Impfung im Stadtteilbüro statt im Impfzentrum: In der Wohnsiedlung Bügel in Bonames erhält eine Bürgerin das Moderna-Vakzin.
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Impfung im Stadtteilbüro statt im Impfzentrum: In der Wohnsiedlung Bügel in Bonames erhält eine Bürgerin das Moderna-Vakzin.

Corona

Die Impfung kommt in Frankfurt nun zu den Anwohnern

  • VonSarah Bernhard
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Erstmals macht die Stadt einem ganzen Quartier ein Impf-Angebot. Das freut die Anwohner einer Hochhaussiedlung.

Frankfurt -"Ich bin saufroh", sagt die 68-Jährige, die mit Pflaster auf dem Arm vor dem Stadtteilbüro am Ben-Gurion-Ring in Bonames steht. "Heute Morgen rief mich eine Bekannte an und sagte mir, dass man sich hier impfen lassen kann. Ich war so aufgeregt." Auf einen Termin im Impfzentrum hätte sie noch Monate warten müssen. Auch beim Hausarzt hätte sie vor September keine Impfdosis bekommen, sagt sie. Fast habe sie vor Aufregung Ausweis und Impfpass vergessen. Doch jetzt sei ja alles in bester Ordnung.

175 weitere Personen wird ein mobiles Impf-Team am Ben-Gurion-Ring bis morgen Abend mit dem Moderna-Impfstoff versorgt haben. Es sei nicht das erste Mal, dass ein bestimmter Stadtteil angefahren werde, sagt Kirsten Gerstner, Sprecherin des Gesundheitsdezernats. Seit im März mit dieser Art der Impfungen begonnen wurde, werde die Liste der Interessenten immer länger.

Doch es ist das erste Mal, dass gezielt eine Siedlung angefahren wird, in der viele wirtschaftlich schwache Menschen wohnen: Familien, die auf wenig Raum zusammenleben, Berufstätige, die nicht im Homeoffice arbeiten können, Migranten, die deutsche Impf-Informationen kaum verstehen, und Menschen mit niedrigem Einkommen - was sich auf die Ärztedichte auswirkt. "Erschwerter Zugang zur Gesundheitsversorgung" heißt das im Amtsdeutsch.

Brennpunkt: Sterblichkeit um mehr als die Hälfte erhöht

Mehrere Studien haben mittlerweile nachgewiesen, dass die Wahrscheinlichkeit, an Corona zu sterben, in stark benachteiligten Regionen deutlich höher ist als in weniger benachteiligten: Laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts, die die zweite Welle im Dezember und Januar untersucht hat, um 50 bis 70 Prozent.

Doch auch in Stadtteile mit gefährdeter Bevölkerung kommt das mobile Impf-Team nicht einfach so: Erst braucht das Gesundheitsamt einen Kooperationspartner, etwa eine soziale Einrichtung, einen Verein oder ein Quartiersbüro, das oder der Bedarf anmeldet.

Quartiersmanagement ruft an und vergibt die Termine

Im Ben-Gurion-Ring hat das Quartiersmanagement-Team um Wibke Hübener um den Termin gebeten und Impfwillige informiert. "Mit vielen, die heute kommen, haben wir nicht nur einmal telefoniert", sagt sie. Zahlreiche Termine wurden vergeben, ohne die zusätzliche Impfmöglichkeit zu bekannt werden zu lassen. Denn bei anderen Gelegenheiten sei es schon zu langen Schlangen und Handgreiflichkeiten gekommen, sagt Hübener. Doch am Bügel läuft alles gesittet ab.

Die Diskussion um Impfgerechtigkeit, wie sie etwa geführt wurde, als Köln anfing, in sozialen Brennpunkten zu impfen, will das Gesundheitsdezernat gar nicht erst aufkommen lassen. "Personen der Priorisierungsgruppen erhalten bevorzugt Termine im Impfzentrum und bei den niedergelassenen Ärzten", sagt Kirsten Gerstner. "Die mobilen Impf-Teams sind auch bei sogenannten häuslichen Impfungen von immobilen Personen der Priorisierungsgruppen weiterhin im Einsatz." Seit Beginn ihrer Arbeit haben die mobilen Impf-Teams rund 72 000, das Impfzentrum knapp 330 000 Menschen geimpft.

Delta-Variante verstärkt Sorgen in Frankfurt

Wibke Hübener vom Quartiersmanagement ist sich sicher, dass sich einige der am Ben-Gurion-Ring Geimpften ohne die Aktion direkt im Quartier nicht hätten impfen lassen. "Es gab durchaus Vorbehalte und einige waren auch wenig über das Impfen aufgeklärt." Ein Passant, der eine Spontan-Impfung bekommen hat, weil die einstündige Haltbarkeit der Dosis ablief, bestätigt das auch: "Vermutlich hätte ich mich nicht impfen lassen. Aber jetzt kommt die Delta-Variante und später der Herbst." Niemand wisse, was dann sei, und so habe er die Gelegenheit gleich genutzt.

Wie es vom kommenden Sonntag, wenn der Zwei-Stufen-Plan der Landesregierung ausläuft, und im Herbst weitergehen soll, entscheidet heute das Hessische Corona-Kabinett. Die Ergebnisse werden gegen Abend erwartet. Die Inzidenz in Frankfurt ist weiter auf einem niedrigen Stand und liegt seit vorigem Donnerstag konstant unter 20.

Das Gesundheitsdezernat hofft dennoch, dass das Land an den Maskenregeln festhält, insbesondere für Schulen. "Wenn jetzt die Maskenpflicht aufgehoben wird und es noch vor den Sommerferien zu einem Ausbruch kommt, müssen alle Mitschüler in Quarantäne", sagt Gerstner. Mit dem Sommerurlaub sei es dann erstmal vorbei. ( Sarah Bernhard, STEVEN MICKSCH)

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