Als Gastgeschenk überreichte Davinder Singh Björn Gutzeit (mit Krawatte) und Kerry Reddington ein Bild vom Tempel in Amritsar.
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Als Gastgeschenk überreichte Davinder Singh Björn Gutzeit (mit Krawatte) und Kerry Reddington ein Bild vom Tempel in Amritsar.

Mit offenen Armen

Die Sikhs kämpfen in Frankfurt gegen Vorurteile an

  • Michael Forst
    VonMichael Forst
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Die Sikhs kämpfen in Frankfurt gegen jegliche Vorurteile gegenüber der indischen Glaubensgemeinschaft an. Ihr Ziel: Ein gutes Miteinander - auch jenseits des Tempels.

Frankfurt-Höchst - Die Mitglieder der indischen Glaubensgemeinschaft tragen Turban und Bart, sind aber keine Islamisten. Und sie sind bemüht, dem Misstrauen mancher Menschen mit Gastfreundschaft und Offenheit zu begegnen, wie sie jetzt beim Besuch des Frankfurter Vize-Polizeipräsidenten betonten.

Alle Weltreligionen sind in Frankfurt vertreten. Grundlage für ein gutes Miteinander ist der Austausch untereinander - genau darum bemüht sich die Unterliederbacher Glaubensgemeinschaft der aus Indien stammenden Sikhs. Ihre Tempel-Türen direkt neben der Jahrhunderthalle öffnen sie gerne für Besucher. Mit Frankfurts Vize-Polizeipräsident Björn Gutzeit besuchte jetzt ein hoher Gast die 450 Familien umfassende Gemeinde, die erste und größte in der Stadt. "Seit fast 40 Jahren sind wir hier beheimatet. Wir fühlen uns wohl in Deutschland, wollen uns auch unsere Leistung gut integrieren", begrüßte Davinder Singh, "Chairman", also Vorsitzender der Gemeinde, den Vize-Polizeipräsidenten vor etwa 30 Besuchern, Männern, Frauen und Jugendlichen. Es gebe immer mal wieder Fälle von Diskriminierung, die er in seinem Berufsalltag als Taxiunternehmer mit Fahrgästen erlebe. "Doch mit der Polizei und den Behörden haben wir nur gute Erfahrungen gemacht", betonte Singh.

Frankfurt: Sikhs gegen rassistische Vorurteile gegenüber ihrer Religion

Manchmal steckt nach seinen Worten schlicht Unwissenheit hinter rassistischen Ausbrüchen: Wegen ihrer Turbane und Bärte würden Sikhs oft für Islamisten gehalten. Und der kleine rituelle und stumpfe Dolch, den die Gläubigen bei sich tragen, werde mit einer gefährlichen Waffe verwechselt und führe schon mal am Flughafen zu Problemen.

Das war auch Gutzeit neu - und er versprach, das Gelernte an seine Kollegen weiterzugeben. Auch um solche Vorurteile zu bekämpfen, seien Besuche wie dieser wichtig. Er wolle sich dafür einsetzen, dass der Kontakt intensiviert wird und auch Polizisten auf Streife einfach mal Station am Tempel machen sollen, wie es seine Gastgeber vorschlugen. Gutzeit zeigte sich im übrigen beeindruckt von der Gastfreundlichkeit und Wertschätzung, mit der er empfangen wurde, und sprach von einer "Vorzeige-Gemeinde, die als Beispiel für andere gelten kann".

In dieselbe Kerbe schlug Kerry Reddington, stellvertretender Vorsitzender der Kommunalen Ausländervertretung (KAV). Er hatte das Treffen im Gurdwara Sikh Center in der Silostraße eingefädelt, hat viele Freunde in der Sikh-Gemeinde und schwärmte: "Die Sikhs sind fleißig, freundlich und offen. Sie leben nicht von Sozialhilfe und füllen auch nicht unsere Gefängnisse - was will man mehr?"

Diskriminierung: Sikh-Kinder erleben oft schon Hänseleien in der Grundschule

Und doch gebe es Dinge, "die mir die Tränen in die Augen treiben", so Reddington. Die Rede ist von Hänseleien und Beleidigungen, denen gerade Sikh-Kinder in den Schulen oft ausgesetzt seien - vor allem wegen ihrer andersartigen Kleidung. So tragen die Jungen etwa einen kleinen Turban mit einem Dutt vorne. Die Eltern zu Hause rieten ihnen lediglich, es tapfer hinzunehmen - und sich den Anfeindungen zum Trotz mit noch mehr Fleiß den Respekt der anderen zu verdienen.

Das bestätigte auch der junge Informatikstudent Gurwinder Singh: "Irgendwann nach der Grundschule hören die Hänseleien dann auf. Wenn die Mitschüler merken: Der sieht zwar etwas anders aus, ist aber ein guter Typ." Auch Gurwinder Singh lobte den Besuch Gutzeits, der dabei helfen würde, "das Mysterium aus der Sikh-Religion rauszunehmen."

Als Ziel wünsche er sich mit Blick auf den Arbeitsmarkt, "dass irgendwann auch Turbanträger bei der Polizei Dienst tun können". Versprechen für die nahe Zukunft konnte ihm das Gutzeit zwar nicht. Das sei aber denkbar, wenn sich die Gesellschaft reif dafür sei. Das gegenseitige Zuhören und Kennenlernen sei der richtige Weg dahin. (Michael Forst)

Sikhs: Weltweit mehr als 25 Millionen Gläubige

Der Sikhismus wurde von dem Wanderprediger Guru Nanak (1469-1538) in Nordindien begründet. Er versuchte, damit eine Verbindung zwischen dem Hinduismus und dem Islam zu schaffen. Gläubige leben nach strengen Vorschriften: Nikotin und Alkohol sind verboten, ebenso Ehebruch und sexuelle Beziehungen vor der Ehe. Männer dürfen sich weder Haupthaar noch Bart scheren, tragen Turban, Armreif und Ritualdolch. Zur Zahl der Sikhs in Deutschland gibt es unterschiedliche Angaben: Von bis zu 50 000 gehen die Sikhs selbst aus. Religionswissenschaftler Robert Stephanus aus Münster schätzt ihre Zahl bundesweit auf bis zu 25 000. Die Stadt Frankfurt geht von rund 3000 im Stadtgebiet aus.

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