Prof. Katrin Böhning-Gaese, Gewinnerin des Deutschen Umweltpreises 2021, bei der Feldarbeit in der Mongolei, wo sie versucht, Gazellen zu fangen und mit einem Sender zu versehen, um mehr über deren Bewegungsverhalten zu lernen.
+
Prof. Katrin Böhning-Gaese, Gewinnerin des Deutschen Umweltpreises 2021, bei der Feldarbeit in der Mongolei, wo sie versucht, Gazellen zu fangen und mit einem Sender zu versehen, um mehr über deren Bewegungsverhalten zu lernen.

Interview

"Die Zukunftsaussichten waren noch nie so schlecht"

  • Sarah Bernhard
    VonSarah Bernhard
    schließen

Katrin Böhning-Gaese hat den Deutschen Umweltpreis für ihre Forschung zu Biodiversität und Vogelwelt bekommen. Wir haben mit ihr gesprochen.

Die Diversitätsforscherin Prof. Katrin Böhning-Gaese hat vor kurzem den Umweltpreis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) bekommen, der als der wichtigste Umweltpreis Deutschlands gilt. Mit Redakteurin Sarah Bernhard sprach die 56-Jährige über die gelungene Überraschung, die Agrarwende und die Frage, warum Vögel glücklich machen.

Frau Böhning-Gaese, hatten Sie mit dem Preis gerechnet?

Ich wusste nicht einmal, dass ich nominiert bin! Es hat nach dem Anruf dann auch ein paar Tage gebraucht, bis ich es wirklich realisiert hatte.

Sie haben sich laut DBU einen "international herausragenden Namen speziell auf dem Gebiet der Makroökologie" gemacht. Was ist das?

Das ist die Epidemiologie der Ökologie. Man hat nicht das einzelne Ereignis in Blick, sondern nutzt alle verfügbaren Daten, um zum Beispiel Langzeittrends von Arten zu identifizieren oder herauszufinden, wo der Artenreichtum am höchsten ist und warum. Man könnte es auch mit einem impressionistischen Gemälde vergleichen: Von nahem erkennt man nichts, aber wenn man einen Schritt zurücktritt, sieht man ein großes Bild.

Und, was sehen Sie?

Zum Beispiel, dass die Vögel der Agrarlandschaft abnehmen. Und zwar alle zehn Jahre um zehn Prozent.

Warum das?

Die Landwirtschaft ist stark auf Produktivität ausgerichtet. Die Felder werden nach der Ernte sofort wieder eingesät und mit Glyphosat behandelt. Feldvögel finden kein Korn mehr und können nirgends mehr brüten, weil Hecken und Gräben verschwunden sind. Parallel dazu nimmt auch die Zahl der Insekten, Würmer und anderen Organismen ab.

Ich könnte jetzt sagen: Ja und?

Wenn das noch extremer wird, haben wir keine Bestäuber für Apfel-, Birnen- oder Aprikosenplantagen mehr, das funktioniert nämlich allein über Insekten. Die Ernteeinträge werden geringer. Außerdem wird mehr Stickstoff aus dem Dünger ins Grundwasser gelangen. Dann können wir unser Leitungswasser nicht mehr trinken oder müssen es mit sehr teuren technischen Lösungen aufbereiten. Wir wissen, dass es in Ökosystemen Kipppunkte gibt, hinter die zurückzukommen unmöglich oder zumindest sehr aufwändig ist. Aber wir wissen noch nicht, wann einer dieser Punkte erreicht sein wird. Wir sollten also vorsichtig sein.

Über dieses Thema haben Sie vor 30 Jahren bereits Ihre Doktorarbeit geschrieben. Hat sich seitdem etwas verändert?

Früher hat man veröffentlicht und keiner hat es wahrgenommen. Jetzt steht es auf der politischen Agenda, auch wenn im Wahlkampf der Klimawandel dominiert hat.

Die DBU schreibt weiter, dass Sie "maßgeblich die Grundlagen für die Empfehlungen der Zukunftskommission Landwirtschaft für eine Agrarwende in Deutschland" gelegt haben. Wie das?

Nach der Veröffentlichung der sogenannten Krefelder Studie im Jahr 2017, die einen dramatischen Rückgang der Insekten festgestellt hat, wurde bei der Leopoldina, der Nationalen Akademie der Wissenschaften, eine Stellungnahme angeregt. Die Leopoldina fragte wiederum bei mir an. Die Zukunftskommission hatte dann die Aufgabe, verschiedene Akteure zu einem Kompromiss zu bringen. Das hat geklappt, und viele der Ideen aus der Stellungnahme finden sich auch im Abschlussdokument der Kommission.

Welche denn?

Nur zu sagen "Landwirte, ihr braucht eine Ökologisierung!" greift zu kurz, denn das Thema ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Wir brauchen eine neue Agrarpolitik, bei der Brüssel die Förderung nicht mehr an die bewirtschaftete Fläche koppelt. Wir brauchen Innovationen in der Technik, einerseits, indem wir dürreresistentere und schädlingstolerantere Pflanzen züchten, aber auch, indem wir Robotik und Digitalisierung nutzen. Theoretisch könnte man mit modernen Agrarrobotern biodiverse Felder pflanzen, aber das steckt noch in den Kinderschuhen. Dann müssen Landwirte stärker die Chancen der Direktvermarkung nutzen, damit es ein größeres Angebot an regional, saisonal und biodivers angebauten Produkten gibt...

Was sind denn biodivers angebaute Produkte?

Produkte, deren Anbau auch Insekten, Vögeln und Wildkräutern Lebensraum geboten wird. Am biodiversesten ist Bio, aber es gibt auch eine Ökologisierung des konventionellen Anbaus, zum Beispiel bei der Weidehaltung.

Hatten Sie noch weitere Ideen zur Agrarwende?

Ja, denn das bisher Gesagte greift immer noch zu kurz. Zusätzlich muss es auch eine Veränderung in der Gesellschaft geben. Unser Fußabdruck im globalen Süden ist jetzt schon viel größer als in Deutschland. Da biodivers und ökologisch angebaute Arten im Mittel ein Viertel weniger Ertrag bringen, würde er noch einmal größer. Das lässt sich dadurch auffangen, dass wir unser Einkaufs- und Konsumverhalten ändern, also weniger tierische Produkte essen und die dramatische Lebensmittelverschwendung reduzieren. Schließlich muss sich auch der Lebensmittelhandel wandeln, biodivers angebaute Produkte müssen gekennzeichnet werden, wir brauchen wieder regionalere Schlachtereien und Molkereien. Und dann müssten die Institutionen diese Ideen stärken. Wenn biodivers angebaute Produkte zum Beispiel in Kantinen und der öffentlichen Verpflegung subventioniert würden, bekämen wir sie in der Fläche verbreitet und könnten auch den ökonomisch Schwachen eine gesunde Ernährung anbieten.

Puh. Ist das nicht ein bisschen viel auf einmal?!

Dachten wir auch, aber im Gegenteil: Dadurch, dass die Schuld nicht allein bei der Landwirtschaft gesucht wurde, sondern jeder Einzelne gefordert war, wurde es möglich, Kompromisse zu schließen.

Glaubt man Ihrer Forschung, hätte ein Rückgang der Vogelarten noch eine weitere Konsequenz. Sie wollen herausgefunden haben, dass Vögel glücklich machen.

Der Zusammenhang ist noch nicht kausal nachgewiesen, aber statistisch gibt es ihn. Wir haben auf die Daten einer Befragung von 35 000 Europäern zurückgegriffen, die unter anderem ihre Zufriedenheit auf einer Skala von 1 bis 10 bewerten sollten. Dieses Maß fürs Glücklichsein wurde mit verschiedenen Faktoren in Beziehung gesetzt, etwa Einkommen, Familienstand, Alter oder Gottesdienstbesuchen. Wir haben dann getestet, wie es mit der Natur aussieht. Also wie viele Arten von Vögeln, Bäumen oder Säugetieren es im Umfeld gibt, ob viele Grünflächen oder Naturschutzgebiete in der Region sind und so weiter. Der signifikanteste Faktor war die Zahl der Vogelarten. Es stellte sich sogar heraus, dass 14 Vogelarten mehr im Umfeld genauso glücklich machen wie 124 Euro zusätzliches Einkommen. Das habe ich nicht erwartet, und auch nicht die beeindruckende Effektstärke. Wir haben das auf deutscher Ebene wiederholt, und auch da gab es einen Zusammenhang zwischen der Zahl der Vogelarten und der mentalen Gesundheit.

Der da wäre?

Es könnte sein, dass der Gesang unbewusst wahrgenommen wird, was dann der positiven Wirkung von Musik entspräche. Vogelgesang könnte aber auch ein Indikator für eine gesunde Landschaft sein, in der sich auch die Menschen wohlfühlen. Da gibt es aber noch viel Forschungsbedarf.

Bereuen Sie manchmal, dass Sie nicht zu etwas weniger Komplexem forschen?

Überhaupt nicht. Ich fühle mich dadurch herausgefordert.

Sie wurden auch ausgewählt, weil Sie ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse sehr engagiert "in gesellschaftliche und politische Entscheidungsprozesse einbringen. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Wegen der Menschen. Die Forschungsergebnisse sind erschreckend: Der weltweite Wohlstand war noch nie so hoch und gleichzeitig die Zukunftsaussichten noch nie so schlecht. Wir sprechen über existenzielle Bedrohungen für zukünftige Generationen. Das heißt, die jetzige Generation muss das Steuer herumreißen. Ich als Wissenschaftlerin sehe mich in der Verantwortung, das zu kommunizieren.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare