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Schöne Aussichten: ABG-Geschäftsführer Frank Junker (links), Stadträtin Rosemarie Heilig und Architekt Gerhard Greiner stellten gestern beispielhafte Sanierungen von Häusern aus den 1950er Jahren im Riederwald vor.

50er-Jahre Wohnungen saniert

Diese Häuser im Riederwald könnten Schule machen

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In einem Modellprojekt hat die ABG zwei Häuserzeilen im Riederwald aus den 1950er-Jahren zu sogenannten Aktiv-Stadthäusern saniert: Sie erzeugen mehr Energie, als die Bewohner verbrauchen. Dabei kamen erstmals auch neuartige Photovoltaik-Module zum Einsatz.

Die rechteckigen Flächen an der Fassade des Hauses in der Nebeniusstraße wirken zunächst unscheinbar, fast ein wenig wie ein überdimensionierter Strichcode. Und doch bezeichnet Frankfurts Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne) sie als „Revolution“. Es handelt sich um organische Photovoltaikmodule, die kein Silizium enthalten. Damit leisten die auf der Fassade aufgebrachten Folien zwar nur einen kleinen Teil zur Stromversorgung der Häuserzeile mit den Nummern 12 bis 20 – der Löwenanteil kommt von den Modulen auf den Dächern – doch das Experiment soll zeigen, dass und wie das Konzept funktioniert.

Sichtlich beeindruckt zeigte sich Heilig gestern Vormittag beim Ortstermin mit Frank Junker, Geschäftsführer der ABG Frankfurt Holding, und Gerhard Greiner, Vorstand des Architekturbüros HHS Planer & Architekten, im Riederwald. Die städtische Wohnungsbaugesellschaft hat dort zwei Häuserzeilen aus dem Jahr 1950 saniert und auf den Standard „Effizienzhaus Plus“ gebracht. Das heißt, dass die Gebäude unter dem Strich mehr Energie erzeugen, als die Bewohner verbrauchen. Zudem kommen keine fossilen Energieträger zum Einsatz: Geheizt wird mit Erdwärme. Dafür wurden mehrere Erdsonden 99 Meter tief in den Boden getrieben.

Für die beiden Häuserzeilen wurden unterschiedliche Vorgehensweisen gewählt. Die Wohnungen in der Nebeniusstraße 11–15/Schlettweinstraße 45 hatten bereits einen Balkon und waren mit Zwei- und Drei-Zimmer-Grundrissen ausgestattet. „Sie konnten saniert werden, ohne dass die Mieter ausziehen mussten“, erklärte Junker. Hier wurden unter anderem neue Bäder eingebaut und die Balkone erneuert. Die Häuser gegenüber bestanden dagegen vor allem aus Ein-Zimmer-Appartements. Hier wurden die Grundrisse stärker verändert, während die Mieter in Ersatzwohnungen, möglichst im Quartier, untergebracht wurden. Nach Abschluss der Bauarbeiten im September 2018 konnten sie nun wieder zurückkehren.

Der Charme der 1950er Jahre sollte trotz der Sanierung nicht verloren gehen. Beim Rundgang sieht man an Kleinigkeiten wie den alten Handläufen im Treppenhaus, was damit gemeint ist. Einiges ist jedoch anders: Die Dächer beider Häuserzeilen wurden ausgebaut, womit die Zahl der Wohnungen von 48 auf 56 gestiegen ist. Auch die Mieter in der Nebeniusstraße Nummer 12–20 haben nun Balkone oder eine Dachterrasse. Zudem wurden die Wohnungen vergrößert. Insgesamt erhöhte sich die Wohnfläche von 3000 auf nunmehr 3850 Quadratmeter. Die Maßnahmen kosteten alles in allem rund 9,5 Millionen Euro. Da stellt sich unweigerlich die Frage nach der Gentrifizierung. „Die Mieten wurden angepasst“, sagte Junker zwar. „Aber wir gehen sozialverträglich vor“, ergänzte er. In der Häuserzeile, die in bewohntem Zustand saniert wurde, stiegen die Nettokaltmieten von etwa 6,50 auf 7,50 Euro pro Quadratmeter. Die Mehrkosten sollen durch Energieeinsparungen wieder wettgemacht werden. Gegenüber erhöhte sich der Preis auf rund 10 Euro pro Quadratmeter, verbunden mit einer erheblichen Steigerung des Wohnwerts. Zum überwiegenden Teil sind die bisherigen Mieter wieder eingezogen.

„Klimaschutz geht von der Kommune aus“, sagte die Umweltdezernentin zu dem Modellprojekt für Sanierung im Bestand. Das Konzept konnte im Dezember 2017 Auszeichnungen in gleich zwei Kategorien bei einem Ideenwettbewerb des Bundeswirtschaftsministeriums einheimsen. „Es sollte in der ganzen Stadt Schule machen.“

Die nun gewonnenen Erkenntnisse will die ABG weiterverfolgen: „Das ist nicht für die Galerie. Bei geeigneten Projekten wollen wir ähnlich vorgehen“, sagte Junker. Am Erlenbruch beispielsweise, „wenn der Autobahntunnel fertig ist“. Auch im Riederwald soll weiter saniert werden. Wo genau, werde derzeit noch mit der Denkmalbehörde abgestimmt, da zahlreiche Gebäude geschützt seien. So oder so hat der Straßenzug aber bereits an Attraktivität gewonnen.

In der Schlettweinstraße hatte die ABG im Rahmen eines Forschungsprojekts in den vergangenen beiden Jahren 16 Reihenhäuser mit verschiedenen Wandkonstruktionen und Energiestandards errichten lassen.

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