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Die Nahrungskette endet im Lichtkegel

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Von: Friedrich Reinhardt

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Wie ein Staubsauger zieht der Strahler Insekten an. Die lange Belichtungszeit macht ihre Flugbahn sichtbar. Insekten folgen zwanghaft dem Licht - oft bis zur völligen Erschöpfung. FOTO: Fredrik von Erichsen (dpa)
Wie ein Staubsauger zieht der Strahler Insekten an. Die lange Belichtungszeit macht ihre Flugbahn sichtbar. Insekten folgen zwanghaft dem Licht - oft bis zur völligen Erschöpfung. © dpa | Fredrik Von Erichsen

Schonende Straßenlampen, um das Insekten-Sterben zu begrenzen

Der Insektenschwarm unter der Straßenlaternen, im Glas die verendeten Insekten. Diesen im Sommer alltäglichen Anblick problematisieren nun die Bergen-Enkheimer Grünen. Sie fordern neben Blühwiesen auch Insekten schonende Laternen.

Den Kern des Problems zeigte im vergangenen Jahr ein aufwendiges Experiment an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. Wissenschaftler um den Zoologen Gunnar Brehm hatten in einem Hörsaal 95 unterschiedliche Lichtquellen installiert und ließen über 6000 Falter, zumeist einheimische Arten, frei. Akribisch protokollierten die Wissenschaftler, welches Tier welche Lampe anflog. Fast alle Arten seien zu den Lichtquellen geschwirrt. "Unsere Studie zeigt klar, dass die jeweils kürzeste Wellenlänge viel stärker angeflogen wird als etwa grünes oder rotes Licht", so Brehm. Problematisch sei die Auswirkung etwa auf Schmetterlinge, weil gut 90 Prozent der Arten nachtaktiv sind. Sie fielen bei starker Lichtverschmutzung als Bestäuber aus, was große ökologische und vermutlich auch wirtschaftliche Schäden verursache.

Das kurzwellige Licht der LED

Laut Brehm werde das Insektensterben im Lichtkegel jedes Jahr verstärkt. Zum einen nehme die nächtliche Lichtverschmutzung jährlich um zwei Prozent zu. Zum anderen rüsten viele Kommunen - so auch Frankfurt - ihre Straßenbeleuchtung auf stromsparende LED-Lampen um. "Das neue Licht hat einen viel höheren Anteil an kurzwelliger blauer Strahlung", heißt es in der Studie der Uni Jena. Das Umweltbundesamt spricht gar von einem "Staubsauger-Effekt".

Wie ein Staubsauger den Dreck anzieht und nicht mehr los lässt, so ziehen auch Straßenlaternen Insekten aus der Luft und lassen sie erst wieder los, wenn sie sich am Leuchtkörper verbrennen, vom vielen Im-Kreis-Fliegen so erschöpft sind, dass sie zu Boden fallen und verenden, oder von Fressfeinden quasi vom Buffet gepflückt werden.

"Milliarden von Insekten verlassen durch den Staubsaugereffekt ihren eigentlichen Lebensraum und können dort nicht mehr der Nahrungs- und Partnersuche nachgehen", heißt es im Aktionsprogramm Insektenschutz des Bundesumweltamts. Tiere, die keine Nachkommen hervorbringen, Pflanzen nicht bestäuben und andere Tiere nicht ernähren können. Mit dem Staubsaugereffekt endet die Nahrungskette im Lichtkegel.

Rotes Licht nicht geeignet

"Ideal wäre orangefarbenes oder rotes Licht", sagt der Zoologe Brehm. Allerdings ist rotes Licht als Straßenbeleuchtung reichlich unpraktisch. Warmweiße LED-Lampen mit Farbtemperaturen unter 3000 Kelvin seien daher zurzeit vermutlich die sinnvollste Alternative.

Hier setzt der Antrag der Bergen-Enkheimer Grünen an. Vom Magistrat will die Fraktion wissen, inwieweit die Straßenbeleuchtung im Stadtteil Vorgaben zum Insektenschutz entspreche. Schließlich könnten "insektenverträgliche Straßenbeleuchtungen das Insektensterben nachhaltig reduzieren", heißt es in ihrem Antrag.

Dabei geht es den Grünen nicht nur um die Leuchtmittel. "Wichtige Einflussfaktoren sind die Beleuchtungsstärke, die Farbtemperatur und Lichtlenkung, aber auch organisatorische Maßnahmen wie die Beleuchtungsdauer oder bauliche Maßnahmen wie die Höhe der Masten."

Mit ihrer Forderung stehen die Grünen nicht allein. Umweltverbände wie der Naturschutzbund oder der BUND drängen seit Jahren darauf, der Insekten wegen beim Thema Lichtverschmutzung nicht nur an den überstrahlten Sternehimmel zu denken. In Bayern und Baden-Württemberg gibt es bereits ein Gesetz zur Eindämmung der Lichtverschmutzung. Friedrich Reinhardt

Der Ortsbeirat 16 tagt

Dienstag, 18. Januar, ab 19.30 Uhr in der Stadthalle Bergen, Schelmenburgplatz 2.

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