1. Startseite
  2. Frankfurt

Die Frankfurter sind zurückhaltend

Erstellt:

Von: Julia Lorenz

Kommentare

Der Notarzt Wolfgang Wachs hält eine Reproduktion eines Organspendeausweises hoch. Er lebt mit einer transplantierten Lunge.
Der Notarzt Wolfgang Wachs hält eine Reproduktion eines Organspendeausweises hoch. Er lebt mit einer transplantierten Lunge. © picture alliance/dpa

Stadt informiert Bürger künftig in Ausweisstellen - Neues Gesetz

Frankfurt -Ein Jahr lang haben Frankfurter Bürger, wenn sie im Bürgeramt ihren Wohnsitz an- oder umgemeldet haben, unaufgefordert Organspendeausweise und Informationsbroschüren in die Hand gedrückt bekommen. Es war ein Testballon. Die Bilanz jedoch ist ernüchternd. Das geht aus einem Magistratsbericht hervor, der kürzlich den Stadtverordneten vorgelegt wurde.

"Die Bürger sind bei der An- oder Ummeldung im Bürgeramt für das Thema Organspende meist nur schwer empfänglich", heißt es in dem Bericht. Das Thema passe nicht zum eigentlichen Anlass des Besuchs im Bürgeramt. Weiter heißt es: "Einige Informationen werden zurückgewiesen, einfach liegengelassen oder vor dem Verlassen des Bürgeramtes entsorgt." Wie viele Organspendeausweise und Informationsmaterialien tatsächlich entgegen- und mitgenommen wurden, sei statistisch nicht erfasst worden. Die Ausweise und Broschüren werden trotz allem auch weiterhin ausgegeben.

9000 Menschen

warten auf ein Organ

Die Zahl der Organspender in Deutschland ist nicht groß. Die Menschen sind verunsichert, haben Angst davor, dass ihnen Organe entnommen werden, obwohl sie noch gar nicht wirklich tot sind. Vor zehn Jahren gab es zudem einen Skandal um manipulierte Wartelisten für Organtransplantationen. Doch eine Transplantation kann Leben retten - egal ob von Herz, Nieren, Lunge, Leber, Bauchspeicheldrüse oder Darm. Nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) mit Sitz in Frankfurt warten mehr als 9000 Menschen in Deutschland auf ein Spenderorgan. Täglich sterben statistisch gesehen drei von ihnen, weil sie nicht rechtzeitig ein passendes Organ bekommen haben.

Nach einem Tiefstand im Jahr 2017 mit 2594 transplantierten Organen von 797 Spendern ist laut der DSO die Zahl deutschlandweit aber wieder gestiegen. 2018 wurden 3113 Organe von 955 Menschen gespendet - ein Plus von gut 20 Prozent. 2020 wurden 2941 Organe von 913 Menschen transplantiert. Ähnliche Zahlen werden für 2021 erwartet.

Die Bundesregierung sucht seit Längerem nach Wegen, wie man zu mehr lebensrettenden Organspenden kommen kann. Deshalb hat der Bundestag im Januar 2020 eine Organspende-Reform beschlossen. Transplantationen bleiben zwar nur mit ausdrücklicher Zustimmung des Spenders zu seinen Lebzeiten erlaubt, es soll aber künftig mehr Anreize geben. So sieht das Gesetz unter anderem vor, dass jeder ab 16 Jahren, der einen Personalausweis beantragt, ihn verlängert oder sich einen Reisepass besorgt, bei den Ausweisstellen von Bund und Land, sprich: den Bürgerämtern, Organspendeausweise und Informationsmaterial ausgehändigt bekommt. Auch Hausärzte sollen künftig ihre Patienten alle zwei Jahre über die Organ- und Gewebespende ergebnisoffen beraten.

Digitales Register

Ende 2022 in Sicht

Zudem soll ein digitales Organspende-Register eingerichtet werden, in dem man sich direkt beim Bürgeramt oder später zu Hause eintragen kann. Das entsprechende "Gesetz zur Stärkung der Entscheidungsbereitschaft bei der Organspende" tritt am 1. März in Kraft. Das Online-Register wird es aber wohl erst Ende des Jahres geben.

In Frankfurt hatte der damalige Magistrat bereits 2019 beschlossen, Organspendeausweise und Infobroschüren in den elf Bürgerämtern auszugeben, um mehr Menschen zu bewegen, sich als potenzielle Organspender nach dem Tod bereitzuerklären. Der Versuch, der Mitte Oktober 2019 startete, ging auf einen Antrag der Fraktion "Die Fraktion" zurück. Zur Begründung des Tests schrieb der Magistrat damals in einem Bericht, dass zwischen der hohen grundsätzlichen Bereitschaft der Bevölkerung zu einer Organ- und Gewebeentnahme nach dem Tod und der Anzahl derjenigen, die bislang einen Organspendeausweis ausgefüllt haben, eine große Lücke klaffe. Deshalb sehe man sich in der Verpflichtung dazu beizutragen, eine informierte Entscheidung der Bürger zum Thema Organspende zu unterstützen.

Künftig sollen dann auch in Frankfurt die Organspendeausweise bei der Beantragung eines Personalausweises oder eines Reisepasses ausgehändigt werden und nicht mehr beim An- und Ummelden des Wohnsitzes. Gleichwohl erwartet der Magistrat einen erhöhten Arbeitsaufwand für die Mitarbeiter im Bürgeramt. Im Magistratsbericht heißt es dazu: "Die erweiterten Zuständigkeiten werden insbesondere im Hinblick auf Eintragungen im Organspende-Register als Herausforderung gesehen." Julia Lorenz

Auch interessant

Kommentare