fff_junki_261120
+
Für Jürgen (27) sind Druckräume eine wichtige Anlaufstelle. Seit seinem 16 Lebensjahr ist er drogensüchtig. foto: dpa

Bahnhofsviertel: Druckräume

Die Stadt und die Drogenabhängigen

  • vonGernot Gottwals
    schließen

Ortsbeirat diskutiert mit Gesundheitsdezernent über trauriges Dilemma

Als Reaktion auf die verschärfte Situation in der Drogenszene unter Corona-Bedingungen haben Süchtige nun rund um die Uhr Gelegenheit, Konsumräume im Bahnhofsviertel aufzusuchen. Doch viele von ihnen kommen weiterhin aus dem Umland nach Frankfurt. "Wenn ich dort das Thema anspreche, bekomme ich meist nur ein freundliches Lächeln", räumte Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne) ein.

Im Ortsbeirat 1 (Altstadt, Bahnhofsviertel, Europaviertel, Gallus, Gutleut, Innenstadt) berichtete Majer über die aktuelle Drogenszene, die sich seit der Corona-Krise auf die Straße verlagert hat, wo sich rund 100 wohnsitzlose Abhängige ständig aufhalten. Auch wenn inzwischen Hotelzimmer gemietet wurden, um dort mit Corona infizierte Drogenkonsumenten unterzubringen.

"Ich kenne das Bahnhofsviertel als langjähriger Bewohner und Sozialbezirksvorsteher und weiß daher, dass viele Drogenabhängige von außerhalb kommen", sagte Peter Metz (SPD). "Das ist wie eine Art Drogentourismus." Metz plädiert für eine Drogenhilfe-Umlage, die die Umland-Kommunen für Frankfurt bezahlen sollten.

"Dafür gibt es politisch kaum eine Handhabe", sagte Majer. Zumal in den rund 12,8 Millionen Euro, die Frankfurt im Jahr 2020 für die Drogenhilfe ausgebe, 2,16 Millionen Euro Landesmittel inbegriffen seien. Nach aktuellen Erhebungen kommen 45 Prozent der Süchtigen aus Frankfurt, 28 Prozent aus anderen Kommunen in Hessen, und 29 Prozent aus anderen Bundesländern.

Auch Krisen wie jetzt habe es in der Frankfurter Drogenpolitik immer wieder gegeben, so Majer. "In den 90er Jahren hat etwa Aids unter den Frankfurter Drogenkonsumenten für zahlreiche Tote gesorgt." Verschärft wurde die Lage, als im Frühjahr Justizvollzugsanstalten Süchtige entlassen hätten, um sich in der Corona-Krise Entlastung zu verschaffen. Viele kamen ins Bahnhofsviertel, da sie dort ihre Drogen bekommen.

Zum derzeit vieldiskutierten Züricher Modell "SIP Züri" sagte Majer, es handele sich um ein auf dortige Verhältnisse angepasstes Konfliktmanagement. Man bräuchte ein besseres "Drug-Checking", also eine Untersuchung, welche Drogen konsumiert werden und wie Heroin kontrolliert abgegeben werden könnte. Das sei vor allem bei Crack wegen gesetzlicher Vorgaben des Bundes noch nicht möglich.

Nach aktuellen Erhebungen konsumieren 52 Prozent der Süchtigen Heroin, 19 Prozent Crack, 27 Prozent Heroin und Crack. Auch Cannabis und synthetische Drogen spielen laut Majer noch eine Rolle. Ortsvorsteher Oliver Strank (SPD) betonte die Wichtigkeit der erweiterten Hilfsangebote über Corona hinaus.

Eyup Yilmaz (Linke) sprach das Thema Sanierungen und Mieterhöhungen in der Taunusstraße an. Eine schwierige Gratwanderung, wie Majer einräumte: "Das Bahnhofsviertel sollte durch geeignete Wohnungspolitik stabilisiert und vor weiterer Verwahrlosung geschützt werden, ohne dass es dabei zur Gentrifizierung kommt und die dortigen Straßen aussehen wie im Nordend." Zu Stranks Frage nach Hygienemaßnahmen im Viertel sagte Majer: "Wir lassen immer häufiger reinigen und im Vertrauen darauf wird trotzdem immer mehr Müll auf die Straße geworfen. Hier ist die Zivilcourage bei allen gefragt, die sich dort aufhalten."

"Wir sind momentan im Drogen-Notdienst in der Elbestraße und in der Integrativen Drogenhilfe in der Niddastraße in der Vorbereitung, um die Öffnungszeiten der dortigen Druckräume für ein Angebot rund im die Uhr um insgesamt sieben Stunden zu erweitern", erklärt die Leiterin Regina Ernst auf Anfrage dieser Zeitung. "Im Bahnhofsviertel leben vorwiegend Schwerstabhängige, für die wir behutsame Wege zur Überlebenshilfe finden und sie deshalb in ihrem dortigen Lebensumfeld abholen müssen." Auch wenn sie nicht aus Frankfurt kommen. Gernot Gottwals

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare