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Martin Müller ist der Geschäftsführer der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte, die sich in 37 Ländern engagiert.

Gesellschaft mit Sitz am Main ist weltweit aktiv

Im Dienst der Menschenrechte

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In 37 Ländern kümmert sich die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte um politische Gefangene, Kriegsflüchtlinge, verfolgte Minderheiten, Demokratie- oder Menschenrechtsaktivisten. Gegründet wurde sie 1972 in Frankfurt. Auch heute noch sind in Frankfurt die deutsche Geschäftsführung und das internationale Sekretariat ansässig.

„Die Menschenrechte“, sagt Martin Müller (58), „spielen für mich schon immer eine Rolle, wenn auch nie so intensiv wie heute.“ Aber auch in jenen neun Jahre, die der promovierte Betriebswirtschaftler und Entwicklungsökonom als Dozent einer Wirtschaftshochschule in Indonesien verbrachte, waren sie sein großes Thema.

Dort leben auf der westlichen Hauptinsel, Neuguinea, die Papua, die rund 260 verschiedene Sprachen sprechen. „Es herrscht dort ein starker Rassismus, der dazu führt, das die indigenen Gruppen stark in Bedrängnis geraten.“ Etwa, weil die Regierung des größten islamischen Landes der Erde versucht, in der Region Menschen von der Insel Java anzusiedeln. „Mit meinen Studenten besuchte ich Häftlinge im Gefängnis. Für die schwierige Lage wurde ich auch durch die persönlichen Geschichten meiner Studenten sensibilisiert.“ Schon das Zeigen der Flagge des nach Unabhängigkeit strebenden West-Papua werde mit Gefängnis geahndet.

Heute befasst sich Martin Müller hauptberuflich mit dem Thema Menschenrechte, und das weltweit: Seit dem 1. Juni ist er der Geschäftsführer der Deutschen Sektion der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) – und damit quasi ihr Hauptgeschäftsführer: Nicht nur wurde die Organisation am 8. April 1972 in Frankfurt als „Gesellschaft für Menschenrechte“ gegründet und ist damit, wie Müller sagt, die „Keimzelle“ der heute 37 Ländergruppen. Die Geschäftsstelle in der Borsigallee 9 ist obendrein „Gastgeber“ des internationalen Sekretariats und nimmt somit auch die Aufgaben der Dachorganisation wahr.

Die Palette der Menschenrechtsthemen, die die IGFM und ihre weltweit 35 000 Mitglieder – 3000 davon alleine in Deutschland – bearbeiten, ist breit, erklärt Müller.

„Ein Thema, das uns zurzeit sehr unter den Nägeln brennt, ist die Situation der koptischen Christen in Ägypten und die Angriffe auf Kirchen dort.“ Zwar trete der derzeitige Präsident, Abd el-Fattah al-Sisi, mehr für die Kopten ein als sein Vorgänger. Aber der Hass in der Bevölkerung sitze so tief, dass immer wieder Kirchen überfallen und angezündet werden – und die Feuerwehr schaut oft zu. Erst vor wenigen Woche habe die IGFM sich mit der koptischen Gemeinde in Frankfurt getroffen. Deren Erzählungen seien sehr bewegend gewesen. Wie schwierig die Stellung der Christen in Kairo ist, erfuhr IGFM-Mitarbeiter Max Klingberg dort beim Besuch der „Zabbalin“, der „Müllmenschen“. 60 000 Bewohner der ägyptischen Hauptstadt leben laut Wikipedia vom Müllsammeln und -sortieren. „Die meisten von ihnen sind Christen“, so Klingberg.

Ein anderer Schwerpunkt bleibt für die IGFM auch 2017 der Irak, so Martin Müller. Mit der Unterstützung der dort verfolgten Jesiden hatte eine Arbeitsgruppe der IGFM in Wittlich (Rheinland-Pfalz) begonnen. Von Frankfurt aus begleitet der irakischstämmige, hauptamtliche IGFM-Mitarbeiter Khalil Al-Rasho regelmäßig Hilfstransporte in den von kurdischen Peschmerga kontrollierten Nordirak. Von Cottbus aus organisiert IGFM-Vorstandsmitglied Sylvia Wähling Reisen von Ärzten, die Flüchtlinge im Nordirak versorgen.

„Zunächst muss der Islamische Staat dort in die Schranken gewiesen werden. Aber wie geht es danach weiter? Was können wir tun, damit sich etwas verändert?“, sagt Müller. Das Vertrauen der Menschen untereinander sei nachhaltig erschüttert, auch weil sie oft von ihren eigenen Nachbarn verraten wurden. „Wir müssen für Bildung sorgen, die Armut der Menschen reduzieren.“

Auch die Entwicklung in Kuba nach dem Tod von Fidel Castro und der vermeintlichen Öffnung des Landes beschäftigt die IGFM zurzeit sehr. „Für die Menschenrechtler hat sich dort mit Castros Tod nichts verändert.“ Der Leiter der dortigen IGFM-Gruppe, der Anwalt René Gómez Manzano, saß selbst einige Zeit im Gefängnis, weil er Bürgerrechtler vor Gericht vertreten hatte. Die IGFM arbeite eng mit den Menschenrechtlerinnen „Damen in Weiß“ zusammen.

Die IGFM mache „Lobbyarbeit für die Menschenrechte allgemein“, aber auch für einzelne Menschen und Gruppen, erklärt Müller. Etwa für die im Iran eingesperrte Frauenrechtlerin Narges Mohammadi, die auf Betreiben der IGFM am 10. Dezember mit dem Menschenrechtspreis der Stadt Weimar geehrt wurde. Immer wieder ist die Situation der Christen in der Türkei ein Thema, wo keine Kirchen mehr gebaut, noch saniert oder Priester ausgebildet werden dürfen. Und wo die assyrischen Christen nicht in ihrer Muttersprache Aramäisch, der Sprache Jesu, unterrichten dürfen. Auch eine China-Gruppe und eine Gruppe „Hongkong-Watch“ gibt es bei der IGFM. „Oft kümmern wir uns um verfolgte Christen, einfach weil sie in vielen Ländern verfolgt werden“, sagt IGFM-Sprecher Martin Lessenthin. Aber es gäbe auch andere, die Hilfe brauchen: Im Iran etwa die Religionsgruppe der Baha’i, aber auch Frauenrechts- und Demokratieaktivisten, „einfach jeder, der das theokratische System ankratzt“.

„Wir können nicht alle Not lindern. Aber dort, wo wir aktiv sind, helfen wir. Und wir können das Bewusstsein in der Bevölkerung für die Probleme schärfen“, sagt Martin Müller. Oft seien es regionale Arbeitsgruppen und -ausschüsse, oft aber auch einzelne Personen, die sich unter dem Dach der IGFM eines Themas annehmen. Daraus entsteht ein Netzwerk vieler Helfer. Rückendeckung in rechtlichen oder organisatorischen Fragen bekommen sie dabei von den hauptamtlichen Mitarbeitern der Geschäftsstelle an der Borsigallee.

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