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Gudrun Jung vor ihrem Lädchen in der Rat-Beil-Straße. Dort stellt sie seit neun Jahren ihren Wichtelbaum auf. Die Idee: Wer will, darf sich ein kleines Geschenk abhängen. Im Gegenzug deponiert der so Beglückte selbst ein Präsent.

Nordend: Weihnachten

Die Kräuterfrau und ihre Wichtel

  • vonSabine Schramek
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Wunschbaum für alle. Geben und Nehmen einmal ganz anders.

Auch im Corona-Jahr bleiben Traditionen erhalten. Zum neunten Mal steht vor dem "Gudwork" in der Rat-Beil-Straße ein Weihnachtsbaum für alle. Wer mag, hängt ein kleines Geschenk dran und nimmt sich dafür ein anderes. Leuchtende Augen sind garantiert.

Kissen für jeden Anlass

Normalerweise macht Gudrun Jung (60) Kissen. Kuschelkissen zum Küssen, Meditationskissen zum Probesitzen und Abschalten, Duftkissen, Stillkissen und Babykissen für den Kinderwagen. Und sie ist eine bekennende Kräuterfrau. In ihrem kleinen Laden gegenüber des alten Jüdischen Friedhofs duftet es - nach Wald. Seit neun Jahren ist sie hier, gibt Workshops zum Thema Wild- und Naturkräuter, macht "Unkrautwanderungen" und ist vor allem kreativ.

Und sie mag Menschen. Deshalb baut sie jedes Jahr zu Beginn des Weihnachtsmarktes einen Christbaum vor ihrem Laden auf, der für alle ist. "Es ist ein Geben und Nehmen", sagt sie lachend. "Für Kinder und Senioren, für Familien und Alleinstehende." Nun ist der Weihnachtsmarkt zwar abgesagt, aber diese Tradition lebt weiter.

Jeder kann ein kleines Geschenk dranhängen und sich eines mitnehmen. "Mich berührt es einfach, wenn ich leuchtende Augen sehe", so Jung. Während sie in ihrem Laden sitzt und näht, kommen und gehen Geschenke. "Einmal stand eine handgeschnitzte Eisenbahn unterm Baum. Als ich wieder aufgeblickt habe, war sie weg und ein Teddybär saß dort."

Ältere Leute werden zu Kindern

Auch oder gerade in Corona-Zeiten hält sie am Wunsch-Wichtel-Weihnachtsbaum fest. "Die Leute haben etwas, womit sie sich beschäftigen können, suchen und finden, reden und staunen. Bei Kindern ist es oft ein langer Prozess, bis sie wissen, welches Päckchen sie mitnehmen wollen, alte Leute werden fast wieder zu Kindern." In diesem Jahr wird die Freude wohl doppelt so groß sein. "Menschen, die einsam in Altersheimen sitzen und kaum Besuch empfangen können, sind die, die mir am meisten leidtun." Jung überlegt, sich einen Leierkasten auszuleihen und an Weihnachten vor Altenheimen zu spielen. "Mal sehen", sagt die Frau mit hüftlangen roten Haaren lächelnd.

Zurzeit arbeitet sie an Masken aus Krawatten für Herren. Aus einer edlen Krawatte entstehen so eine Maske, eine Krawatte zum Einhängen und ein Einstecktuch fürs Jackett. "Das ist knifflig, aus einem Teil Stoff drei passende Teile zu schneidern. Aber ich mag es, Dinge wiederzuverwerten. Und auch Männer sollen ja an Weihnachten schick sein." Daneben liegen witzige handgenähte Nikolausstiefel mit High-Heels und kleine "Hand-aufs-Herzkissen", die mit Lavendel und Biohirse gefüllt sind, um Handgelenke am PC zu schonen. "So bleibt der Puls ruhig und es gibt keine Allergien", sagt Gudrun Jung.

Etwas Wald mitten in der Wohnung

Den Waldgeruch, der bei ihr im "Gudwork"-Laden duftet, hat sie aus dem "Olitätenland" Thüringen mitgenommen. "Olitäten" sind wohlriechende Öle, Essenzen oder Salben. Der Begriff stammt aus dem mittelalterlichen Apothekenwesen. "In Thüringen gibt es ein Gesteinsvorkommen auf dem 300 Heilkräuter wachsen."

Dort hat sie einen Mann kennengelernt, der aus der aus Zunderpilzen, Beifuß, Blüten und unterschiedlichen Nadelbäumen ein körniges Gemisch herstellt, das angezündet ganze Wohnungen und Büros in Waldduft hüllt, wenn es verglüht. "Man sitzt im Homeoffice und fühlt sich wie mitten im Wald", schwärmt sie.

Kunden blättern derweil in einem riesigen Kräuterbuch, bestaunen getrocknete Kräuter und Tees, kleine Glückspüppchen aus Peru, isländische Haustrolle, und Unmengen an Kissen.

Vor der Tür glitzern Christbaumkugeln am Wichtelbaum. Die ersten Päckchen am Baum wechseln bereits Besitzer, die lächeln. "Davon sollte es viel mehr geben", sagt eine Frau, die eine bunte kleine Tüte festmacht und sich eine andere nimmt.

Jung stimmt ein und sagt. "Das kann jeder machen. Jeder kann Tannenbäume in Wichtelbäume aufstellen oder umwandeln. Auf der Gass' oder im Innenhof. Ich wünsche mir, dass überall in Frankfurt Wichtelbäume für alle stehen und ein wenig Freude verbreiten." SABINE SCHRAMEK

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