Sieht so das Wohnhaus der Zukunft in Frankfurt aus? Zumindest müssen Hauseigentümer und Bauherren gemäß der neuen Freiraumsatzung künftig bei größeren Um- oder Neubauten mehr Grün realisieren und etwa Fassaden, Haus- und Garagendächer begrünen oder betonierte Flächen entsiegeln. Kritiker fürchten, dass sich Eigentümer deshalb künftig zwei mal überlegen, ob sie größere Renovierungs- oder Sanierungsarbeiten überhaupt in Angriff nehmen. FOTO: DPA
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Sieht so das Wohnhaus der Zukunft in Frankfurt aus? Zumindest müssen Hauseigentümer und Bauherren gemäß der neuen Freiraumsatzung künftig bei größeren Um- oder Neubauten mehr Grün realisieren und etwa Fassaden, Haus- und Garagendächer begrünen oder betonierte Flächen entsiegeln. Kritiker fürchten, dass sich Eigentümer deshalb künftig zwei mal überlegen, ob sie größere Renovierungs- oder Sanierungsarbeiten überhaupt in Angriff nehmen.

Wohnen in Frankfurt

"Die Freiraumsatzung schießt über das Ziel hinaus"

  • Julia Lorenz
    VonJulia Lorenz
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Verband "Haus & Grund" fürchtet, dass Mieten steigen oder Eigentümer nicht mehr in ihre Immobilien investieren.

Frankfurt -Mehr Grün statt Grau: Das hat sich die neue Stadtregierung aus Grünen, SPD, FDP und Volt zum Ziel gesetzt. Passend dazu hat der Magistrat jüngst für schärfere Regeln für private Grünflächen und das Aus für Schottergärten plädiert (wir berichteten). Doch noch bevor die Stadtverordneten überhaupt der neuen Freiraumsatzung zugestimmt haben, gibt es sehr ernsthafte Bedenken seitens des Eigentümerverbands Haus & Grund. Aber Widerspruch kommt auch von Politikern, auch aus den Reihen der SPD.

"Wir haben Bauchschmerzen mit der neuen Satzung", sagt Jens Jacobi von Haus & Grund. Der Verband fürchtet, dass durch die strengen Vorgaben künftig in Frankfurt die Mieten noch weiter steigen und dass Eigentümer nicht mehr in Bestandsimmobilien investieren. "Die Häuser werden zerfallen. Das kann ja niemand wollen", findet Jacobi.

"Nicht im Sinne des Klimaschutzes"

Künftig darf es in Frankfurts privaten Gärten keinen Kies oder Beton mehr geben. Stattdessen soll in Vorgärten und Hinterhöfen das Grün dominieren. Zudem sollen Fassaden, Garagen- und Carportdächer begrünt werden (wir berichteten). Die Vorgaben gelten für private Neu- und größere Umbauten. Ziel ist es laut Magistrat, das Stadtbild aufzuwerten und das Stadtklima zu verbessern.

"Wir sind nicht gegen Klimaschutz", sagt Jacobi. "Wir finden es auch gut, wenn in dieser Richtung etwas getan wird. Aber es ist nicht im Sinne des Klimaschutzes, wenn die Eigentümer gar nicht mehr in ihre Häuser investieren aus Angst vor teuren Folgekosten." Jacobi hat die neue Freiraumsatzung gemeinsam mit anderen Mitgliedern des Verbands genau studiert. Sie kommen zu dem Schluss: Sobald an der Außenhülle einer Immobilie oder auf dem Areal etwas verändert wird, hat dies weitere Maßnahmen zur Folge, die umgesetzt werden müssen. "Wenn ein Hausbesitzer sein Gebäude neu dämmen will, muss er gleichzeitig 25 Prozent der Fassade begrünen", sagt Jacobi. Das ziehe Kosten nach sich. Nicht nur die Bepflanzung der Fassade müsse er bezahlen, sondern auch für die Pflege der Pflanzen in den Folgejahren aufkommen. Diese Kosten wiederum würden auf die Nebenkosten der Mieter umgelegt, sprich: Wohnen wird teurer.

"Vor dem Hintergrund, dass wir wollen, dass alte Gebäude energetisch modernisiert werden, ist die neue Satzung kontraproduktiv", betont Jacobi. "Die Hauseigentümer werden sich künftig dreimal überlegen, ob sie in eine Modernisierung investieren."

Zumal eine Umfrage von Haus & Grund unlängst ergeben habe, dass die Mitglieder des Verbands nur ungern in Frankfurt investieren, weil die Auflagen schon jetzt so hoch sind. "Wir würden uns wünschen, dass sich die Politiker noch einmal mit uns und anderen Beteiligten an einen Tisch setzen, um zu schauen, wie man in Frankfurt mehr investieren, mehr ausbauen kann."

Auch Stephan Zilcher, SPD-Fraktionsvorsitzender im Ortsbeirat 11 (Fechenheim, Riederwald, Seckbach), befürchtet, dass wegen der neuen Freiraumsatzung künftig kaum ein Eigentümer mehr sein Haus umbauen wird. "Prinzipiell finde ich die Satzung gut und richtig. Aber sie schießt übers Ziel hinaus", sagt Zilcher. "Hauseigentümer werden hier drangsaliert, wenn sie eigentlich etwas Gutes fürs Klima tun wollen." Deshalb hat Zilcher gemeinsam mit seiner Fraktion einen Antrag gestellt mit dem Ziel, dass die neue Satzung nur für Neubauten gilt.

Den Umwelteingriff ausgleichen

Planungsdezernent Mike Josef (SPD) indes versteht die ganze Aufregung nicht. Die neue Regelung greife nur "bezogen auf den direkten Tatbestand", also gezielt die jeweilige Umbaumaßnahme. "Wer einen Carport baut, muss keine Fassade begrünen", sagt Josef im Gespräch mit dieser Zeitung. Ausgeglichen werden müsse dann auch nur der Umwelteingriff des Carports. Die Stadt aber sei zum Handeln gezwungen. "Wir müssen angesichts des Klimawandels etwas tun im Innenstadtbereich", betont der Stadtrat. "Es sind auch Vorgaben des Bundes und der Länder, die Klimawirkung stärker in den Blick zu nehmen." In der Stadt gehe es darum, das Mikroklima zu verbessern.

Aufgrund der teils sehr engen Bebauung sei die öffentliche Hand aber stark eingeschränkt, schlicht, weil öffentliche Flächen fehlten, auf denen man etwas für ein besseres Mikroklima machen könne. In vielen Anwohnerstraßen in der Stadt sei neben Fahrbahn und Gehwegen kein Raum mehr für öffentliches Grün. "Deshalb muss auch Privatraum einbezogen werden", erläutert Josef.

Schon lange gingen Stadt und Neubau-Investoren beispielhaft voran. Bei neuen Wohnbauvorhaben wie den Günthersburghöfen im Nordend mache die Stadt bereits "sehr weitreichende Vorgaben" für den Klimaschutz. Mit der Freiraumsatzung wolle die Stadt nun solche Vorgaben auch in jenen Bereichen der Stadt machen, in denen keine Bebauungspläne gelten. So müssten sich zum Beispiel auch jene Investoren künftig an die Klimaschutzvorgaben halten, die "nur" Baulücken schlössen.

Allerdings räumt Josef ein: "Das kann auch einmal mehr Geld kosten." Diese Entscheidung treffe die Römer-Koalition aber bewusst. Sie sei davon überzeugt, dass der Verzicht auf Klimaschutz langfristig teurer sei - auch für den jeweiligen Bauherrn. So könne zum Beispiel die Begrünung eines zuvor versiegelten Innenhofs das Mikroklima verbessern und die Temperaturen an heißen Tage senken. Josef sagt: "Dadurch können dann die Anwohner auf den Einbau einer Klimaanlage verzichten." Julia Lorenz und Dennis Pfeiffer-Goldmann

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