Jan Schneider, der Chef der Frankfurter CDU, sieht seine Partei vor einer Erneuerung - im Bund wie auch in Frankfurt. FOTO: renate hoyer
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Jan Schneider, der Chef der Frankfurter CDU, sieht seine Partei vor einer Erneuerung - im Bund wie auch in Frankfurt.

Frankfurter CDU-Chef im Interview

"Die Tonlage einer Großstadtpartei nicht mehr getroffen"

  • Julia Lorenz
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Jan Schneider über den Neuanfang seiner Partei und den Bundesvorsitz.

Wer wird der neue Bundesvorsitzende der CDU: Helge Braun? Norbert Röttgen? Friedrich Merz? Oder doch jemand ganz anderes? Erstmals werden die Mitglieder der Partei über ihre neue Spitze im Dezember abstimmen. Der Frankfurter CDU-Chef Jan Schneider begrüßt das Vorgehen. Auf einen Favoriten will er sich aber noch nicht festlegen.

Herr Schneider, noch bis Mittwoch können Kandidaten für den CDU-Bundesvorsitz nominiert werden. Im Dezember dürfen dann erstmals die Parteimitglieder über den neuen Mann oder die neue Frau an der Spitze abstimmen. Wie finden Sie das Vorgehen?

Ich finde das Vorgehen gut. Ich war bei der Konferenz der Kreisvorsitzenden auch in Berlin und habe mich für eine Mitgliederbefragung ausgesprochen. Das ist die richtige Antwort auf die Herausforderungen, vor denen wir momentan stehen.

Das heißt?

Es ist für unsere Partei eine noch nicht dagewesene Situation, dass wir in kurzer Folge gleich mehrere Vorsitzende verschlissen haben. Und zumindest gefühlt ist eine Diskrepanz zwischen der Basis und den Entscheidungsträgern, beispielsweise den Delegierten beim Bundesparteitag, entstanden. Deshalb ist die Mitgliederbefragung wichtig, um das Vertrauen der Basis zurückzugewinnen.

Warum?

Es darf nicht mehr der Eindruck entstehen, wie es zuletzt bei Armin Laschet zuweilen der Fall war, dass es nur ein Parteivorsitzender der Funktionäre ist. Es muss klar sein, wenn alle 400 000 CDU-Mitglieder abstimmen können, dass es danach der oder die Vorsitzende der Basis ist, auch wenn das Ergebnis knapp ausfallen sollte. Mit entsprechend breiter Brust kann er oder sie dann auch auftreten. Das ist der große Vorteil des Mitgliederentscheids.

Neben Norbert Röttgen und Friedrich Merz hat auch Kanzleramtschef Helge Braun, der ja bekanntlich aus Hessen kommt, seine Kandidatur bereits angekündigt. Was halten Sie von ihm als Parteivorsitzenden?

Alle bisherigen Kandidaten haben das Zeug dazu, die CDU zu führen. Wir haben uns aber auf die Mitgliederbefragung verständigt, um den Mitgliedern das letzte Wort zu lassen und nicht selber eigene Empfehlungen auszusprechen. Das hat der Landesvorstand ebenso wenig gemacht wie der Kreisvorstand. Und persönlich möchte ich das auch so halten.

Schade.

Es ist aber ein wichtiges Signal, dass es mit Helge Braun einen neuen Bewerber im Kreis der Kandidaten gibt. So stehen nicht nur zwei Kandidaten zur Abstimmung, die schon mal angetreten sind. Ich bin gespannt, wie die Mitglieder die Kandidaten nach den Bewerbungsrunden bewerten.

Räumen Sie Helge Braun denn Chancen ein?

Ich glaube, jeder der bisher antretenden Kandidaten hat Chancen.

Bisher sind die Kandidaten allesamt Männer. Hoffen Sie, dass sich bis Mittwoch noch eine Frau aus der Deckung wagt?

Ich würde es grundsätzlich begrüßen, wenn auch eine Frau im Rennen wäre. Keine Frage.

Wie soll die CDU den Spagat schaffen, sich nach rechts von der AfD abzugrenzen und andererseits bürgerliche Positionen zu vertreten?

Das ist seither eine Herausforderung für die Union. Als Volkspartei bündeln wir soziale, liberale und konservative Themen. Diesen Spagat haben wir seit Jahrzehnten gut gemeistert und müssen das auch in Zukunft tun. Die Abgrenzung zur AfD fällt uns nicht schwer - wir haben immer eine klare Brandmauer zwischen uns und der AfD gezogen. In Frankfurt ist die AfD für uns aber keine ernstzunehmende Konkurrenz.

Grüne und SPD aber schon. Während diese Parteien jetzt eine Koalition mit FDP und Volt bilden, ist die CDU in der Opposition gelandet.

Das ist richtig. Am vergangenen Wochenende hatten wir deshalb auch eine Klausur des Kreisvorstandes mit einer ausführlichen Wahlanalyse. Und wir müssen schon selbstkritisch sagen, dass wir die Tonlage einer Großstadtpartei zuletzt nicht mehr getroffen haben.

Und wie wollen Sie den richtigen Ton wiederfinden?

Wir müssen wieder klar herausarbeiten, was uns von anderen Parteien, aber auch der Bundes-CDU unterscheidet. Es gab Zeiten, da war der Unterschied der Frankfurter Union deutlicher zu erkennen. Beispielsweise als unter Petra Roth der Frankfurter Weg in der Drogenpolitik beschritten wurde. Wir wollen und müssen uns in den kommenden Jahren bei den Wählern wieder stärker inhaltlich als Großstadtpartei in Erinnerung rufen.

Aber wie?

Wir müssen Themen wie Familien und Bildung noch stärker in den Mittelpunkt stellen, aber auch klassische CDU-Themen wie Verkehr, Sicherheit und Wirtschaft. Und das immer mit einer konkreten Fokussierung auf die Großstadt Frankfurt.

Wann beginnen Sie damit?

Jetzt. Die Analyse ist für uns abgeschlossen. Wir schauen jetzt nach vorne. Bei unserem Parteitag im März wird es deshalb auch nicht nur um Personal gehen, sondern um unsere Themen. Wir wollen uns gemeinsam mit den Delegierten neue inhaltlichen Ziele stecken. Das ist wichtig, um in Frankfurt vor allem gegen die Grünen, aber auch auf die SPD wieder Meter gut zu machen. Denn die Aufgabe wird sein, möglichst viele verlorengegangene Wählerinnen und Wähler zurückzugewinnen. Das kann man mit klaren Positionen und gutem Team schaffen.

Auf dem Frankfurter Parteitag im März wird auch der Kreisvorsitzende neu gewählt. Treten Sie wieder an?

Ich bin bis März gewählt. Die Zeit bis dahin möchte ich nutzen, um einen Neustart unserer Partei zu ermöglichen. Alles Weitere sehen wir dann.

Sie sind seit September nicht mehr Dezernent. Wie geht es mit Ihnen weiter?

Ich habe jetzt viel Zeit für Dinge, für die ich in den vergangenen acht Jahren weniger Zeit hatte: für Familie, die Kinder, für Hobbys und Freunde. Das genieße ich momentan einfach mal. Wie es danach weitergeht, wird sich zeigen. Interview: Julia Lorenz, Florian Leclerc

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