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„Die wichtigste Botschaft lautet: Ihr müsst nicht nett sein“

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Melanie Müller ist 41 Jahre alt und Polizeihauptkommissarin. Direkt nach dem Abitur ging sie zur Polizei. Nach dem Studium an der Polizeihochschule war sie zwei Jahre lang bei der Bereitschaftspolizei in Wiesbaden tätig. 2006 bis 2010 war sie im Streifendienst der Frankfurter Polizei eingesetzt. Seit 2010 nun ist sie als Jugendkoordinatorin in Sachen Gewaltprävention in den Frankfurter Grundschulen unterwegs.
Melanie Müller ist 41 Jahre alt und Polizeihauptkommissarin. Direkt nach dem Abitur ging sie zur Polizei. Nach dem Studium an der Polizeihochschule war sie zwei Jahre lang bei der Bereitschaftspolizei in Wiesbaden tätig. 2006 bis 2010 war sie im Streifendienst der Frankfurter Polizei eingesetzt. Seit 2010 nun ist sie als Jugendkoordinatorin in Sachen Gewaltprävention in den Frankfurter Grundschulen unterwegs. © Polizei

Kommissarin Melanie Müller über ihre Arbeit mit Grundschülern

Frankfurt -Nicht mit Fremden mitgehen, auch zum netten Onkel „Nein“ sagen, bloß nicht in irgendein Auto einsteigen - um Kindern zu vermitteln, wie sie gefährlichen Situationen am besten von vornherein aus dem Weg gehen können, besuchen Jugendkoordinatoren der Frankfurter Polizei Grundschulen. Melanie Müller ist Leiterin der Jugendkoordinatoren und weiß, wo überall Gefahren für den Nachwuchs lauern können. Mit ihr sprach Sylvia A. Menzdorf.

Was genau macht eine Polizistin in der Grundschule?

Bei der Frankfurter Polizei kümmern sich insgesamt acht Polizistinnen und Polizisten als Jugendkoordinatoren unter anderem darum, die Aufmerksamkeit von Grundschulkindern für Gefahren im öffentlichen Raum zu schärfen und ihr Selbstbewusstsein zu stärken. Ich bin die Leiterin der Jugendkoordinatoren. Wir gehen in Frankfurter Grundschulen mit einem ausgearbeiteten Präven- tionsprogramm, um dort vor allem Viertklässler zu trainieren, wie sie sich in subjektiven Gefahrensituationen wehren und helfen können.

Ein wichtiger Helfer dabei ist das jeweilige Lieblingstier jedes Kindes in der Klasse. Wie funktioniert das?

Grundgedanke ist: Jedes Kind hat ein Lieblingstier. Jedes Tier hat die Kraft und Fähigkeit, in Gefahrensituationen auf unterschiedliche Weise zu reagieren. Diesen Leitgedanken spiegelt auch die Überschrift des Präventionsprogramms wider. LiTie ist die Abkürzung für Lieblingstier, Power bedeutet Macht und Einfluss auf etwas haben. Genau das wollen wir den Kindern mitgeben: das Erlernen und das Fühlen von Selbstwirksamkeit, auch und vor allem in als unangenehm oder heikel empfundenen Situationen. Außerdem stellen wir immer wieder fest, dass die Überschrift LiTie-Power bei fast allen Kindern große Neugier weckt, was das bedeuten könnte. Schon über dieses Interesse und die Aufklärung des Begriffs werden sie unaufdringlich und spielerisch ins Thema eingeführt. Der totale Eisbrecher ist dann die Frage nach dem jeweiligen Lieblingstier. Die Favoriten sind dann natürlich Hund, Katze, Hase. Gelegentlich gibt es in diesem Kontext aber auch überraschende Antworten. Ein Kind markierte die Gazelle als Lieblingstier. Das Verhaltensrepertoire ihres Lieblingstiers können Kinder übrigens sehr gut und meist äußerst differenziert beschreiben.

Und wenn das Lieblingstier eine an Mimik und Reaktionen eher arme Landschildkröte ist oder ein Marienkäfer? Oder gar ein imaginäres Einhorn?

Imaginäre Tiere wie Einhorn benannten Schüler im Präventionstraining noch nie. Aber ein exotisches Tier ist mir noch gut in Erinnerung: Ein Schüler hatte den Leguan als Lieblingstier benannt. Da musste ich erst nachlesen, wie sich das Reptil in Gefahrensituationen verhält. Aber egal, ob Landschildkröte oder Marienkäfer: Die Kinder haben sehr genaue Vorstellungen, wie das jeweilige Tier Gefahren wahrnimmt und darauf reagiert. Die Schildkröte reckt den Hals und verzieht sich, wenn’s ernst wird, in ihren Panzer. Der Marienkäfer dreht sich in die Richtung, aus der Gefahr droht, und fliegt weg.

Wie erreichen Sie Kinder, die keine Tiere mögen oder sich nicht für sie interessieren?

Ehrlich gesagt, habe ich das in den 13 Jahren, in denen ich an Frankfurter Schulen als Jugendkoordinatorin unterwegs bin, noch nie erlebt, dass ein Kind keine Tiere mag. Oftmals müssen wir Kinder eher bremsen, nicht gleich zehn Lieblingstiere zu nennen. Wichtig ist, dass sie sich auf ein Tier konzentrieren und sich die Vorstellung von dessen Abwehrverhalten für die eigene Kompetenz in Gefahrenlagen als „Power“ zunutze machen.

Sind die Eltern der Schülerinnen und Schüler eingebunden in das Programm?

Unbedingt. Ohne die Mitarbeit der Eltern wäre das Programm wahrscheinlich nur halb so hilfreich und wirksam. Wir bereiten die Eltern im Rahmen eines Elternabends vor und binden sie direkt ein, auch indem wir sie ein paar der Übungen, die wir später mit den Kindern machen, ausprobieren lassen. Die Eltern sind regelmäßig hochmotiviert.

Auf die Eltern kommt es wesentlich an: Sie, und nur sie allein, definieren in der Nacharbeit mit ihren Kindern, wer beispielsweise als Fremder anzusehen ist. Ist es der Bauarbeiter, der seit drei Wochen auf der Baustelle nebenan zu tun hat? Ist es der Postbote, der täglich kommt? Hintergrund der engen Einbindung der Eltern ist der Umstand, dass wir von der Polizei Frankfurt im Rahmen des Programms zweimal, im Abstand von mehreren Wochen, in dieselbe Klasse gehen und mit den Schülerinnen und Schülern üben. Für den nachhaltigen Lernerfolg ist es aber günstig, wenn Eltern zwischen diesen beiden Terminen und vor allem anschließend immer wieder mit dem Kind üben.

Ist es wichtig für das Gelingen, dass die Eltern Deutsch können?

Auf den Elternabenden stellen wir uns und das Präventionsprogramm auf Deutsch vor. Manche Schulen bestellen Dolmetscher. Bei der Polizei Frankfurt bereiten wir gerade vor, den Eltern zukünftig eine schriftliche Zusammenfassung des Programms an die Hand zu geben, und das dann auch neben Deutsch in weiteren Sprachen.

Sind die Lehrer wichtig für den Erfolg des Programms?

Die Lehrer sind als Multiplikatoren sehr wichtig und sie werden von uns auch dahingehend geschult. Wenn wir in die Klasse kommen, hat die Klassenlehrerin, der Klassenlehrer schon alles vorbereitet: Die Kinder sitzen im Stuhlkreis, haben Namenskärtchen. Wenn ich mit den Kindern arbeite, ist der Klassenlehrer, die Klassenlehrerin zwar anwesend, aber gewissermaßen an der Seitenlinie. Und manchmal haben sie sogar ein persönliches Aha-Erlebnis: wenn sie sehen, dass im Unterricht sehr stille oder scheue Kinder in dem neuen Kontext lebhaft werden und aus sich heraus gehen. Das höre ich immer wieder von Lehrkräften.

Seit wann gibt es LiTie-Power?

Die Bezeichnung ist noch recht jung. Das Präventionsprogramm ist aber schon länger erprobt und bestens etabliert. Mit der neuen Überschrift wollen wir vor allem das Interesse der Kinder wecken.

Wie genau sollen Kinder von dem Programm profitieren?

Die Kinder werden in Rollenspielen sensibilisiert für Gefahren, denen sie insbesondere im nicht geschützten Raum begegnen können. Da geht es vor allem um Übergriffe unterschiedlicher Art durch für das Kind fremde Personen. Wichtigste Botschaften des Programms sind: Ihr müsst nicht nett sein. Und: Traut eurem Gefühl. Dabei lernen die Kinder, wie sie Gefahren erkennen können und vor allem, dass sie ihrem eigenen Gefühl wie Angst trauen können und danach handeln sollten. Dass Angst die ganz persönliche Alarmanlage ist. Und da kommt natürlich wieder das Lieblingstier ins Spiel: Was macht der Hund, wenn er Angst hat? Die Kinder wissen genau: Der Hund bellt und rennt weg. Die Analogie zum eigenen Handeln ist dann schnell hergestellt: Das Kind sollte, konfrontiert mit einer Angst machenden Situation, schreien und wegrennen. Das trainieren wir dann auch ausgiebig. Die Schrei-Übung gehört mit zu den beliebtesten des ganzen Programms. Das ist auch gut so: Was gut eingeübt ist, funktioniert im Ernstfall wahrscheinlich auch.

Wie nachhaltig sind die Lernerfolge?

Offenbar ziemlich gut, auch wenn wir das nicht systematisch untersuchen. Wenn ich in eine vierte Klasse komme, erkennen mich oft Fünft-, Sechstklässler, die das Programm schon lange hinter sich haben, wieder und wissen noch genau, um was es ging und geht. Ob dieser nachhaltige Lernerfolg auch Ergebnis von Wiederholungen im Elternhaus oder in der Schule ist, wissen wir nicht.

Wurde das Programm pädagogisch und/oder wissenschaftlich evaluiert und begleitet?

Seit 2019 haben Wissenschaftler der Evangelischen Hochschule Darmstadt unser Präventionsprogramm unter die Lupe genommen und evaluiert. 2022 kam das für uns sehr erfreuliche Experten-Urteil: LiTie-Power ist ein passgenaues Programm für die Stärkung der Selbstwirksamkeit von Kindern. Ein für uns ebenfalls äußerst erfreulicher Nebeneffekt ist, dass durch die Präventionsarbeit in Schulen das Vertrauen in die Institution Polizei bei allen Beteiligten gestärkt wird, also nicht nur bei den Kindern, sondern auch bei den Eltern und den Lehrkräften.

Seit wann leisten Sie Präventionsarbeit in Frankfurter Schulen?

Seit 2010 bin ich als Jugendkoordinatorin bei der Frankfurter Polizei tätig. Eigentlich war es ein Zufall, wie ich dazu gekommen bin. Ich wollte mich innerhalb der Polizei weiterentwickeln. Da wurde mir, zunächst befristet auf ein Jahr, diese Stelle angeboten. Inzwischen leite ich das Team Jugendprävention.

Ist Schularbeit bei der Frankfurter Polizei Frauensache?

Keineswegs. Das Team besteht aus acht Polizeibeamten, fünf Frauen und drei Männern.

Wir sind eine Abteilung der Kriminalinspektion 50 der Frankfurter Kriminalpolizei.

Nun haben die Schüler bald Sommerferien? Sie auch?

Das wäre schön. Tatsächlich arbeiten wir während der Schulferien das auf, was wir während der Schulzeit nicht schaffen. Das ist vor allem Administratives. Aber wir bereiten auch Veranstaltungen vor und arbeiten an neuen Konzepten. Von Ferien kann also nicht die Rede sein.

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