Diskutierten über Lokaljournalismus: Jan Grossarth (freier Autor), Holger Vonhof (Kreisblatt) und Sabine Imhoff (Filmforum). FOTO: Reuß
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Diskutierten über Lokaljournalismus: Jan Grossarth (freier Autor), Holger Vonhof (Kreisblatt) und Sabine Imhoff (Filmforum).

Frankfurter Reporter

Die letzten ihrer Art

  • VonKatja Sturm
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Lokaljournalist Holger Vonhof und Autor Jan Grossarth diskutieren über die Zukunft von Tageszeitungen.

Frankfurt -Als man Sabine Imhof anbot, den Film "Die letzten Reporter" im Filmforum Höchst zu zeigen, da sah die Theaterleiterin einen Bezug zu ihrer Wirklichkeit. In der Dokumentation des Hamburgers Jean Boué werden drei Lokaljournalisten durch ihren Alltag begleitet und dabei mit den Veränderungen konfrontiert, die die Krise der Printmedien und der Einzug der Digitalisierung in ihre Arbeitswelt mit sich bringen. In Frankfurt wurde zu dieser Zeit gerade die Dependance des "Höchster Kreisblatts" (HK) in der Hostatostraße geschlossen. Für Imhof war dies Anlass, im Anschluss an die Vorstellung am Sonntag den langjährigen HK-Redakteur Holger Vonhof und den Autor Jan Grossarth, dessen FAZ-Reportage "Der letzte Reporter" den Filmregisseur zu seinem Werk inspirierte, zu einer Diskussion einzuladen.

In einem waren sich dabei alle einig: Lokaljournalisten müssen ganz nahe an den Menschen dran sein, über deren Gebiet sie berichten. Der bekennende Höchster Vonhof lässt sich auch beim Metzger Neuigkeiten erzählen. Mancher Nachbar klingele, um etwas loszuwerden. Andere rufen in der Redaktion an, um einfach nur selbst oder mit ihren Bedürfnissen wahrgenommen zu werden, ergänzte Grossarth. "Wir sind auch Sorgentelefon", sagte Vonhof. "Im Lokalen haben wir mit den Menschen direkt zu tun."

Im Frankfurter Westen, für den er gemeinsam mit einem Kollegen zuständig ist, biete sich ein sehr breites Spektrum, von bedeutenden Wirtschaftsunternehmen bis zum Landfrauenverein Unterliederbach. Ein spannender "Mikrokosmos" der Gesellschaft, aus dem heraus Geschichten erzählt werden könnten, die man nicht schon einen Tag vorher überall im Internet findet.

Man müsse sehr sorgfältig arbeiten und überprüfen, was Agenturen oder die Stellen, die Polizeimeldungen herausgeben, vermelden. Die Menschen vor Ort merken sofort, wenn der Name einer Straße nicht stimmt.

Einmal am Tag versucht Vonhof, weiterhin Reporter zu sein, obwohl "wir heute die Zeitung von vor 20 Jahren mit nur noch einem Drittel der Leute machen". Da er seinen Arbeitsplatz jetzt im Gallus hat, legt er Termine auf den Morgen oder den Abend. Das Geschichtenerzählen macht ihm auch nach 25 Jahren beim HK noch Spaß. Aus seiner Sicht brachten die Pandemie-bedingten Einschränkungen sogar Positives. "Es gab keine Termine, und man musste sich Themen überlegen." Für Geschichten, die man schon seit 20 Jahren erzählen wollte, war plötzlich Zeit da. "Aber der alte Trott zieht schon wieder ein."

"Lokaljournalist kann auch für junge Menschen ein sehr schöner Beruf sein", sagte Grossarth. Viele Verleger sind allerdings aus dem Tarif ausgestiegen, und die Verdienstmöglichkeiten sind nicht attraktiv. Zudem orientierten sich die Verantwortlichen in den Zeitungen heutzutage oft daran, wie viele Klick-Zahlen eine Geschichte generiert. "So kann man Zeitung nicht machen", betonte Grossarth. Die Bedeutung des Lokaljournalismus komme dabei zu kurz, und auch, was dem Leser verloren geht, wenn man diesen immer stärker einschränkt.

Eine "frustrierte Leserin" aus Maintal bestätigte das. In ihrer Zeitung finde sich kaum mehr etwas aus dem eigenen Ort. Früher sei sie nicht in die Großstadt gefahren, weil sie darüber informiert war, was es an kulturellen oder anderen Angeboten im Umkreis von zehn Kilometern gab. Das habe sich grundlegend geändert. "Die Zeitung gibt mir nichts mehr für mein Leben", sagte sie.

Eine andere Frau aus dem Publikum sieht in der Digitalisierung auch in finanzieller Hinsicht eine Chance für die Lokalzeitungen, wenn sie "seriös" berichteten. Als Printabonnentin schreckten sie die "albernen Überschriften" ab, mit denen im Internet versucht werde, Leser anzuziehen. Doch wenn man dort gute und ernsthafte Geschichten und Berichte aus dem eigenen Ort anbieten würde, wäre Online-Lesen eine Alternative zum Papier.

Grossarth wies darauf hin, dass die Zahl der E-Paper-Abos seit zwei, drei Jahren steige. Gegen "öffentlich-rechtliche", also wie der Rundfunk geförderte Zeitungen sprach er sich ebenso aus wie sein Kollege. Er selbst würde die Anarchie vermissen, die er mit Zeitungsmachen verbindet. Vonhof glaubt, dass man in Zeitungen, die kämpfen müssen, motivierter ist, über die Inhalte nachzudenken, als wenn am Ende jeden Monats so oder so Geld auf dem Konto landet. Katja Sturm

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