Frankfurt Nizza
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Exotisches Frankfurt Nizza

Diese Pflanzen dürften eigentlich gar nicht in Frankfurt wachsen

  • VonDominik Rinkart
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Oleander, Pinie, Palmen: Eigentlich gehören diese Pflanzen nach Süden, in ein subtropisches Klima. Doch an einem Fleck in Frankfurt ist es tatsächlich möglich, dass diese Pflanzen auch hier blühen: Dem Frankfurter Nizza-Ufer. Schuld ist ein Mikroklima.

Am Fuße der Untermainbrücke, im Schatten der Kaimauer verbirgt sich ein mystischer Ort. Nur wenige Meter entfernt von Hochhäusern, Autolärm und schnöden Großstadtwiesen liegt Nizza: Jenes Fleckchen am Main, dass es so eigentlich gar nicht geben dürfte. Denn hier wachsen Palmen, Eukalyptus, sogar ein Oleander; Pflanzen die in Deutschland eigentlich fehl am Platz sind. Doch diese Naturgesetze scheinen hier nicht zu gelten. Schuld ist ein Mikroklima, dass auf diesen wenigen Metern subtropische Platzen blühen lässt.

Das sagt zumindest Rainer Gesell. Wissenschaftlich bestätigt wurde dieses Mikroklima nie, doch der leidenschaftliche Pflanzenfreund weiß, was südländische Pflanzen brauchen und dort am Mainufer findet er bestmögliche Bedingungen vor, ungewöhnliche Pflanzen in Frankfurt wachsen zu lassen. Das bestätigt auch Dr. Hilke Steinecke, Kustodin des Frankfurter Palmengartens. So wird die Lage am Nizza von vier Faktoren begünstigt:

All diese Aspekte treffen auf das Frankfurter Nizza zu. Doch Gesell betont auch: „Das mit dem Mikroklima darf man nicht überschätzen.“  Es ist immer noch harte Arbeit nötig, damit die subtropischen Gewächse, der insgesamt 200 Arten, einen deutschen Winter überleben. Doch Gesell und die Gärtner des Grünflächenamts kennen alle Fertigkeiten und Tricks, um selbst Unmögliches zu vollbringen. Wie etwa beim Oleander. Diesen hat Gesells Frau vor knapp zehn Jahren auf dem Sperrmüll gefunden. Eigentlich ist diese Pflanze aus dem Mittelmeerraum und Asien absolut nicht winterfest, doch mit grünem Daumen und großem Aufwand haben die Pflanzen-Profis der Stadt ihn bisher durch jeden Winter gebracht.   

Ebenso wie die japanische Faserbanane. Vor dem Winter bedecken die Gärtner des Grünflächenamts deren Wurzeln mit einer großen Menge Laub. Alles was oben herausschaut stirbt im Winter zwar ab, doch die Wurzeln überleben und im nächsten Jahr gibt es neue Triebe. Diese wachsen so schnell, dass man der Bananenpflanze nahezu beim Wachsen zusehen kann. Da ihre Triebe jährlich absterben, können ihre Früchte jedoch nicht ausreifen. Essbar wären sie allerdings ohnehin nicht.

Genau wie der Jerusalem-Salbei. Mit seinen gelben Blüten ist der Zierbaum ein echter Hingucker im Nizza. Doch nicht jeder Pflanze sieht der Botanik-Laie an, dass sie etwas Besonderes ist. Wie etwa dem Ginster, der aus dem afrikanischen Atlasgebirge stammt. Seine gelben Blüten sehen auf dem ersten Blick nicht nach Subtropen aus, eine Seltenheit ist die giftige Pflanze in diesen Breiten jedoch in jedem Fall.

Im Volksmund wird die Pflanzenwelt im Nizza gerne als „mediterraner Garten“ bezeichnet. „Das ist so nicht richtig“, korrigiert Gesell, denn genaugenommen sind es subtropische Pflanzen aus allen fünf Kontinenten. Doch damit der Tropen-Flair auch dem Laien ins Augen springt, dürfen drei Pflanzen nicht fehlen: „Die Bananen, die Palmen und die Yuccas – ohne die würden Sie gar nicht erkennen, dass das hier ein südländischer Garten ist“, erklärt Gesell. So wurde auch das Rondell vor der örtlichen Gastronomie mit Yuccas ausgestattet.

Ein Spaziergang im Frankfurter Nizza ist wie ein Ausflug in den Süden Europas. Eine große Schirmpinie spendet Schatten, die Lorbeerkirsche sorgt mit ihren vielen kleinen weiß-gelben Blüten für Blütenpracht, eine Palisaden-Wolfsmilch zeigt stolz ihre trichterförmigen Blütenblätter und ein Erdbeerbaum präsentiert seine grünen Früchte. In Portugal werde darauf ein Schnaps gemacht, streut Gesell eine kleine Info ein. Zu seinen Lieblingspflanzen zählt die große Korkeiche. Nach 25 Jahren kann deren dicke Rinde erstmals geschält werden, alle weiteren 15 Jahre schließlich auf ein Neues. Nicht nur Weinkorken, auch edle Fußböden werden aus diesem Rohstoff produziert.  

Leider, so muss Rainer Gesell immer wieder schmerzlich feststellen, schätzen nicht alle dieses Biotop wirklich wert. Urin, Müll und nicht angeleinte Hunde machen seiner Pflanzenwelt zu schaffen. Auch geklaut werde immer wieder. Zahlreiche Pflanzen züchtet Gesell im eigenen Garten zur Reserve, doch nicht für alle Pflanzen gibt es Ersatz, manch sind sehr selten. Auch Obdachlose würden sich immer mal wieder dort niederlassen. Seit etwa anderthalb Jahren umschließt daher ein Bauzaun die Grünanlage und macht diese nur noch von 7 bis 21 Uhr zugänglich. Voraussichtlich dieses Jahr soll der Bauzaun durch einen festen Zaun ersetzt werden. 

Manch eine Pflanze behilft sich bereits selbst gegen unliebsamen Besuch. So etwa die Bitterorange. Diese asiatische Mischung aus Pampelmuse und Mandarine, duftet zwar sehr gut, zeigt mit ihren langen, spitzen Stacheln jedoch Verteidigungsqualitäten. Gegen die größte natürliche Gefahr am Main ist jedoch auch sie machtlos. Überschwemmung. Tritt der Main über die Ufer steht dort nämlich alles unter Wasser. Das könnte vielen Pflanzen zum Verhängnis werden.

In keinem Fall sollten jedoch die Regenerierungsfähigkeiten der Natur unterschätzt werden. Eine Pflanze für die es keinen deutschen Namen gibt, die Sycopsis Sinensis, hat einen gut sichtbaren Frostschaden erlitten. Ein Großteil ihrer Blätter ist braun. Da das Frühjahr sehr sonnig war, hatten sich die Blätter schon entwickelt, der neuerliche Wintereinbruch hat die Wasserkanäle der Pflanze dann zufrieren und die Blätter somit absterben lassen. Doch Gesell bleibt entspannt: „Das wächst sich wieder raus!“

Insgesamt 200 verschiedene Arten sind auf der kleinen Grünanlage am Main zu finden. Hobbybotaniker können sich hier mit Freude sattsehen. Aus Japan stammt etwa die bambusblättrige Eiche und aus den USA die kalifornische Zistrose. Den Samen für den kalifornischen Lorbeer hat Gesell selbst aus dem botanischen Garten in Straßburg mitgebracht. Ebenfalls amerikanische Gäste sind die in Nordamerika beheimatete und violett glänzende Säckelblume sowie die immergrüne Magnolie mit ihren imposant großen Blüten.  

Doch nicht alle exotischen Pflanzen befinden sich in Frankfurt an einem ungewöhnlichen Ort. Die Andentanne etwa stammt aus Chile doch Gesell betont: „Die wächst hier auch im Vordertaunus.“ Ihre Kennzeichen sind vor allem die große Winterhärte und ihr langsames Wachstum. Aus dem eigenen Garten dürften viele auch den Feigenbaum kennen. Dieser ist ebenso im Nizza zu finden, wie eine Kiwi-Baum oder die Mispel. Und auch ein Kaki-Baum zeigt sich mit seinen quadratischen Blüten.

Offiziell ist das Grünflächenamt der Stadt für die Anlage zuständig, doch die Bestellung neuer Pflanzen und die konzeptionelle Beratung ist nach wie vor Sache von Rainer Gesell. Zudem bietet er regelmäßig Führungen an. Die nächste Führung im Nizza findet am 16. Juni um 17 Uhr statt. Treffpunkt ist am unteren Ende des Treppenabgangs der Untermainbrücke. Die Führung dauert 1 ½ bis 2 Stunden und kostet 4€. Kinder bis 16 Jahren dürfen kostenlos dabei sein.

Alle Pflanzen sehen Sie noch einmal in voller Pracht in dieser Bilderstrecke.

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