Neues, graues Frankfurt: Der privat gebaute Fernbusbahnhof ist ein Beispiel fehlender Begrünung. Diese Farbe haben hier nur Busse. FOTO: Michael Faust
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Neues, graues Frankfurt: Der privat gebaute Fernbusbahnhof ist ein Beispiel fehlender Begrünung. Diese Farbe haben hier nur Busse.

„Begrünen auf Teufel komm raus nötig“

Betonwüste Frankfurt: Begrünen ist vielen Investoren zu teuer

  • Dennis Pfeiffer-Goldmann
    VonDennis Pfeiffer-Goldmann
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Frankfurt will klimafreundlich werden, doch Investoren setzen oft noch auf Grau statt Grün. Vor allem mit Blick auf den Klimawandel muss sich was ändern, findet die Umweltdezernentin.

Frankfurt – Immer stärker heizt sich Frankfurt im Sommer auf – der Klimawandel hinterlässt Spuren. Immobilien-Investoren aber reagieren bisher kaum darauf, setzen auf Grau statt Grün. Die Stadt will das nun ändern. Ein Projekt macht es vor.

Wer per Fernbus in der Mainmetropole eintrifft, den empfängt sie Grau in Grau. Der 2019 provisorisch eröffnete Busbahnhof an der Pforzheimer Straße südlich des Hauptbahnhofs lässt Fahrgäste im Sommer in Gluthitze warten. Nur einige Büsche verstecken sich im Durchgang zwischen Hotel und Parkhaus. Die Garage ist ebenso grau, ohne Grün.

Betonwüsten in Frankfurt: „Klimawandel wird überhaupt nicht berücksichtigt“

Grau und Stein herrschen auch auf dem 2019 fertig gewordenen Quartiersplatz des Maintor-Areals unterhalb des Winx-Hochhauses auf dem einstigen Degussa-Gelände vor. In den öffentlichen Durchgänge der "Kornmarkt-Arkaden" in der Nähe ist kein Busch, kein Grashalm zu finden. Die wenigen Bäume, die früher hier neben dem Bundesrechnungshof standen, fielen dem Neubau von 2018 zum Opfer. Ebenso trist wirkt das "Flare of Frankfurt" an der Ecke Große Eschenheimer und Stiftstraße, das Ende 2019 fertig wurde.

Die Liste zeigt: Frankfurt trägt weiter grau statt grün auf. Sehr zum Ärger von Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne): "Der Klimawandel wird überhaupt nicht berücksichtigt." Nicht nur auf den Freiflächen der Bauprojekte zeige sich das. "Auch Fassaden sind oft so grau", wie das Beispiel des neuen Parkhauses am Fernbusbahnhof zeigt.

Wie kann das sein angesichts des breiten Erkenntniswandels zum Grün hin? "Die Planung liegen oftmals schon etliche Jahre zurück", erläutert Marcus Gwechenberger, Referent von Planungsdezernent Mike Josef (SPD). Das lässt Rosemarie Heilig nicht gelten: "Die Warnungen sind ja schon älter, aber keiner hörte auf die Wissenschaftler."

Frankfurter Umweltdezernentin Heilig: „Begrünung auf Teufel komm raus nötig“

Drei heiße Sommer hat Frankfurt hinter sich, nur 2021 konnten die Bürger durchatmen. Durch die Klimaveränderungen seien mehr heiße, dürre Sommer zu erwarten - die würden im Grau in Grau noch heißer, warnt Heilig. Am 26. Juli 2019 erreichte die Hitze im Westend sogar 40,2 Grad - Hessen-Rekord. "Begrünen auf Teufel komm raus ist nötig", um solches Aufheizen zu vermeiden, ist die Umweltdezernentin überzeugt. "Wir müssen erreichen, das es ein Umdenken bei den Planern gibt."

Marcus Gwechenberger beteuert namens des Planungsressorts: "Der Bewusstseinswandel, dass man begrünen und kühlen muss, ist bei uns angekommen." Das werde in Bebauungsplänen "sehr fein geregelt". In neuen Planungen würden mehr beschattete Bereiche vorgesehen wie aktuell für den Bruchfeldplatz in Niederrad. Auch die Günthersburghöfe im Nordend seien so geplant, dass der wertvolle Baumbestand erhalten bleibe, um das Wohnviertel herunterzukühlen. Allein: Das Projekt steht auf der Kippe, da die Grünen ihrem eigenen Projekt die Unterstützung entzogen.

Grüner als bisherige Neubau-Quartiere soll das "Main Yard" im Allerheiligenviertel werden. Eine Grüne Gasse entsteht zwischen Ost-Zeil und Allerheiligentor - wo vor wenigen Jahren noch Bordelle, Kriminalität und zuletzt Verwahrlosung herrschten. Ja, Grün sei vielen Projektentwicklern zu teuer, räumt René Reif ein. Mit seiner ORT-Gruppe aus München baut er das "Main Yard".

Frankfurt: Im Allerheiligenviertel soll es anders werden

"Wir möchten auch Geld verdienen, aber es muss ein gutes Projekt werden, das die Menschen mögen", sagt Reif. "Das gehört mit zu unseren Aufgaben als Projektentwickler." Begrünte Innenhöfe hat er vorgesehen hinter der Blockrandbebauung, eine autofreie, 130 Meter lange neue Quartierstraße mit vielen Bäumen. Der Kopfbau am Allerheiligentor erhält eine begrünte Fassade. Damit Vögel und Bienen im Quartier einziehen, gehört ein Ornithologe zum Planerteam. "Wir haben auch eine soziale Verantwortung", betont René Reif. Schließlich verändere sein Projekt den ganzen Mikrostandort.

Nicht nur bei neuen Vorhaben sollen Grundbesitzer künftig ans kühlende Grün denken. Auch auf vorhandenen Flächen will die Stadt das künftig mit einer Freiflächenentwicklungssatzung vorschreiben. Schottergärten sollen so der Vergangenheit angehören. Seit März hänge die Satzung von ihr und Josef im Magistrat, erklärt Rosemarie Heilig. Mit dem Start der neuen Regierung von Grünen, SPD, FDP und Volt mit dem 8. September solle das Vorhaben im Stadtparlament beschlossen werden.

Der Umweltdezernentin geht das nicht weit genug. Sie fordert ganz grundlegende Konsequenzen aus dem Klimawandel für die Stadtentwicklung: "Wir können es uns nicht leisten, weitere Grünflächen zuzubauen." (Dennis Pfeiffer-Goldmann)

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