Vor allem die Isolierung ist für viele Jugendliche kaum mehr zu ertragen.
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Vor allem die Isolierung ist für viele Jugendliche kaum mehr zu ertragen.

Folgen der Pandemie

Die Jugend leidet besonders unter Corona: „Wir haben Distanz gelernt“

  • Thomas J. Schmidt
    vonThomas J. Schmidt
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Die Corona-Pandemie macht Kindern und Jugendlichen schwer zu schaffen. Vor allem sozial benachteiligte Kinder scheinen betroffen zu sein.

Frankfurt – Die Corona-Lage hat sich entspannt. Kinder- und Jugendzentren sind seit einigen Tagen wieder geöffnet, in die Schulen kehrt Normalität zurück. Doch für Jugendliche haben die vergangenen Monate im Zeichen der Corona-Pandemie durchaus Folgen gehabt.

Svenja (17) besucht ein Gymnasium in Frankfurt. Sie berichtet: „Wir haben alle Angst vor Nähe. Wir haben Distanz gelernt.“ Das führe zu stressigen Situationen, etwa in der Schule bei Gruppenarbeiten: „Mehrere Leute sitzen an einem Tisch, und alle achten auf Abstand.“ Selbst der Unterricht in einem halbleeren Klassenzimmer komme ihr vor wie eine Großveranstaltung. „Alle achten auf Abstand, alle haben Masken auf“, berichtet Svenja. Dabei sei das Schulleben schon weitestgehend normal. „Wir haben das Gefühl, alleine zu sein. Die Freizeitaktivitäten sind noch immer stark eingeschränkt. Ich bin jetzt 17. Als Corona losging, war ich 15. Mir fehlt mehr als ein Jahr Erfahrung, Partys, Freunde et cetera. Das müssen wir alles nachholen.“

Frankfurt: Kinder und Jugendliche in Zeiten von Corona: "Die Peer-Group hat ihnen gefehlt"

Für ihren jüngeren Bruder (15) sei es noch schwieriger. Ihm fehlten die Treffen mit allen seinen Freunden. „Er konnte sich nur mit jeweils einem Freund verabreden und ihn treffen, eine Woche lang.“ Dann kam der nächste Freund an die Reihe. Die Kinder- und Jugendärztin Paula Henriquez Kries aus dem Ostend bestätigt derlei Erfahrungsberichte. „Ich beobachte, dass viele Kinder sehr leiden. Die Isolierung ist schlimm für Jugendliche. Das muss schnell ein Ende haben. Schule und Sport müssen rasch wieder ganz normal möglich werden.“

Auch Burkhard Voigt, ein Kinderarzt aus Frankfurt-Bockenheim und stellvertretender Vorsitzender des Landesverbandes der Kinder- und Jugendärzte, hat beobachtet: „Für Jugendliche in der Pubertät, so mit 13, 14 Jahren, war es sehr schwierig. Denn sie lösen sich von der Familie, sie wachsen und entwickeln sich in ihrer Peer-Group. Und genau das hat in dieser entscheidenden Zeit gefehlt.“ Weil die Kontakte auf ein Minimum beschränkt waren. „Wie sehr die Kinder gelitten haben, kam auf die Familie an.“ In manchen Familien ist die Aggressivität gewachsen – wenn alle auf engem Raum zusammenleben, Kontakte nach außen und Besuche kaum möglich sind. „Dass Audi und die Lufthansa Milliarden Euro bekommen haben, aber das Geld fehlt, um die Schulen zu sanieren und mit Luftfiltern auszustatten, so dass ein normaler Unterricht nicht möglich war, verstehe ich einfach nicht“, sagt Voigt. „Wir brauchen mehr Teilhabe für Kinder.“

Corona in Frankfurt: Pandemie verringert Lebensqualität für Kinder und Jugendliche

Eine Studie zur Belastung der Kinder- und Jugendlichen (COPSY-Studie) ist zu dem Ergebnis gekommen, dass die Pandemie die Lebensqualität und das psychische Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen verringert sowie das Risiko für psychische Auffälligkeiten erhöht hat. "Insbesondere sozial benachteiligte Kinder scheinen betroffen zu sein", sagt Prof. Christine M. Freitag.

Die Direktorin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum Frankfurt erläutert, die Datenlage sei noch unzureichend und die in der Studie beschriebenen Symptome stellten auch noch keine psychische Erkrankung dar, sondern könnten lediglich ein Anzeichen dafür sein. "Außerdem kann die erfolgreiche Bewältigung von Krisen auch die Resilienz und damit die Kompetenzen der Kinder und Jugendlichen im Umgang mit Krisensituationen fördern", erklärt Freitag. In der Uniklinik sind ihrer Aussage zufolge die Patientenzahlen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Zuge der Pandemie nicht gestiegen. Ob es generell zu einer Zunahme von psychischen Erkrankungen bei Kindern- und Jugendlichen gekommen sei, lasse sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht beantworten – entsprechende Daten liegen aktuell noch nicht vor.

"Manchen ist die Puste ausgegangen": Kinder und Jugendliche leiden je nach Familie unterschiedlich

„Die Kinder waren sehr tapfer. Sie sind anpassungsfähig, sie konnten das Beste aus der misslichen Situation machen.“ So beschreibt Christina Ringer ihre Beobachtungen und Gespräche der vergangenen Monate. Sie war bis vor kurzem Kinderbeauftragte im Frankfurter Westend. An ihren eigenen Töchtern, acht und elf Jahre alt, hat sie die gleichen Beobachtungen gemacht: „Irgendwann dauerte es zu lange. Manchen ist die Puste ausgegangen.“ Sie haben, so Ringer, mitbekommen, dass immer betont wurde, wie wichtig Kinder seien, „aber sie haben die Taten vermisst“.

Kontakte zu Freunden, wichtig für Grundschulkinder und Jugendliche, wurden schmerzlich vermisst. "Es gibt für Kinder drei Sozialbereiche: die Familie, die Schule und die Freunde. Wenn man zwei der Lebensbereiche streicht, ist das sehr schmerzhaft", sagt Ringer. Dabei hätten die Kinder unterschiedlich stark gelitten, abhängig von den Familien. "Manche waren vor dem Rechner geparkt, andere sind mit ihren Eltern ins Grüne gefahren."

Frankfurt: Kinder und Jugendliche lernen soziale Kontakte – Vielen fehlt durch Corona Entwicklung

Da hatten es jene schwerer, die in der Tagesgruppe Rödelheim sind, einer Einrichtung der Erziehungshilfe. "Die Kinder lernen bei uns soziale Kontakte", sagt Lea Beck, die Leiterin. In den vergangenen Monaten waren die Gruppen kleiner, die einzelnen Altersstufen waren strikt getrennt, und bei manchen Kindern fehlen jetzt Entwicklungen. "Tragisch ist es für die Vorschulkinder, die jetzt eingeschult werden sollten, aber noch gar nicht so weit sind."

Entgangenes nachzuholen ist für alle Kinder und Jugendlichen in Frankfurt wichtig. Das Jugend- und Sozialdezernat hat mehr als 300 000 Euro für Digitaltechnik in Jugendzentren ausgegeben. Und wie die Sprecherin Uta Rasche berichtet, seien die neuen Sportjugendbotschafter sehr erfolgreich, im Hafenpark zu vermitteln und Eskalationen zu vermeiden. Die Bundestagsabgeordnete Bettina Wiesmann (CDU) schlägt vor, auch den Stadtschülerrat einzubeziehen in der Planung von noch mehr Sommerfreizeiten für Frankfurter Jugendliche. (Thomas J. Schmidt)

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