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Keltersaison

Diese Äpfel gehören ins Glas!

  • Holger Vonhof
    vonHolger Vonhof
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Die Pressen laufen an - es gibt schon den ersten frischen Süßen auf dem Markt

Es geht wieder los - die Keltersaison beginnt. Denn Äpfel gehören ins Glas! Die Kelterei Nöll in Alt-Griesheim nimmt ab Montag, 14. September, wieder Äpfel an. Das heißt: Dann gibt es auch wieder Süßen. Alexander Nöll denkt, dass die Kelter Mitte der kommenden Woche in Betrieb gehen wird: "Wenn die Silos voll sind." Markus Werner vom gleichnamigen Sindlinger Obsthof ist schon am Keltern. Seit sechs Wochen läuft bei ihm die Ernte. "Die Sommeräpfel sind durch", sagt der Obstbauer. Zurzeit holen er und seine Helfer Herbstsorten wie Elstar, Welland, Rubin und Gala aus den Bäumen. An seinem Marktstand verkauft er bereits den frischen Süßen, außerdem roten Apfelsaft aus roten Früchten. Auch die ersten Sindlinger Selbstkelterer haben sich schon bei ihm gemeldet, um einen Termin fürs Auspressen ihrer Äpfel zu vereinbaren.

Verlust von rund 40 Prozent

Alle beklagen die gleichen Probleme: Die Äpfel sind klein, sie fallen zu früh, sind oft unreif und faulen wegen Ungeziefer. Das geht dem Profi nicht anders. "Im Frühjahr sah es nach einem tollen Obstjahr aus, mit guten Mengen", sagt Markus Werner. Aber dann kamen Trockenheit und Schädlinge. "Ich hatte alles an tierischen Schädlingen, was es gibt", stöhnt er: Blattläuse und Rostmilben setzten den Bäumen zu, Vögel pickten so viele Früchte an wie nie, und ein neuer tierischer Feinschmecker in Sindlingen tauchte auf: der Gartenschläfer, ein Verwandter des Siebenschläfers, der etliche Äpfel angefressen hat. Mäuse und Wühlmäuse setzten den Wurzeln ebenso zu wie eine Bache mit ihren Frischlingen. Unterm Strich rechnet Markus Werner mit einem Verlust von rund 40 Prozent.

Die Trockenheit tat ein Übriges. Ohne Wasser können die Bäume keine Nährstoffe aufnehmen, deshalb komme es zu Mangelerscheinungen an den Früchten. Eine flächendeckende Bewässerung scheidet aus Kostengründen aus. "Ich habe gerade so viel gewässert, dass die Bäume überleben", sagt Markus Werner. Die Früchte reiften unter diesen Bedingungen sehr unterschiedlich. Das führt wiederum dazu, dass die Helfer die Bäume nicht in einem Rutsch abernten, sondern fünf-, sechsmal pro Baum anrücken und die reifen Äpfel herauspflücken. Alles in allem also kein leichtes Jahr für den Erwerbsobstbau.

Äpfel tauschen gegen frischen Saft

Alexander Nöll hofft auf gute Erträge seiner Zulieferer: "Es ist kein Rekordjahr, aber es wird wohl eine gute Ernte." Er kauft von Obstbauern, aber auch von Privat: Ab zehn Kilo kann man die Äpfel abwiegen lassen und eintauschen gegen frisch gepressten Saft oder sich sein Kontingent aufschreiben lassen für den späteren Eintausch gegen Produkte aus dem Warensortiment. Die Nölls keltern seit 1960 gewerblich ihr Hauptprodukt, den Frankfurter Apfelwein; aber beliebt sind auch ihre Spezialitäten, vom sortenreinen Apfelwein, der aus dem Weinglas getrunken wird, bis zum spritzigen Apfel-Secco.

Weniger geerntet wird ausgerechnet im Sossenheimer Unterfeld, wo der "Sossenheimer Obstpfad" die Tradition der Streuobstwiesen beschwört: Viele Eigentümer haben das Bewirtschaften ihrer Grundstücke aufgegeben, pflegen ihre Bäume nicht mehr. Der Rundweg - erkennbar an seinem Logo, ein Grüngürteltier, das mit Obst jongliert - führt durch das Unterfeld; die Sicht geht dabei weit über Felder und Streuobstwiesen hinweg bis auf die Hochhäuser der Stadt. Noch immer sind viele alte Obstbäume zu bestaunen, auch seltene Sorten. Und weil dem Apfelwein nach alter Tradition gern die herben Speierlinge zugefügt werden, kann man auch einige alte Speierlingsbäume sehen - eine Rarität. An den Stationen erhält man viele Infos zur Pflege von Obstwiesen, aber auch über deren Beitrag zur Artenvielfalt. Der Obstpfad ist 4,5 Kilometer lang; der Start ist an der Wiesenfeldstraße, am Ortsrand von Sossenheim. An den 16 Stationen gibt es auch Spieltipps für Kinder (Papier und Wachsstift mitbringen); ein Rastplatz bietet Karikaturen von Chlodwig Poth, dem Erfinder von "Last Exit Sossenheim".

Bernd Weber, der Sprecher des Hessischen Bauernverbands, unterscheidet zwischen Tafel- und Most-, also Kelteräpfeln. "Die Mosternte war im letzten Jahr sehr schlecht", sagt er. Das lasse auf eine bessere Ernte in diesem Jahr hoffen. Denn einige Apfelsorten weisen eine hohe Alternanz, also eine starke Schwankung im Ernteertrag, auf. "Wenn sich die Äpfel in einem Jahr verausgabt haben, muss man im nächsten Jahr von einer schlechten Ernte ausgehen - und umgekehrt." Einige Äpfel hätten ein wenig Sonnenbrand, und ja, einige Obstbauern hätten viel bewässern müssen. "Aber zum Glück hatten wir dieses Jahr keine Hagelschäden."

Im November küren die Sindlinger üblicherweise ihren besten Kelterer, den Apfelweinkönig. Das ist eine durchaus ernste Angelegenheit, die aber mit viel Spaß über die Bühne geht - üblicherweise. Die Kür des Apfelweinkönigs fällt wegen Corona in der gewohnten Form aus. Es ist aber möglich, dass es eine alternative Form der Verkostung und Kür geben wird. Diese Idee wurde aufgebracht, ist aber noch nicht spruchreif.

Holger Vonhof, Heide Noll

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