Jürgen Stellpflug (65) ist freier Journalist und Gründer des gemeinnützigen Vereins "Testwatch - Die VerbraucherNützer", der eine Internetseite betreibt, auf der man sich über die Seriösität und Hintergründe von Testsiegeln und Testinstituten informieren kann. Er ist Mitglied der Verbraucherkommission Baden-Württemberg. Und er war von 1991 bis 2018 Chefredakteur des Magazins Ökotest.
+
Jürgen Stellpflug (65) ist freier Journalist und Gründer des gemeinnützigen Vereins "Testwatch - Die VerbraucherNützer", der eine Internetseite betreibt, auf der man sich über die Seriösität und Hintergründe von Testsiegeln und Testinstituten informieren kann. Er ist Mitglied der Verbraucherkommission Baden-Württemberg. Und er war von 1991 bis 2018 Chefredakteur des Magazins Ökotest.

Verbrauchertäuschung

Fragwürdige Gütesiegel: "Die Kunden werden systematisch betrogen"

  • VonMichelle Spillner
    schließen

Sind Testsiegel seriös? Jürgen Stellpflug vom Frankfurter Verein "Testwatch" erklärt, was hinter den Labels steckt.

Frankfurt - Fünf Sterne, "Testsieger", "Bestes Produkt" oder "Bester Dienstleister" - Produkte und Dienstleistungen, die mit lobenden Testsiegeln dekoriert sind, genießen beim Verbraucher Vertrauen. Derartige Label dienen als Entscheidungshilfe beim Kunden und Verkaufshilfe beim Anbieter. Doch die meisten Testsiegel seien einfach nur unseriöser Humbug und träfen gar keine Aussage über die Qualität des Angebots, sagt Jürgen Stellpflug. Er ist Vorsitzender des gemeinnützigen Frankfurter Vereins "Testwatch - Die VerbraucherNützer", der Testsiegel unter die Lupe nimmt.

Auf seiner Homepage www.testwatch.de will er Verbrauchern Orientierungshilfe im Dschungel der Testsiegel geben. Stellpflug sagt: "Die Kunden werden systematisch betrogen." Warum das so ist, wie der Betrug funktioniert und was das für den Verbraucher bedeutet, darüber hat Jürgen Stellpflug mit Michelle Spillner gesprochen.

Man sagt: Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. Lässt sich das auch auf Testsiegel übertragen?

Das Gleiche gilt für Testsiegel. Wir haben ungefähr 750 Testanbieter, Testveranstalter in Deutschland. Und ich sage mal, 740 davon sind mindestens unseriös.

Warum sind viele Testsiegel unseriös?

Viele Testanbieter finanzieren sich über den Labelverkauf oder auch über sogenannte Afilliate-Programme. Sie verlinken auf die Produkte und verdienen daran. Die Nutzung der Label ist für die Getesteten zum Teil sehr, sehr teuer. Wir haben Preise von bis zu 60 000 Euro im Jahr. Und dann ist natürlich klar, dass Testanbieter kein Interesse daran haben, dass ein Test mit vielen schlechten Ergebnissen endet. Für ein Mangelhaft kauft niemand ein Label.

Experte aus Frankfurt zu unseriösen Testsiegeln: „Für ein Mangelhaft kauft niemand ein Label“

Das heißt, bei den Tests wird gemogelt?

Viele spiegeln vor, Tests zu machen, aber sie machen nur Vergleiche, und die sind alle unseriös. Es werden beispielsweise nicht etwa Olivenöle miteinander verglichen, sondern man schaut nur, was haben andere zu den Olivenölen gesagt. In einer Tabelle sind dann irgendwelche Angaben drin, die meistens von Amazon stammen, und dann steht irgendwo eine Note, und dann gibt es einen Vergleichssieger und einen Preis-Leistungssieger.

Aber das ist doch immerhin schon mal eine Aussage, an der man sich orientieren kann, oder?

Das kann aber auch willkürlich sein. Es gibt beispielsweise eine Seite, deren Name suggeriert, dass dort Experten Produkte testen, die macht aber meist Vergleiche. Sie verkauft diese Vergleiche auch anderen. Da haben wir festgestellt: Ein Vergleich zum gleichen Produkt, zum gleichen Zeitpunkt erstellt, fällt auf der einen Internetseite, ihrer eigenen, völlig anders aus, als auf der Internetseite, wo er hinverkauft wurde. Und das kann ja nicht sein. Entweder ist es reine Willkür oder das Vergleichsergebnis ist davon abhängig, wie viel die Produktanbieter oder die Dienstleistungsanbieter dafür zahlen, dass sie an erster Stelle dieses Vergleichs stehen.

Welche "Mogeleien" gibt es noch?

Wenn sogenannte Tests auf Grundlage von Umfragen gemacht werden. Zu welchen kuriosen Ergebnissen das führt, haben wir vor kurzem festgestellt. Da haben zwei Discounter in ihren Prospekten der gleichen Woche damit geworben, dass sie Preis-Leistungssieger seien. Sie hatten also von unterschiedlichen Institutionen jeweils das Label Preis-Leistungssieger. Das war mit Kundenumfragen begründet. Wenn man wirklich sehen wollte, wer ist besser, dann hätte man definieren müssen, was ist Leistung? Und dann hätte man über einen längeren Zeitraum die Preise und die definierte Leistung vergleichen müssen, dann hätte man tatsächlich einen Test gemacht und sagen können, unter diesen Testbedingungen ist der eine oder andere besser.

Testsiegel als Entscheidungshilfe: Verbraucher lassen sich schnell täuschen

Warum kaufen denn die Getesteten Labels? Die wissen doch selbst, wie diese Tests einzuschätzen und dass sie nicht unbedingt seriös sind.

Das interessiert die Labelnehmer aber überhaupt nicht. Die kaufen ja noch viel obskurere Label. Beispiel: Ein Institut für Servicequalität macht eine Studie zum Thema Fertighäuser und bietet einer Firma am Ende sechs Label an, die jeweils im unteren fünfstelligen Bereich kosten. Da ist dann beispielsweise auch ein Label für den Versand von Unterlagen dabei. Aber was interessiert mich am Fertighaus? Doch nicht, wie gut der Versand von Informationsmaterial funktioniert. Der Fertighaushersteller weiß natürlich, dass das völliger Blödsinn ist, aber er folgt einer Logik, die sagt: Du musst möglichst viele Label auf deinem Produkt oder auf deiner Internetseite haben, dann interessiert die Verbraucher gar nicht, was dahintersteckt, sondern sie lassen sich täuschen. Und täuschen heißt, ich kann ein Produkt verkaufen, ohne wirklich eine Leistung nachgewiesen zu haben.

Wie groß ist der Nutzen der Testlabel für Labelnehmer?

Die Stiftung Warentest ist eine Instanz. Nehmen wir das Beispiel der besten jemals getesteten Matratze - was auch noch falsch ist, es müsste heißen Schaumstoffmatratze. Der Anbieter war vorher eine Klitsche. Die haben ein paar hunderttausend Euro Jahresumsatz gemacht. Seitdem Stiftung Warentest entsprechend getestet hat, machten sie 200 Millionen Euro Jahresumsatz. Da sieht man die Macht, die die Stiftung hat, die aber auch andere Testsiegel haben. Deshalb sind die Labelnehmer ja auch bereit, da viel Geld für zu zahlen.

Warum lassen sich die Menschen täuschen? Weil sie sich anders nicht orientieren können?

Es ist eine Überforderung. Was sollen die Menschen alles? Die müssen sich mit Lebensmittelzusatzstoffen auskennen, mit Kosmetikinhaltsstoffen und was nicht alles... . Das ist natürlich eine gute und richtige Idee, dass es unabhängige Testinstitutionen gibt, die den Menschen diese Arbeit abnehmen.

Gründer des Frankfurter Vereins „Testwatch: „Die Verbraucherinformation interessiert die überhaupt nicht“

Verstehe ich es also richtig, dass es den meisten Testinstituten gar nicht ums Testen geht, sondern darum, Testsiegel zu verkaufen?

Genau. Bei den allermeisten dieser 700 bis 800 Testveranstalter geht es darum, mit diesen Labeln Geld zu verdienen, und nicht die eigentliche Funktion von Tests wahrzunehmen, die auch höchstrichterlich festgeschrieben ist, nämlich Verbraucher zu informieren. Die Verbraucherinformation interessiert die überhaupt nicht.

Welche Testlabelanbieter sind denn seriös?

Im Jahr 2014 haben auf Initiative des Verbraucherministeriums vier Testanbieter die sogenannten Regeln der guten fachlichen Arbeit des Testens erarbeitet. Das waren CT - die Computerzeitschrift, der ADAC, Stiftung Warentest und Ökotest. Darin ist festgelegt: Wenn ein Anbieter die Nutzung seines Labels gestattet, dann muss er die Bedingungen und die Preise auf seiner Internetseite veröffentlichen. Das ist eine Selbstverpflichtung, und die haben gerade mal die Vier unterschrieben, die sie ausgearbeitet haben.

Gibt es denn auch irgendein Label kostenlos?

Ja, der ADAC beispielsweise nimmt nur eine Bearbeitungsgebühr. Das war früher auch bei der Stiftung Warentest so, ebenso bei Ökotest. Die beiden haben das geändert. Bei der Stiftung Warentest muss man inzwischen auch bis zu 30 000 Euro in zwei Jahren zahlen, bei Ökotest sind es 5000 Euro in zwei Jahren. Auch das sehen wir kritisch, bei Stiftung Warentest nicht so sehr wie bei Ökotest.

Warum ist das kritisch zu sehen?

Bei Stiftung Warentest machen die Labelverkäufe fünf Prozent der Gesamteinnahmen aus. Bei Ökotest sind es laut dem letzten Aktionärsrundbrief über 25 Prozent. Und da ist dann zumindest mal die Frage erlaubt: Seid ihr da wirklich noch unabhängig? Ihr braucht das Geld, besonders wenn man sieht: Ökotest hat acht Millionen Euro Umsatz gemacht im Jahr 2020, hat über 2 Millionen Euro über die Label eingenommen und hatte am Ende plus minus Null. Ich will damit nicht sagen, man ist da nicht neutral und unabhängig, aber die Frage ist erlaubt, und man stellt sich womöglich in eine Reihe mit den Unseriösen.

Was müsste denn passieren, damit die Testsiegel wieder seriös werden?

Da wären Gesetzgeber und Gerichte gefordert. Es muss sich erst einmal ein Kläger finden. Aber es finden sich aufseiten der Hersteller keine Kläger - selbst wenn die bei einem Test schlecht abgeschnitten haben, dann sind sie beim anderen gut. Und aufseiten der Testanbieter findet sich eh kein Kläger.

Also bilden Testinstitute und diejenigen, die die Label kaufen, ein sich gegenseitig bedingendes System, das sich selber nicht zerstören wird.

Genau. Die klageberechtigten Verbraucherschutzverbände, beispielsweise der VZBV, könnten eingreifen und die Verbraucherzentralen. Die haben aber das Problem, dass das Kostenrisiko immens ist, das sie tragen müssten, weil es noch keine gefestigte höchstrichterliche Rechtsprechung gibt. Zunächst müsste der Gesetzgeber die Rahmenbedingungen für Tests enger fassen.

Kann ich denn als Kunde klagen?

Nein, als Kunde habe ich überhaupt keine Chance. Das hat unter anderem damit zu tun, dass Tests auch als Meinungsäußerung gelten.

Testwatch testet ja auch - die Tester. Woher weiß ich, dass Testwatch unabhängig ist?

Wir verkaufen keine Label, wir machen kein Affiliate. Wir verdienen daran nichts, wir wollen auch nichts verdienen. Und unsere Tests sind transparent. Jeder kann nachvollziehen, warum wir sagen, dieses Label ist gut oder es ist schlecht - wir sagen übrigens meistens, es ist schlecht. Die Transparenz ist eine Voraussetzung. Die höchstrichterliche Rechtsprechung sagt, ein Testanbieter hat große Freiheiten, wie er seinen Test anlegt, aber der Verbraucher muss nachvollziehen können, wie es zu dem Testurteil gekommen ist. Nur so kann er sich auch ein eigenes Urteil bilden. Diese Transparenz ist vorgeschrieben.

Sie verdienen damit kein Geld, wie finanzieren Sie Testwatch und die Aktivitäten?

Wir sind ein Verein und haben elf Mitglieder, die 50 Euro im Jahr bezahlen. Damit haben wir die Kosten gedeckt, auch für die Homepage, alles andere wird ehrenamtlich gemacht.

Experte aus Frankfurt informiert über unseriöse Testsiegel: „Verbraucher werden systematisch betrogen“

Warum machen Sie das?

Weil ich einfach will, dass die Verbraucher nicht mehr betrogen werden. Und sie werden systematisch betrogen.

Was raten Sie Verbrauchern im Umgang mit Testlabeln?

Ich würde raten, keinem Testsiegel zu vertrauen, bis auf die vier eingangs genannten - aber auch da kritisch zu bleiben. Es gibt auch Labelmissbrauch. Die Stiftung Warentest hat über 300 Fälle im Jahr, in denen das Label falsch verwendet wurde: verwendet von jemandem, der es gar nicht darf; das Produkt ist verändert worden; das Label ist alt - zwei Jahre ist die Verfallszeit für Label. Und ich würde raten: Wenn jemand sehr viele Label für ein Produkt verwendet, dann pack' es mal gleich zur Seite. Es folgt dieser psychologischen Erkenntnis: Wo viele Label drauf sind, das wird gekauft.

Man sollte selbst auf Produkt- und Inhaltsbeschreibungen achten. Mit der Zeit bekomme ich ein Gefühl dafür, was gut oder schlecht ist. Bei Lebensmitteln ist das meiner Meinung nach ganz einfach: Da gibt es vier Kriterien, mit denen ich nicht gesichert habe, dass ich immer ein gutes Produkt habe, aber mit denen ich die meisten Risiken ausschließen kann: Regional, saisonal, bio und fair.

Mir fällt auf, dass Sie bei diesem Thema, das ein hohes Potenzial hat, sich zu ärgern, sehr fröhlich wirken. Sie scheinen an dem Thema Spaß zu haben...

Natürlich. Obwohl unser Verein es ja noch nicht geschafft hat, dass gegen unseriöse Label vorgegangen wird, bin ich ganz frohen Mutes, dass wir das irgendwann schaffen werden, dass wir irgendwann schaffen werden, dass sich auch der Bundesgerichtshof mal damit beschäftigt und diesen ganzen unseriösen Kram wegräumt. Und dann haben wir viel erreicht.

(Das Interview führte Michelle Spillner)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare