Dieter Baumann, Vorsitzender des Sindlinger Reitervereins, führt das Pferd "Ferrari" vom Hof. 96 Jahre nach der Gründung anno 1925 muss der Verein nun sein angestammtes Areal verlassen.  foto: heide Noll
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Dieter Baumann, Vorsitzender des Sindlinger Reitervereins, führt das Pferd "Ferrari" vom Hof. 96 Jahre nach der Gründung anno 1925 muss der Verein nun sein angestammtes Areal verlassen. foto: heide Noll

Sindlingen: Villa Meister

Die letzten Bewohner ziehen aus

  • Holger Vonhof
    vonHolger Vonhof
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Fachklinik räumt endgültig ihren Sitz - Bis Ende Februar soll der Reiterverein folgen

Der letzte Bewohner der Fachklinik hat die Villa unter den Linden verlassen. Und der Reiterverein Sindlingen muss seinen Stammsitz auf dem Gelände des Herbert-von-Meister-Parks bis Ende Februar räumen. Vermessungsingenieure setzen bereits neongelbe Orientierungspunkte, und der neue Eigentümer des Geländes, die Immobiliengesellschaft Cairos-Gruppe, ist mit umfangreichen Voruntersuchungen für die Sanierung der denkmalgeschützten Gebäude sowie Gesprächen für die Genehmigung von Neubauten befasst.

Wie berichtet, verkaufte die Erbengemeinschaft, der das etwa zwei Hektar große Gelände mit Villa, Haus, Kastanienallee und Reitanlage an Allesina- und Weinbergstraße gehörte, das Anwesen 2019. Lediglich die ehemaligen "Schweitzer Gärten" jenseits der südlichen Mauer behielt sie. Bis zur Übergabe zogen mehrere Monate ins Land, deshalb wurden die Mietverträge für die Klinik und den Reiterverein nochmals um ein Jahr verlängert und liefen jetzt aus, sagt Marcus Bube, Geschäftsführer der Immobiliengruppe.

Entspricht nicht den Anforderungen

Der Betreiber der Fachklinik für Suchtkranke, der Deutsche Orden, hatte schon früher angekündigt, die Einrichtung in einen Neubau anderenorts zu verlagern. Das Ambiente in der 1904 von Herbert von Meister, einem Sohn des Farbwerke-Mitbegründers Carl Friedrich Wilhelm Meister, gebauten Villa ist zwar schön, entspricht aber nicht unbedingt modernen Anforderungen.

Ursprünglich war geplant, nächstes oder übernächstes Jahr umzuziehen. Doch dann kündigte die Erbengemeinschaft den Mietvertrag mit Wirkung zum 31. Dezember 2020, berichtet Pressesprecherin Maren Ruhstorfer. Da es nicht gelungen sei, eine solide wirtschaftliche Basis für eine Weiterführung an einem anderen Ort zu finden, schließe der Orden die Einrichtung komplett.

"Die Entscheidung zur Schließung der Fachklinik Villa unter den Linden und die Auswirkungen auf die Versorgung suchtkranker Menschen im Rhein-Main-Gebiet bedauern wir sehr", sagt Jochen Meyer, Leiter des Geschäftsbereichs Suchthilfe des Ordenswerks. Patienten, deren Therapie noch nicht abgeschlossen ist, führten sie in anderen Einrichtungen fort. Für die zuletzt 25 Mitarbeiter würden "individuelle berufliche Perspektiven" besprochen.

Der Reiterverein Sindlingen hatte auf eine Verlängerung des Mietvertrags bis 2023 gehofft. Im September jedoch erfuhr Vorsitzender Dieter Baumann, dass Schluss ist. Die Reiter und ihre Pferde müssen bis Ende Februar die Ställe und Koppeln räumen. Wie es nun weitergeht, ist offen. Der Verein versucht, anderswo ein Gelände zu finden, auf dem er die derzeit noch acht Pferde einstellen und seine Angebote weiterführen kann.

Doch selbst, wenn das gelingt: "So schön, wie es hier war, wird es wohl nirgendwo anders werden", seufzt der Vorsitzende.

Schöner werden soll jedoch das gesamte Ensemble, verspricht Marcus Bube. In Gesprächen mit den Denkmalschutzbehörden würden Details geklärt. Das reicht vom Freilegen alter Bausubstanz bis hin zur Ermittlung der ursprünglich verwandten Farben. Villa und Gärtnerhaus sollen denkmalgerecht saniert und als Wohnraum genutzt werden. "Wir wollen es so herstellen, wie es einmal aussah. Das soll ein Schmuckstück werden, nicht nur für die Bewohner", sagt der Geschäftsführer.

Auch Reithalle und Ställe sollen, soweit möglich, zu Wohnungen werden. "Das ist alles noch in der Abstimmung mit den Behörden", führt Bube aus. Ferner stehe seine Firma mit dem Planungsamt in Kontakt. Um die aufwendige Sanierung zu finanzieren, sollen auf dem vorderen, der Weinbergstraße zugewandten Teil des Parks Wohnhäuser entstehen.

Um wie viele Gebäude mit wie vielen Wohnungen es sich handelt, "können wir noch nicht sagen", erklärt der Geschäftsführer. Das hänge davon ab, wie sich Bauträger und Behörden einigen. Es solle jedoch "keine Masse von Baukörpern" entstehen, versichert er. Für die Autos künftiger Bewohner werde eine Tiefgarage geplant.

Gottesdienst im Park

Es sei der familiengeführten Unternehmensgruppe ein Anliegen, den Park weiterhin für die Öffentlichkeit zugänglich zu halten, sagt Marcus Bube. Es sei zwar nicht wahr, dass die vorletzte Besitzerin, Elisabeth von Meister, genau das in ihrem Testament festgelegt habe, wie es immer wieder kolportiert werde. Aber "auch die Stadt hat ein großes Interesse daran, dass das so bleibt und nicht einfach das Tor abgeschlossen wird und Ende", betont er. Der Cairos-Gruppe sei im Übrigen sehr an guter Nachbarschaft gelegen. Deshalb dürfe beispielsweise die evangelische Gemeinde an Heiligabend ihren Weihnachtsgottesdienst im Park feiern. "Wir wollen das Areal behutsam entwickeln, es nicht verschandeln, sondern schöner machen. Wir sind kein Konzern, keine Heuschrecke und legen es nicht auf Profit-Maximierung an", sagt Marcus Bube. Den Anfang soll übrigens das Gärtner-Haus machen, es soll weiterhin als Einfamilienhaus genutzt werden. "Das ist die erste Perle, die wir wachküssen", kündigt er an.

heide noll

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