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"Die Gäste sind da, aber das Personal nicht"

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Von: Thomas J. Schmidt

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Bei Artjom Reznitski, Inhaber des Fair Hotel Villa Diana im Westend, checken Gäste jetzt am Automaten ein.
Bei Artjom Reznitski, Inhaber des Fair Hotel Villa Diana im Westend, checken Gäste jetzt am Automaten ein. © Leonhard Hamerski

Hoteliers und Wirte in Frankfurt suchen händeringend Mitarbeiter - einige müssen Leistungen kürzen

Frankfurt -Das Fair-Hotel Villa Diana in der Westendstraße ist geöffnet. Personal ist nicht zu sehen. Inhaber Artjom Reznitski managt es von der Ferne. "Ohne den Check-In-Automaten ginge es gar nicht", sagt er. Den hat er während der Pandemie angeschafft. "Ich musste die Mitarbeiter entlassen", sagt er. Jetzt steht er ohne da. "Wir öffnen im kleinen Stil, einfach nur Übernachtung ohne Frühstück. Die Reinigung übernimmt eine Fremdfirma, und gegebenenfalls finden wir auch einen Caterer, der morgens Frühstück vorbereitet." Reznitski ist wie viele Hoteliers gespannt, wie es im Herbst aussieht. Gehen die Messen wieder los? Oder kommt es vielleicht doch wieder zu einem Lockdown? "Uns fehlt die Planbarkeit", sagt er. Deswegen will er auch das Risiko nicht eingehen, jetzt Mitarbeiter einzustellen.

Davon abgesehen: Er würde sie kaum finden. Der Arbeitsmarkt ist leer gefegt (siehe dazu Bericht auf der Wirtschaftsseite). Auch größere Hotels als seines suchen nach Auszubildenden und Fachkräften. Besonders im Service und in der Küche fehlen Mitarbeiter. "Und wenn", sagt Reznitski, "dann sind sie sehr teuer." Beschäftigte müssten spürbar mehr verdienen, als sie an Arbeitslosengeld erhalten, sonst kämen sie nicht. Weil der Mindestlohn angehoben wurde, seien für ihn mit seinem kleinen Hotel im Westend Festanstellungen zurzeit zu riskant.

"Die Gäste sind da", sagt Madeleine Treppner, Generalmanagerin der beiden 25hours-Hotels in Frankfurt, "aber das Personal nicht". Dies betreffe Restaurants und Bars: "Man bekommt keinen Tisch, wenn man nicht drei Wochen vorher reserviert." Es fehle an Köchen und Servicekräften, diejenigen, die da sind, "laufen sich die Hacken wund", so die Managerin. An zwei Tagen in der Woche bleiben die Restaurants zu: "Früher konnten wir zu Stoßzeiten Personaldienstleister anfragen. Heute werden wir fast ausgelacht."

Schon vor der Pandemie fehlte der Nachwuchs

Angelika Heyer, Sprecherin der Frankfurter Hotel Alliance, sieht den Personalmangel derzeit als größtes Problem der Branche. "Es war schon vor der Pandemie prekär. Uns haben Fachkräfte gefehlt, uns hat der Nachwuchs gefehlt", sagt sie. "Jetzt fehlen nicht nur Fachkräfte, es fehlen Mitarbeiter. Während der Pandemie sind viele abgewandert in andere Branchen." Köche etwa können überall Geld verdienen. Auch in Seniorenheimen und Kantinen. Hinzu komme das demographische Problem. Junge Leute fehlten zunehmend auf dem Arbeitsmarkt.

Das spürt auch Jörg Operhalski, Mitinhaber des Hotels West an der Bockenheimer Warte. "Ich habe zwei Mitarbeiter in der Reinigung und zwei am Empfang. Den Rest mache ich selbst", sagt der Hotelier. "Ich komme früh morgens und bereite das Frühstück vor." Für ihn ist das noch akzeptabel, denn das Hotel ist klein, und er könne viel selbst erledigen. Wie es im Herbst aussehen wird, wenn das Hotel während der Messezeit ausgebucht sein könnte, weiß er noch nicht. Wie überhaupt der Herbst noch ein großes Fragezeichen ist: Kommt Corona zurück?

Kerstin Junghans, Geschäftsführerin des Hotel- und Gaststättenverbands, sieht angesichts des Personalmangels die Notwendigkeit, das Personal zurückzugewinnen. "Vielen Hotels ist das gelungen", sagt sie. "Doch angesichts der prekären Situation bleibt nichts anderes übrig, als sich nach neuen Mitarbeitern umzusehen." Die Hotel Alliance veranstalte am 5. August eine Arbeitsmarktmesse speziell für Flüchtlinge aus der Ukraine. "Doch es kann auch nicht sein, dass die Regierung sich jetzt dafür stark macht, Fachkräfte aus der Türkei für den Flughafen und die Fluglinien anzuwerben und uns, die Gastro-Branche, völlig zu ignorieren." In vielen Häusern sei die Lage ähnlich schwierig wie zurzeit an den Flughäfen. So gesteht auch Carsten Rämer von der Buchhaltung des Lindner Kongresshotels in Höchst ein: "Wir müssen einige Leistungen zurückfahren."

Restaurants reduzieren Öffnungszeiten

So wurde schon während der Pandemie die "Stube" tageweise geschlossen. Statt jetzt, da das Leben sich normalisiert und die Gäste wieder kommen, dieses Gastro-Angebot wieder voll zu öffnen, bleibt es beim alten Modus: Lediglich an zwei bis drei Tagen hat die Gaststätte geöffnet statt täglich. "Es fehlt ein Koch, es fehlen zwei Servicekräfte", sagt Rämer. Und das, obgleich in Hessen einer der höchsten Tarife in Deutschland gezahlt werde. Dennoch kann das Lindner-Hotel noch zufrieden sein bei drei freien Stellen in einem großen Haus mit mehr als 300 Zimmern.

James Ardinast etwa fehlen in seinen Restaurants im Bahnhofsviertel, dem Stanley Diamond und dem Maxie Eisen, ebenfalls drei bis vier Mitarbeiter: "Wir können nur an fünf von sieben Tagen öffnen." Robert Mangold vom Café Siesmayer, Geschäftsführer der Tigerpalast-Gastronomie und Vorsitzender des Dehoga Frankfurt, hat ebenfalls einen Ausfall von einem Fünftel des Personals. "Wir haben rechtzeitig reagiert. So mussten wir die Karte nicht einschränken." Für den Personalmangel sieht er die Kurzarbeiterregelung während Corona verantwortlich: "Sie brachte den Mitarbeitern nur 80 Prozent ihres Gehaltes. Die Leute mussten zwei Jahre lang rechnen. Viele sind abgewandert, in die Supermärkte etwa. Dort werden sie gewertschätzt. Sie fehlen jetzt in der Gastronomie, in den Hotels, sie fehlen am Flughafen und bei den Fluggesellschaften. Das ist die Folge der verfehlten Politik der vergangenen zwei Jahre."

Martina Döpfner vom Hotel Maingau hat zwar kein Personal verloren wegen Corona, aber einige Mitarbeiter wurden pensioniert. "Ich suche seit Januar jemanden an der Rezeption, aber ich habe keine Bewerber. Die Zukunftssicherheit ist verloren gegangen." Jetzt gerade hätten alle Angst vor dem kommenden Herbst. Konsequenz: An der Rezeption ist manchmal nur eine Schicht besetzt, und die Chefin sitzt selbst am Empfang.

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