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"Die Querdenker werden nach Corona wieder zerfallen"

INTERVIEW Sozialethiker setzt in der Krise auf den gesunden Menschenverstand und empfiehlt eine offene KommunikationCorona ist eine Zerreißprobe für die Gesellschaft. Das Infektionsgeschehen muss eingedämmt werden, gleichzeitig müssen die Grundrechte geschützt werden. Sozialethiker Christof Mandry bezieht in einem Interview mit Junge-Zeitung-Autorin Hanna Feige Stellung zu moralischen Problemen während der Pandemie.

Welche Folgen hat die Corona-Pandemie für das Selbstverständnis der Gesellschaft?

In der Pandemie wird deutlich, dass die deutsche Gesellschaft nicht auf einer Insel, sondern in einer vernetzten Welt lebt. Es gibt weltweite Infektionsketten. Mutationen aus England sind nach kurzer Zeit auch in Deutschland. Auch trotz der gemeinsamen Lage in der Pandemie vergleicht man sich international, und die Politik legt ein Wettbewerbsdenken zutage. Das fängt schon bei den Impfstrategien an. Auch die Anfälligkeit von modernen Gesellschaften wird deutlich. Eigentlich ist es seltsam: So eine Pandemie bringt man ja eher mit dem Mittelalter und der Pest in Verbindung. Dass eine Pandemie eine Gesellschaft derartig beeinflusst, ist für die meisten eine neue Erfahrung.

Wie viel "Querdenken" hält eine Demokratie aus?

Ich hoffe, dass eine Demokratie viel Querdenken aushält. Eine Demokratie bedeutet öffentliche Diskussionen, Leute kritisieren und gewohnte Ansichten hinterfragen. Schwierig sind Meinungen, die eine Diskussion verweigern. Das ist nicht auf "Querdenken" beschränkt, sondern ist seit Jahren ein globaler Trend. Alternative Fakten und der Vorwurf von Falschmeldungen werden immer verbreiteter. Diese Art von Protest ist eine Machtdemonstration und will Vorgänge beeinflussen, ohne demokratisch zu sein. Die Frage ist, wie eine Gesellschaft damit umgehen kann.

Wird es nach Corona einen Rechtskurs in der Gesellschaft geben?

Das denke ich nicht, weil die Erfahrungen mit der Pandemie zu unterschiedlich sind. Es ist nicht ausgeschlossen, dass bestehende rechte Bewegungen erstarken. Eine gesellschaftliche Pluralisierung ist wahrscheinlich. Dadurch wird es schwieriger, Kompromisse in der Gesellschaft zu bilden. Das ist aber Teil eines Trends, der schon vor Corona begonnen hat.

Wie bewerten Sie die Querdenken-Bewegung und ihren Zusammenschluss mit Rechten?

Es ist nicht neu, dass Protestbewegungen ausgenutzt werden. Interessant ist: Bekommen Rechte dadurch mehr Kräfte? Das ist schwierig zu bewerten. Vermutlich wird eine diverse Bewegung wie die Querdenker nach Corona zerfallen. Wenn die Pandemie endet, zerfällt das Feindbild. Ich glaube, dass die Unterschiede innerhalb der Bewegung wieder in den Vordergrund treten werden. Dann wird sie zerfallen. Es lässt sich aber nicht ausschließen, dass diese Rechten sich neu organisieren und anderen anschließen. Die Querdenken-Bewegung ist kein großes Problem für die Gesellschaft Aber sie ist ein Symptom für eine gesellschaftliche Polarisierung und verstärkt sie. Alternative Fakten und das Misstrauen gegenüber der Wissenschaft und etablierten Kräften werden bestärkt, sind aber nicht neu.

Wie kann man dagegen vorgehen?

Man sollte die demokratische Lebenseinstellung bestärken. Öffentlich vermitteln, dass es sinnvoll ist, offen zu diskutieren. Außerdem sollte deutlicher werden, dass wissenschaftliche Fakten für alle zugänglich sind. Es sollte auch klarer werden, dass eine moderne Gesellschaft Meinungsverschiedenheiten aushalten kann. Es gehört zu einer Demokratie dazu, obwohl diese Verunsicherung schwer auszuhalten ist.

Wo sind die moralischen Grenzen der Corona-Politik?

Die Schutzmaßnahmen bieten große moralische Herausforderungen. Aktuell steht das Impfen im Vordergrund und die Frage nach einer Impfpflicht. Für alle wird es diese nicht geben - aber sollte es eine Vorschrift für bestimmte Berufsgruppen geben? Das ist abhängig von der Verträglichkeit und Effizienz des Impfstoffs - und die sind bislang unklar.

Sollte es eine Impfpflicht oder besondere Rechte für Geimpfte geben?

Da bin ich skeptisch. Denn so vieles ist unklar: Welche Auswirkungen haben die Impfstoffe? Kann das Virus trotzdem noch weitergegeben werden? Wirkt der Stoff auch gegen Mutationen? Bei so vielen Unsicherheiten ist es schwierig, eine Impfpflicht zu rechtfertigen. Am ehesten kann ich mir das in Pflegeheimen vorstellen, aber selbst da ist ein so harter Eingriff in die Grundrechte meiner Meinung nach nicht benötigt. Wenn sich viele Menschen freiwillig impfen lassen, lassen sich Schutzmaßnahmen auch mit milderen Eingriffen durchsetzen. Abstand halten und Maske tragen ist für Leute, die sich nicht impfen lassen wollen oder können, ausreichend.

Was sollten wir tun, um die Gesellschaft in solchen Krisenzeiten zusammenzuhalten?

Am besten sollte entschlossen vorgegangen und jeder Schritt auch klar kommuniziert werden. Das ist aber nicht einfach, da sich die Unsicherheit der Gesellschaft auch in der Politik widerspiegelt. Außerdem ist es wichtig, nicht in Panik zu verfallen und den gesunden Menschenverstand walten zu lassen. Das ist natürlich schwierig, wenn das eigene Leben oder die ökonomische Existenz bedroht ist. Ich hoffe, dass die Solidarität der Gesellschaft bestärkt wurde und die Krise die Menschen nicht zerreißt. Jeder ist gefragt, denn es kommt auf das eigene Verhalten und die Kommunikation an.

Was empfehlen Sie denn konkret?

Keine Panik zu verbreiten und nicht jeder Schreckensmeldung im Internet hinterherlaufen. Die Menschheit hat schon viele Krisen überstanden, also werden wir auch diese überstehen.

Ein Querdenker? Der Aluhut lässt es vermuten.
Die Junge Zeitung erscheint am 27.2.2021 zum 13. Mal.

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