Bruni Marx und Dieter Wesp haben unzählige Briefe von Johanna Tesch zusammengetragen und sie gemeinsam mit anderen als Buch veröffentlicht. An Teschs Wohnhaus erinnert auch eine Tafel an die Sozialdemokratin, die lange im Riederwald lebte.
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Bruni Marx und Dieter Wesp haben unzählige Briefe von Johanna Tesch zusammengetragen und sie gemeinsam mit anderen als Buch veröffentlicht. An Teschs Wohnhaus erinnert auch eine Tafel an die Sozialdemokratin, die lange im Riederwald lebte.

Erinnerung

Die Briefe einer furchtlosen Kämpferin

  • vonGernot Gottwals
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RIEDERWALD Enkelin von Johanna Tesch und Stadtteilhistoriker veröffentlichen Buch über ihre Korrespondenz.

Riederwald -Verkehrte Welt. Am 22. Juli 2019 schreibt Richard Tesch einen denkwürdigen Brief: "Mein lieber Hans! Das eine freie Beet im Garten habe ich nun doch mit Pflanzen besetzt, an Gelberübesäen habe ich nicht mehr gedacht." Doch Hans ist nicht etwa der Sohn, sondern die Ehefrau Johanna Tesch - frei, emanzipiert und als Reichstagsabgeordnete in Berlin unterwegs.

Seine Frau nannte er Hans

Derweil widmet sich Richard, ursprünglich Expedient für die gewerkschaftsnahe Unionsdruckerei, zu Hause im Riederwald nach Feierabend der Haus- und Gartenarbeit. "Dass er seine Frau mit männlichem Vornamen anredete und ihre Aufgaben mit übernahm, sagt einiges über den Alltag und das Rollenverständnis, wie er sich in der Korrespondenz widerspiegelt", findet Stadtteilhistoriker Dieter Wesp, Vorsitzender des Arbeitervereins.

Zusammen mit einer Arbeitsgruppe von Bruni Marx, Lothar Wentzel, Jutta Roitsch und der Enkelin Sonja Tesch hat er nun "Johanna Tesch. Briefwechsel 1909-1945" veröffentlicht. Dazu musste Sonja Tesch nicht weniger als 345 handschriftliche Briefe aus dem Nachlass der Familie sichten, transkribieren und dokumentieren. "Die meisten davon habe ich 1970 von meinem Vater Karl in einem Nachlass geerbt und dann dem Institut für Stadtgeschichte zur Verfügung gestellt", erklärt die Enkelin. Schon bald entstand auch der Wunsch, eine Dokumentation zu erstellen. Berücksichtigt wurden dabei auch spätere Briefe, die Tesch erst im vergangenen Jahr bei sich zu Hause fand.

Doch musste sich Sonja Tesch zunächst der Mühe unterziehen, sich in die verschiedenen Handschriften und Stile ihrer Eltern und Großeltern einzufinden. Die waren ihr zwar noch aus früheren Jahren vertraut. "Trotzdem gab es gewisse Unterschiede: Während mein Großvater Richard Tesch noch die alte, aber dafür sehr klar lesbare Sütterlinschrift gebrauchte, verwendete meine Großmutter Johanna lateinische Buchstaben, die sie aber oft schnell im Stil von Notizen niederschrieb", erinnert sie sich.

Die Transkription bildet zugleich eine wichtige Grundlage für detailliertere Forschungen. "Im Institut für Stadtgeschichte sind all diese Briefe zwar einsehbar, doch eine gedruckte Dokumentation fehlt bislang, ebenso wie eine Monografie über das Leben der Sozialdemokratin", stellt Wesp fest.

Das soll sich nun ändern: So arbeitet die Gruppe bereits an einer zweiten Dokumentation, die ausgewählte Briefe aus der Zeit von 1919 bis 1925 kommentiert. Bruni Marx will als Stadtteilhistorikerin der Polytechnischen Gesellschaft zunächst in einer Broschüre einen Überblick über die Lebensstationen der Familie Marx in Frankfurt geben. Die Briefsammlung zeichnet das Leben von Johanna Tesch, ihrem Mann Richard und ihrer Söhne Friedrich, Wilhelm und Carl seit 1909 nach. Schwerpunkte sind die Zeit des Ersten Weltkrieges, als Sohn Friedrich starb, die Zeit als Abgeordnete in der Weimarer Nationalversammlung von 1919 bis 1924, die Flucht von Sohn Carl vor den Nazis sowie die Verhaftung und Deportierung von Johanna Tesch in das KZ Ravensbrück während der als Säuberungswelle nach dem Stauffenberg-Attentat 1944 initiierten Aktion Gitter.

Blutige Unruhen vor dem Reichstag

Bemerkenswert sind Johanna Teschs Schilderungen der Demonstrationen von USPD und KPD gegen das Betriebsrätegesetz im Februar 1920, Grundlage der 1952 beschlossenen, novellierten und bis heute gültigen Betriebsverfassung. Damals kam es vor dem Berliner Reichstag zu blutigen Unruhen. Wesp stellt fest, dass Johanna Teschs Schilderung, ein angeblicher Sturm habe durch schießende Soldaten zurückgehalten werden müssen, offenbar nicht mit anderen historischen Quellen vereinbar ist.

"Gerade in Johanna Teschs Berliner Zeit als Reichstagsabgeordnete wird der Briefwechsel zwischen ihr und Richard Tesch nach solchen Ereignissen richtig spannend, da sich für den Ehemann immer mehr die Frage stellt, welche Bedeutung für seine Frau das Leben in Frankfurt noch hat", findet Bruni Marx.

Die 1940er Jahre begannen für die Familie Tesch zunächst hoffnungsvoll. "Also, es ist doch kein Peterle geworden und ich habe ganz falsch getippt!" schreibt Johanna Tesch am 19. März 1942. Vielmehr freuen sich ihr Sohn Karl und seine Frau Margot über Johanna Teschs Enkelin Sonja. Doch die Freude währt nicht lange: Bereits am 7. Oktober 1943 berichtet Johanna ihrem Sohn Carl und ihrer Schwiegertochter Margot von schweren Bombardierungen in Frankfurt, die auch die Riederwaldsiedlung betreffen.

Dabei sollte die schwerste Bombardierung noch am 23. März 1944 kommen. Und die Verhaftung von Johanna Tesch am 22. August 1944 wird auch als zeitversetzter Racheakt nach dem gescheiterten Stauffenberg-Attentat auf Hitler am 20. Juli angesehen. Immer wieder versuchte vor allem Richard Tesch bei der Gestapo und sogar im Büro des "Führers" selbst, sich für die Freilassung seiner Frau einzusetzen, die schon seit 1933, dem Jahr der Machtergreifung Hitlers, überhaupt nicht mehr politisch aktiv war. Leider waren diese Bemühungen vergeblich: Johanna Tesch starb am 13. März 1945 wahrscheinlich an Unterernährung im KZ Ravensbrück.

Gernot Gottwals

Das Buch

Johanna Tesch, Briefwechsel 1909-1945 ist mit 404 Seiten als Hardcover für 42 Euro erhältlich.

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