Dorothee Elmiger hat in der Stadthalle Bergen vor rund hundert Zuhörern aus ihrem Buch "Aus der Zuckerfabrik" gelesen und über ihre Jugend und das Schreiben gesprochen.
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Dorothee Elmiger hat in der Stadthalle Bergen vor rund hundert Zuhörern aus ihrem Buch "Aus der Zuckerfabrik" gelesen und über ihre Jugend und das Schreiben gesprochen.

Bergen-Enkheim

Die Sammlerin

  • Friedrich Reinhardt
    VonFriedrich Reinhardt
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Die neue Stadtschreiberin Dorothee Elmiger gibt ihre Antrittslesung

Will man das Schreiben der Bergen-Enkheimer Stadtschreiberin Dorothee Elmiger besser verstehen, könnte man bei den Jägern und Sammlern beginnen. Also metaphorisch. Der Vergleich gehe auf die Science-Fiktion-Autorin Ursula Le Guin zurück, erzählt Elmiger bei ihrer Antrittslesung am Donnerstagabend, und der Vergleich geht in etwa so: Autoren können ihre Texte wie Jäger oder wie Sammler schreiben. Der Jäger sucht sich ein Ziel und wirft einen Speer danach. Für den jagenden Autor wäre das Ziel das Ende des Buches oder ein Plot-Twist und der Speerflug der Spannungsbogen, der zum Ziel führt. Zu diesem Typ Autorin gehört Elmiger nicht. Sie ist eine Sammlerin.

Ausgangspunkt: Szene einer Versteigerung

In ihren Büchern ("Einladung an die Waghalsigen" von 2010, "Schlafgänger" von 2014, und "Aus der Zuckerfabrik" von 2020) erzählt die Schweizer Autorin keine linearen Geschichten, sie trägt Szenen, Motive und Themen zusammen und arrangiert sie wie in einer Collage. Wie das Sammeln als schreiberische Praxis aussieht, erklärt Elmiger anhand des Entstehungsprozesses von "Aus der Zuckerfabrik".

Angefangen hat die Arbeit mit einer Szene in einem Dokumentarfilm über den ersten Lottokönig in der Schweiz, den Hilfsarbeiter Werner Bruni, der nach seinem Gewinn alles verloren hat.

Die Szene habe die Versteigerung von Brunis Hab und Gut gezeigt, darunter zwei Figuren aus der Karibik. "Was ist die Verbindung zwischen den karibischen Figuren und dem Schweizer Arbeiter?", fragte sich Elmiger. Es war der Ausgangspunkt für das Buch, das Jahre später auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises landete.

Elmiger ging in Archive, las, was es über den Lottokönig zu lesen gab. "Es hat sich immer mehr Material angehäuft, irgendwann geht man mit so einer Brille durch die Welt und die Sachen springen einen an." Diese "Materialhaufen" wollte Elmiger im Schreiben nicht "glatt streichen". Selbst wenn sie wollte, es scheitere an der Praxis. "Überall stimmten die Angaben nicht überein, auch handelt es sich um eine Figur, die wirklich gelebt hat. Wie geht man damit um? Was mache ich mit den Lücken, wo ich nicht weiß, wie es war?" Wie solle man daraus eine glatte Geschichte mit Anfang und Ende machen? Auf welches Ziel sollte man den Speer werfen? "Ich möchte ja auch zeigen, wo es Lücken gibt und wo ich Fragen habe."

Also bleibt Elmiger nur, das Material zu sammeln, vor sich auszubreiten und so anzuordnen, dass es in Beziehung zu einander tritt.

Vor rund ein hundert Gästen erzählte Elmiger im Gespräch mit Charlotte Brombach, Mitglied der Stadtschreiberjury, wo die Sammelei und das Schreiben begann. Aufgewachsen ist Elmiger im Kanton Appenzell Innerrhoden.

"Deutsch als Geheimsprache"

Als Jugendliche wollte sie nur fort, aus dem engen und engstirnigen Ort, in dem erst 1990 das Frauenwahlrecht eingeführt wurde. Sie wollte in die großen Städte. Das war die Hoffnung mit der Elmiger mit 15 Jahren in die Vereinigten Staaten ging. Sie kam aber nicht nach New York, Boston oder Chicago, sondern in einen kleinen Trailer einer streng religiösen Baptisten-Familie "mitten im Wald". Hier habe sie angefangen zu schreiben.

Die Gastfamilie sei freundlich gewesen, habe aber alles kontrolliert. Die Texte der Musik, die Bücher, die sie aus der Bibliothek mitbrachte und aus den Versandkatalogen schnitt die Familie die Bademode heraus. "Das war für mich gar nicht so leicht", sagt Elmiger. "Also saß ich in dem Wald und habe getippt und zwar auf deutsch und dann konnte das auch gar niemand lesen." Schon damals habe sie kein Tagebuch geschrieben, sondern versucht das Erlebte in einen Text zu verwandeln.

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