine neuen Strategien ausprobiert würden. "Alle Hoffnungen wurden auf das Impfen gesetzt", sagt der. "Aber das alleine kann doch nicht die Lösung sein."

Stefan Treutel, stellvertretender Obermeister der Friseur- und Kosmetik-Innung Frankfurt, fürchtet auch für seine Branche nichts Gutes, sollte der Lockdown verlängert werden. "Es herrscht Weltuntergangsstimmung", sagt er. Die Existenzangst sei riesig. "Innerhalb von nur zehn Monaten haben die Friseure drei Monate keine Einnahmen gehabt. "Die Überbrückungshilfen vom Bund sind zwar schön, aber sie sind nur dafür da, den Betrieb aufrechtzuerhalten und die Fixkosten zu decken", sagt Treutel. Private Kosten für Mieten, Lebensmittel und Versicherungen würden nicht berücksichtigt. "Irgendwann aber sind die Rücklagen aufgebraucht."

Kommentar

Tacheles reden und Perspektiven aufzeigen

Der Frust der Geschäftsleute, Hoteliers und Gastronomen ist nachvollziehbar. Immer wieder werden sie wie auch die Bürger aufs Neue vertröstet, noch ein bisschen länger sollen sie durchhalten, dann werde bestimmt alles wieder gut. Die Wahrheit ist: Nichts wird gut, jedenfalls nicht in den nächsten Wochen. Der Blick nach Großbritannien und Irland macht deutlich, was geschieht, wenn sich die hochansteckenden Mutationen des Coronavirus' ungehindert verbreiten können. Verglichen damit war die bisherige Pandemie der reinste Kindergeburtstag. Zwar ist das mutierte Virus für den Einzelnen nicht gefährlicher, aber es ist viel ansteckender. Und es ist längst hier angekommen. Die britische Variante etwa wurde unlängst bei einem Frankfurter nachgewiesen. Die Politik muss angesichts dieser Entwicklungen endlich Tacheles reden. Dass Läden, Restaurants oder Discos in den nächsten Wochen wieder öffnen: Es wird nicht passieren. So viel Ehrlichkeit haben Bürger wie auch Geschäftsleute verdient, ebenso wie eine Perspektive, wie es weitergeht, wenn das Schlimmste überstanden ist. Stefanie Liedtke

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