Stefan Majer (63) ist seit 2016 Gesundheitsdezernent, zuvor war der Politiker der Grünen fünf Jahre lang Verkehrsdezernent. Ende vergangenen Jahres hat der studierte Theologe seinen langjährigen Lebensgefährten geheiratet. In seiner Freizeit hegt und pflegt Majer seinen Garten und fährt gerne Rad. Zudem engagiert er sich im Vorstand der evangelischen Kirche Frankfurt und Offenbach. Der Glaube habe ihm in den vergangenen Monaten viel Halt gegeben, sagt Majer und erinnert sich an eine Begegnung mit dem katholischen Stadtdekan Johannes zu Eltz, der zu ihm sagte: "Herr Majer, ich bete für Sie." Diese Worte des Stadtdekans, "das habe ich in dem Moment gebraucht, das hat mir gutgetan." stef
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Stefan Majer (63) ist seit 2016 Gesundheitsdezernent, zuvor war der Politiker der Grünen fünf Jahre lang Verkehrsdezernent.

Gesundheitsdezernent

Corona in Frankfurt: "Diese Pandemie ist eine Zeit der Macher"

  • Stefanie Liedtke
    VonStefanie Liedtke
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Mehr als ein Jahr Corona-Pandemie liegt hinter Frankfurt. Wie hat die Mainmetropole diese herausfordernde Zeit gemeistert?

Herr Majer, hinter Ihnen liegt mehr als ein Jahr Corona-Pandemie. Wie haben Sie diese Zeit bisher erlebt?

Das war eine sehr besondere Zeit. Alles, was wir in dieser Zeit unternommen und entschieden haben, hatte unmittelbare Auswirkungen auf das ganz alltägliche Leben der Menschen in dieser Stadt. Hinzu kam das Wissen darum, dass es unabsehbare Folgen für diese Menschen haben kann, wenn wir nicht handeln. Aber eben auch, wenn wir handeln. Das alles verbunden mit einem Virus, über das wir am Anfang sehr wenig wussten und zu dem wir jede Woche neue Erkenntnisse gewonnen haben - da bin ich manchmal an meine persönlichen Grenzen gestoßen.

Dass all Ihr Tun und all Ihr Nicht-Tun während der Pandemie weitreichende Konsequenzen haben, dass es im Zweifel Menschenleben kosten oder Existenzen zerstören kann - wie sind Sie mit dieser Verantwortung umgegangen?

Im Mittelpunkt stand immer der Schutz der besonders gefährdeten Menschen. Ich habe mich aber auch an das erinnert, was ich in den Anfangszeiten von Aids gelernt habe, dass es nämlich eine hundertprozentige Sicherheit nicht geben kann. Stattdessen ging es um bestmögliches Risikomanagement, jeden Tag neu. Das kann auch bedeuten, dass man ganz persönlich dazu bereit sein muss, Entscheidungen von gestern heute zu revidieren.

Corona in Frankfurt: Zusammenspiel von Politik und Verwaltung erschweren Entscheidung

Welche Entscheidungen konkret meinen Sie?

Die aus meiner Sicht wichtigste Entscheidung, bei der wir nachjustiert haben, war die Maskenpflicht. Anfangs haben das viele Fachleute belächelt. Ich selbst war damals in einem Rundfunk-Interview auch sehr zurückhaltend. Gleichzeitig hat in Jena ein couragierter Oberbürgermeister eine Maskenpflicht verhängt. Da habe ich mich gefragt: Warum machen wir das hier nicht auch? Einige Tage später habe ich entschieden: Wir gehen diesen Weg, das kann viele Leben retten.

Revidiert haben Sie zu Beginn der Pandemie auch die Entscheidung mit dem Eintrachtspiel, das zunächst vor Publikum stattfinden sollte, dann aber doch ein Geisterspiel wurde. . .

Das war mir eine Lehre bezüglich des Zusammenspiels von Politik und Verwaltung.

Inwiefern?

Die Aussage des Gesundheitsamtes war damals: Die Eintracht hat ein gutes Hygienekonzept, es ist verantwortbar. Gleichzeitig wurden bundesweit alle Bundesligaspiele abgesagt. In der Situation war ein gutes Hygienekonzept nicht mehr ausreichend. Keiner hätte es verstanden, wenn die Eintracht als einzige Mannschaft hätte spielen dürfen. Deswegen haben wir diese Entscheidung korrigiert. Ich habe an dieser Stelle gelernt, dass es nicht reicht, nur die fachlichen Argumente abzuwägen, sondern dass meine politische Verantwortung auch darin besteht abzuwägen, ob diese Entscheidungen vermittelbar sind.

Frankfurt: Bundeseinheitliche Corona-Lösung sorgt für mehr Akzeptanz

Dabei waren bundesweit einheitliche Lösungen im vergangenen Jahr doch eher die Ausnahme als die Regel. . .

Ich habe in diesem Jahr Corona wirklich oft unter unserer Kleinstaaterei gelitten. Wie sollen Leute hier im Ballungsraum, die weder kommunale Grenzen, noch Ländergrenzen wahrnehmen, wie sollen die verstehen, dass wir in Frankfurt so entscheiden und ein paar Kilometer weiter ganz anders? Da ist unser föderales System, das viele Vorteile hat, an seine Grenzen gestoßen.

Sind Sie froh, dass es nun mit der Notbremse eine bundeseinheitliche Lösung gibt?

Ja, vor allem unter folgendem Gesichtspunkt: Die Akzeptanz der Corona-Regeln war in den vergangenen Wochen im freien Fall. In dieser Situation war es unbedingt erforderlich, dass endlich die Spielregeln für alle gleich sind. Das ist die einzige Chance, die wir noch haben, bis wir im Herbst dank des Impfens hoffentlich eine "neue Normalität" erreichen - aber auch das wird noch ein Leben sein mit Corona und all seinen Mutationen.

Corona: Frankfurt fehlt es nicht an Initiative

Städte wie Tübingen oder Rostock haben früh eigene Wege eingeschlagen mit groß angelegten Testkonzepten. Hat in Frankfurt der Mut dafür gefehlt?

Ich kenne die Oberbürgermeister beider Städte persönlich und habe mich darüber auch mit beiden ausgetauscht. Das sind schon beeindruckende Wege gewesen, die sie eingeschlagen haben. Diese Pandemie, das war eine Zeit der Macher.

Fehlt es in Frankfurt an Machern?

Ich habe in diesem Jahr unendlich viele tolle Macherinnen und Macher in Frankfurt erlebt.

Auch auf höchster Ebene? Den städtischen Krisenstab leiten Sie.

Es war eine Entscheidung des Oberbürgermeisters, mir diese Aufgabe zu übertragen. Ich finde, wir alle haben im Verwaltungsstab richtig gut, schnell und effektiv zusammengearbeitet.

Corona in Frankfurt: Gesundheitsdezernent spürt Verantwortung während Pandemie

Hat die Pandemie Ihre Sicht auf Ihr Amt und Ihre Aufgabe verändert?

Mir ist in diesem Jahr jeden Tag bewusst gewesen,was ich mit meinem Amtseid zum Wohle der Menschen in dieser Stadt geschworen habe und was es heißt, Verantwortung zu tragen. Ich habe zusammen mit dem Leiter des Gesundheitsamtes von jetzt auf gleich auf der Basis von Bundesgesetzen und Landesverordnungen Allgemeinverfügungen unterschrieben, die in das Leben aller Frankfurter eingegriffen haben.

Wovon haben Sie sich bei diesen weitreichenden Entscheidungen leiten lassen?

Von fachlichem Rat und einer ethischen - in meinem Fall: christlichen - Grundhaltung. Aber auch vom Wissen, wie schlimm es ist, wenn man zu alten Menschen kommt, die eine Corona-Infektion nicht überleben würden, die aber auch seit zwei Wochen keinen Besuch mehr hatten, und wenn man sie dann nicht mal in den Arm nehmen kann, wie sehr die Familien mit Kindern leiden und was das mit den Jugendlichen macht, immer nur zu Hause zu hocken mitten in der Pubertät. Diese ganz konkreten, menschlichen Dinge, die versuche ich, in meine Entscheidungen einfließen zu lassen.

Frankfurt: Gefahr des Corona-Virus schon früh realisiert

Wann haben Sie zum ersten Mal realisiert, dass Corona nicht irgendein Virus ist, sondern etwas wirklich Ernstes?

Das war zu einem ganz frühen Zeitpunkt im Januar vergangenen Jahres, als die tägliche Lagebesprechung im Gesundheitsamt einberufen wurde, wo die Infektiologen sagten: Es ist zwar noch viele Flugstunden entfernt in China, aber es wird hier ankommen. Der andere Punkt waren dann die Berichte aus den Intensivstationen über sehr schwere Verläufe, die recht schnell kamen und die uns das andere Ende dieses Infektionsgeschehens verdeutlicht haben. Und Herr Drosten hat auch dazu beigetragen.

Was hatte Christian Drosten, der bekannte Virologe der Berliner Charité, damit zu tun?

Dank ihm habe ich verstanden, was exponentielles Wachstum politisch bedeutet. Exponentielles Wachstum erfordert von Politikern eine ganz andere Art der Kommunikation und eine Entscheidungsgeschwindigkeit, die in solch einem Katastrophenfall unabdingbar ist. Deshalb habe ich auch schnell die Branddirektion hinzugezogen, die bei uns ja das Management in solchen Krisenlagen macht. Das war ungeheuer hilfreich.

Warum genau?

Das operative Krisenmanagement, das ist Aufgabe des Gesundheitsamtes: Da geht es darum, den Ausbruch in einer Schulklasse oder in einem Pflegeheim zu managen. Bezüglich des strategischen Krisenmanagement, bei dem es vor allem darum geht, immer einen Schritt voraus zu denken, hat uns die Erfahrung und die Expertise der Branddirektion sehr geholfen. Auch bei den logistischen Fragen, etwa bei der Beschaffung von Masken, aber auch beim Aufbau des Impfzentrums.

Corona stellt Schulen in Frankfurt vor Herausforderung

Sie haben die Kommunikation angesprochen. Die war vor allem in den Schulen schwierig, die Unsicherheit enorm. Sind Sie da kommunikativ an Grenzen gestoßen?

Die Kommunikation in Schulen und Kitas ist immer eine Herausforderung. Da reichte es nicht, eine Pressemitteilung oder ein Infoblatt herauszugeben. Das war und ist nonstop Krisenintervention mit jeder einzelnen betroffenen Schule, aber auch innerhalb jeder Schule. Die Materie ist jedoch so komplex, dass viele nur noch das hören, was sie gerade hören wollen und dann werden gegensätzliche Schlussfolgerungen daraus gezogen. Das ist leider teilweise in eine stille Post gekippt. Da sind wir absolut an die Grenze gekommen.

Warum haben Sie denn nicht mehr getestet?

Wir haben in Frankfurt sehr intensiv und sehr gezielt getestet. Das Gesundheitsamt hat seit Beginn der Pandemie Abertausende von Testungen in Schulen und Kitas durchgeführt. Daher wissen wir auch, dass die Schulen ein vergleichsweise sicherer Ort sind. Anlasslose Tests haben hingegen zwei Seiten. Das haben wir in der Woche vor der Notbremse erlebt. In dieser Woche waren circa 39 000 Schülerinnen und Schüler anwesend, und alle sind wenigstens einmal getestet worden. Von den zunächst 180 "positiven" Testergebnissen war am Ende nur jedes zweite, also 90, auch tatsächlich positiv. So ein falschpositives Ergebnis aber hat auch Folgen - in der Klasse, in der Familie. Das löst etwas aus in all den Menschen, die drum rum betroffen sind. Ich habe die Mitarbeiter des Gesundheitsamts oft bewundert, weil sie es während der gesamten Pandemie geschafft haben, da mit Augenmaß ranzugehen. Nicht fahrlässig auf der einen Seite, aber auch nicht hysterisch auf der anderen Seite.

Corona in Frankfurt: Als Politiker auch Opfer von Anfeindungen

Es gab viel Kritik an diesem verglichen mit anderen Kommunen und Kreisen eher lockeren Ansatz. Wie sehen Sie das heute: War das der richtige Weg?

Jeder einzelnen Infektion wurde und wird gezielt und konsequent nachgegangen. Und zwar von exzellenten Fachleuten. Man muss schon sehr weit gehen, bis man so viel infektiologische Kompetenz findet, wie in diesem Gesundheitsamt. Wir haben sowohl die erste als auch die zweite Welle wissenschaftlich ausgewertet. Das Fazit ist: Die Entscheidungen, die getroffen wurden, halten auch einer wissenschaftlichen Überprüfung stand. Ich habe trotzdem Verständnis für die Mütter und Väter, die Angst um ihre Kinder haben. Gegen diese ganz persönlichen Ängste anzuargumentieren, das ist leider manchmal ein Ding der Unmöglichkeit.

Haben Sie auch persönliche Anfeindungen erlebt in dieser Zeit?

Ich wurde vor ein paar Monaten vom Staatsschutz darauf aufmerksam gemacht, dass ich in einschlägigen, rechtsextremen Foren persönlich benannt bin. Das Titelfoto auf einer dieser Seiten war ein Galgen.

Man merkt Ihnen an: Das hat Sie nicht kaltgelassen.

Nein. (schluckt) Wenn ich Angst haben müsste, dass bei mir zu Hause ein Anschlag passiert, könnte ich diese Arbeit nicht mehr leisten. Zum Glück ist dieses Forum mittlerweile abgeschaltet.

Corona-Impfung in Frankfurt: Besonders Gefährdete haben Vorrang

Wissen Sie, wie Sie ins Visier dieser Leute gekommen sind?

Die Begründung war die zweiwöchige Maskenpflicht im Unterricht, die ich damals durchgesetzt hatte für die ersten zwei Wochen nach den Sommerferien. Das war die Begründung dafür, dass ich der Verrottetste von allen sei und ausgeschaltet werden sollte.

Ein anderes Thema, das gerade polarisiert, ist die Impfreihenfolge. Wie geht es da weiter? In Köln steuert das Gesundheitsamt gezielt soziale Brennpunkte mit einem Impfmobil an, weil dort die Inzidenzen besonders hoch sind. Was ist Ihr Plan für solche Stadtviertel?

Es ist vollkommen klar, dass die Gefährdungssituation in einem Hochhaus, in dem Hunderte von Menschen leben, eine andere ist als in einem Einfamilienhaus. Unser Ansatz bei den Impfungen ist es von Beginn an, erstmal besonders Gefährdete herauszugreifen. Das sind für uns momentan noch die Menschen zum Beispiel in Obdachlosen- und Drogenhilfeeinrichtungen, aber auch in Behinderteneinrichtungen - oder bei den freiwilligen Feuerwehren.

Soziale Brennpunkte zählen demnach nicht dazu?

Doch, aber vorher gibt es im Bereich der sozialen Gemeinschaftseinrichtungen noch ganz, ganz viel zu tun. Parallel dazu müssen wir Impfungen auch in Teilen der Stadt vorbereiten, in denen Menschen mit einem schlechteren Zugang zur Gesundheitsversorgung leben, wo die Wohnsituation schwierig ist. Das hat nicht nur Köln, das hat auch Frankfurt. Auch dort werden wir Angebote machen müssen.

Corona in Frankfurt: In den nächsten Wochen könnte Impftempo steigen

Müssten Sie dort nicht schon jetzt impfen, um die Inzidenz in ganz Frankfurt zu senken und weitere Infektionen zu vermeiden?

Wir befinden uns im Übergang von einer Situation des Impfstoffmangels hin zu einer Situation, in der wir in den nächsten Wochen hoffentlich ausreichend Impfstoff kriegen. Dann werden wir noch mehr Gas geben können, auch was solche Quartiere angeht.

Warum gibt es nach wie vor keine Inzidenzen für die verschiedenen Stadtteile? War Ihnen das bisher ein zu heißes Eisen?

Nein. Natürlich haben wir die Möglichkeit, die Daten auch regional differenziert auszuwerten und das werden wir auch. Ich bin mir sicher, dass die Auswertung am Ende zeigen wird, dass Corona auch eine soziale Frage ist.

Corona und Frankfurt: Koalitionsverhandlungen für die neue Stadtregierung

Sie stecken mit den Grünen gerade mitten in den Koalitionsverhandlungen für die neue Stadtregierung. Dabei geht es auch um Posten. Bleiben Sie Gesundheitsdezernent?

Die Gespräche verlaufen in einer guten Atmosphäre und wir hoffen, dass wir bald all diese Geheimnisse lüften können.

Anders gefragt: Kann der Frankfurter Gesundheitsdezernent es verantworten, mitten in einer pandemischen Lage ein neues Amt anzutreten?

Keiner ist unersetzlich, aber ich liebe mein Amt.

Interview: Stefanie Liedtke

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