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Frankfurter Uniklinik-Direktor: "Die Pandemie war eine gute Erfahrung"

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Von: Mark-Joachim Obert

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Jürgen Graf, Direktor der Uni-Klinik Frankfurt, bewertet es als positiv, dass in Bezug auf Auflagen Normalität einkehrt. Doch er warnt vor einer neuen Welle im Herbst.
Jürgen Graf, Direktor der Uni-Klinik Frankfurt, bewertet es als positiv, dass in Bezug auf Auflagen Normalität einkehrt. Doch er warnt vor einer neuen Welle im Herbst. © dpa

Jürgen Graf, Direktor der Uniklinik Frankfurt, spricht im Interview über Lerneffekte und wie zum Beispiel ukrainische Flüchtlinge davon profitieren.

Herr Professor Graf, kaum jemand redet mehr von Corona, eine postpandemische Stimmung macht sich breit. Können wir beruhigt sein?

Das ist eine Frage der Perspektive. Postpandemisch, das Wort verwende ich noch nicht so gerne. Die Zahlen zu Neuinfektionen sind immer noch sehr hoch. Wir haben es seit Omikron allerdings mit einer geänderten Lage zu tun: Die Hospitalisierungsbedürftigkeit und auch die Sterblichkeit sind dramatisch geringer bei Omikron als bei den vorherigen Varianten.

Wie viele Covid-Patienten liegen zurzeit bei Ihnen auf der Intensivstation?

Es sind zurzeit im gesamten Versorgungsgebiet, also Offenbach / Frankfurt, etwa 20 Patienten mit oder wegen Covid auf den Intensivstationen. Wir betrachten das ja nicht für die einzelnen Häuser, weil wir uns wechselseitig unterstützen, damit jeder besonders auch die Leistung erbringen kann, die sonst niemand erbringen kann. Inklusive der Non-Covid-Patienten sind die Intensivstationen mehr als 90 Prozent ausgelastet. Viel Luft nach oben ist also nicht.

Verliert die Sieben-Tage-Inzidenz zurecht gerade ihren Schrecken?

Wir haben uns an exorbitante Zahlen zu Neuinfektionen gewöhnt. Vor einigen Wochen waren wir noch bei über 300 000, jetzt sind es immer noch knapp 100 000, obschon kaum noch Neuinfektionen registriert und gemeldet werden. Da hätten wir vor zwei Jahren noch gedacht, das Ende der Zeit sei gekommen. Ich plädiere für eine differenzierte Betrachtung: Dass eine gewisse Normalität in Bezug auf Kontaktbeschränkungen und ähnliches Einzug erhält, halte ich für gut und richtig. Wir haben aber noch nicht alle notwendigen Themenfelder in den Blick genommen - politisch, gesellschaftlich, medizinisch. Weder für die gegenwärtige Situation noch für das, was im Herbst und Winter wieder auf uns zukommen kann.

Coronavirus: Frankfurter Uniklinik-Direktor will auf verschiedene Gruppen der Impf-Verweigerer spezifisch zugehen

Was meinen Sie?

Nur ein Beispiel: Wir müssten uns darüber unterhalten, wie wir die gesellschaftliche Verantwortung im Kontext zur Impfung sehen. Diese Frage stellt sich nicht nur bei Corona, sondern beispielsweise auch bei der Influenza. Einige Wissenschaftler rechnen mit einer erheblichen Zahl von Grippekranken im nächsten Herbst und Winter. 2017 und 2018 hat es pro Saison über 20 000 Influenza-Tote in Deutschland gegeben. Mit einer Grippe-Impfung können Sie wie bei Corona schwere Krankheiten abmildern und Todesfälle verhindern.

Fällt Ihnen noch irgendein Argument zur Corona-Impfung ein, das man Verweigerern noch nicht an die Hand gegeben hat?

Unsere Beobachtung zeigt den Wert der Impfung deutlich: Wir sehen zwar auch bei Omikron multiple Infektionen, aber einen dramatischen Rückgang an schweren Erkrankungen und an Tod. Das ist die Basis für ein funktionierendes Gesellschaftsleben, wirtschaftlich wie sozial. Die, die sich mit adressatengerechter Kommunikation befassen, sagen immer wieder, dass wir auf die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen der bislang noch nicht Geimpften sehr spezifisch zugehen müssen. "One size fits all" (eine Größe passt allen, die Red.) scheint hier nicht der Weg zu sein. Beispielsweise scheinen mobile Impfteams immer noch und immer wieder Ungeimpfte zu erreichen. Das ist mühsam, am Ende aber wirksam.

Impfverweigerer leugnen die Risikoreduktion genauso wie den Umkehrschluss, dass man ungeimpft das Risiko wesentlich erhöht.

Aber so ist es nun einmal, die Daten- und Faktenlage ist da eindeutig. Nach wie vor sind die Patienten mit schweren Krankheitsverläufen weit mehrheitlich nicht geimpft, das ist kein Zufall.

Coronavirus: Auch in Frankfurt immer mehr Coronavirus-Fälle auf Normalstationen

Sind Sie für die Impfpflicht?

Zumindest für kritische Infrastrukturen halte ich sie nach wie vor für geboten. Kritische Infrastruktur dient dem Gemeinwohl, wer dort beschäftigt ist, muss sich im Sinne des Gemeinwohls verhalten und sich impfen lassen. Wir haben am Universitätsklinikum Frankfurt eine Quote von über 97 Prozent, und die, die nicht geimpft sind, haben größtenteils Krankheiten oder waren wegen Abwesenheiten nicht zu erreichen. Für ganz Deutschland meldet die Krankenhausgesellschaft eine Quote von mehr 94 Prozent in den Kliniken. Hätten wir das in der Gesamtbevölkerung, müssten wir uns nicht so große Sorgen machen. Dann wäre der wechselseitige Schutz gegeben und die wenigen Skeptiker würden kaum zu einer Risikoerhöhung beitragen. Bei 75 Prozent vollständig Geimpfter in der Bevölkerung sieht das aber nun einmal anders aus . . .

Sind viele Ärzte und Pflegekräfte vom zurzeit dynamischen Pandemiegeschehen betroffen?

Ja. Und weil da die Betroffenen in Quarantäne müssen, führt das zu Engpässen in der Patientenversorgung. Die Krankheitsquote bei unserem Personal liegt für gewöhnlich im einstelligen Prozentbereich und war in den letzten Wochen mehr als doppelt so hoch.

Ist es denn auch in der Uniklinik so, dass gleichzeitig immer mehr Corona-Patienten auf den Normalstationen liegen?

Das ist in ganz Hessen so. In Offenbach und Frankfurt haben wir zurzeit auf Normalstationen etwa 250 Covid-Patienten liegen. Was sich geändert hat: Die Sanktionsfreiheit des Unterschreitens der Pflegepersonaluntergrenze ist aufgehoben. Wir sind alle gehalten, uns an den Mindestbesetzungen der Stationen mit Pflegenden zu orientieren. Und wenn wir das nicht schaffen, dann gibt es Erlösabschläge, das hat damit eine wirtschaftliche Komponente bekommen.

Coronavirus-Schutzmasken: Pflicht sollte beibehalten werden

Sendet die Politik mit der Aufhebung der Maskenpflicht vielerorts das falsche Signal?

Der Mund-Nasen-Schutz ist aus meiner Sicht ein sehr niedrigschwelliger und sehr wirkungsvoller Schutz - das bestätigen mittlerweile eine Reihe wissenschaftlicher Untersuchungen. Ich plädiere deshalb dafür, dass man das weiterhin großzügiger einsetzt, zum Beispiel auch in Universitäten und Schulen - allein schon, um regelmäßigen Unterricht zu gewährleisten. Darüber, wie bei saisonal wieder steigenden Zahlen mit der Verpflichtung zum Tragen von Mund-Nasen-Schutz umzugehen ist, sollte man jetzt schon diskutieren und nicht erst nach den Sommerferien im Herbst.

Sie leiten den Planungsstab der stationären Versorgung von Covid-Patienten in Hessen. Manche Beobachter kritisieren zu viel Einfluss der Wissenschaft auf die Politik, manche zu wenig. In der Pandemie fehlte entsprechend eine klare Linie. Wie sehen Sie das?

Inwiefern Wissenschaft berät oder beraten sollte, wird mir an vielen Stellen nicht differenziert genug diskutiert. Wissenschaft denkt sehr stark in Kategorien wie falsch und richtig, wahr und unwahr. Das ist ihre Aufgabe. Politik hat eine gänzlich andere Aufgabe: Die Funktionsfähigkeit des Gemeinwesens kann nicht in Schwarz und Weiß kategorisiert werden, findet im Wesentlichen im Grauen statt. Politik muss eine vermittelnde Funktion einnehmen und auch Risiken bewerten, die multidimensional sein können. Die Kontakteinschränkungen etwa haben ja auch eine gesellschaftliche Sprengkraft, wie wir vielerorts gesehen haben.

Was müsste besonders im Hinblick auf die Personalausstattung dringend geschehen, um uns auch für bevorstehende Pandemien und möglicherweise auch auf gefährliche Keime besser vorzubereiten?

Man muss ganz in Ruhe die letzten zwei Corona-Jahre und dann die Entwicklung unseres Gesundheitssystems in den vergangenen zehn, zwanzig Jahren analysieren. Die Entwicklung der Anzahl der Pflegenden, die Belastung und Überlastung. Gleiches gilt für Ärztinnen und Ärzte sowie andere Berufsgruppen. Andererseits wird aber auch die Frage diskutiert werden müssen, wie häufig und warum das Gesundheitswesen von den Bürgern in Anspruch genommen wird, stationär und ambulant. Mit diesen Informationen müssten wir darüber diskutieren: Was ist unsere Anforderung, was ist unser Anspruch an das Gesundheitswesen? Welche Bedarfe sollen und müssen abgedeckt werden? Welche Qualität der Versorgung muss erreicht werden? Wie stellen wir die Zielerreichung fest? Und dann müsste überlegt werden, wie man das am besten erfüllen kann.

Coronavirus: Medizinische Versorgung in Frankfurt trotz allem gesichert

Steht das Ergebnis nicht fest: Mehr Pflegepersonal, bessere Bezahlung?

Gesundheit ist ein hohes und fraglos ein teures Gut. Wir sehen jetzt durch die Pandemie und durch die weltpolitische Entwicklung, dass uns zusätzlich zum Thema Gesundheit noch andere, größere Herausforderungen erwarten. Deshalb muss eine umfassende Debatte stattfinden, wie wir das Gesundheitssystem in Zukunft ausgestalten wollen. Die Diskussion sollten wir nicht zu früh inhaltlich verengen. Es gibt so viele Akteure im Gesundheitssystem, das macht es ungemein anspruchsvoll. Frei zu denken und aufeinander zuzugehen, ist in Zukunft enorm wichtig. Die Verführung auf jegliches Problem im Gesundheitswesen mit mehr Personal und mehr Kapazitäten zu reagieren scheint sehr groß - zu groß.

Neben der Pandemie ist eine weitere düstere Zukunftsvision gegenwärtig geworden. Ein Krieg mitten in Europa mit versehrten, traumatisierten, kranken Menschen auf der Flucht. Wie kommt der Krieg bei Ihnen an?

Viele Kollegen sind betroffen, weil sie ursprünglich aus den heute umkämpften Regionen kommen, weil sie dort Freunde und Familie haben. Und sobald es Anfragen gibt, ob wir Kriegsversehrte versorgen können, koordinieren wir das zentral. Wir berichten da nicht über Fallzahlen, weil das völlig irrelevant ist. Aber Sie können davon ausgehen: Alle, die in Hessen Hilfe anfragen und die Hilfe und medizinische Versorgung brauchen, versorgen wir fachgerecht.

Sie versorgen ja auch ukrainische Soldaten.

Ja, aber die viel größere Zahl an Patienten aus der Ukraine sind Geflüchtete. Da sind auch welche mit Kriegsverletzungen, aber überwiegend Menschen mit akuten und chronischen Krankheiten. Kinder und Erwachsene, auch viele Alte. Bei den Erwachsenen sind es in der Tat fast nur Frauen. Es scheint also wirklich so zu sein, dass alle Männer, die im wehrfähigen Alter sind, in der Ukraine bleiben.

Droht Ihren Leuten die Belastungsgrenze?

Nein. Weder stationär noch ambulant. Die Versorgung ist gewährleistet, auch weil alle hier miteinander Hand in Hand arbeiten und der Planungsstab nötigenfalls organisatorisch unterstützen würde. Diesbezüglich war die Pandemie eine gute Erfahrung. Da haben wir gelernt, über alle Bereichsgrenzen hinweg das Notwendige gemeinsam zu tun. Von dieser Erfahrung profitieren jetzt die Geflüchteten und Kriegsversehrten.

(Interview: Mark-Joachim Obert)

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